New York ist Discogeschichte. Und die Discogeschichte wird gerne immer wieder neu geschrieben. Adam Goldstone erzählt sie Jan Joswig und euch auf seinem neuen Album "Lower East Side Storys" als Erlösung und Glauben an die Morgenröte.
Text: jan joswig | janj@de-bug.de aus De:Bug 52

house

New York im blattgoldenen Konjunktiv
Adam Goldstone

Disco und New York. Nein, nix gähnen und abwinken. Wem dieser Mythos viel zu abgegrast erscheint, dem zeigt Adam Goldstone, wo sich die saftigen Gründe verstecken. Goldstone ist ein 31jähriger (Wahl-)New Yorker, der über das Socialisen zum Produzieren gekommen ist. Wenn man sie schon alle kennt, die legendären Typen und Typinnen auf den weißen Pferden und in den Obstschalen-ausstaffierten Lofts, dann kann man auch mit ihnen zusammenarbeiten. Und ein Konzeptalbum zur Discogeschichte der eigenen Stadt wie “Lower East Side Stories” entwerfen. Oder kennen die Typen und Typinnen ihn? Adam ist einer der New Yorker Midnightcowboys, der sich um 7 a.m. auf die Bar kniet, um für seine Drag-Cowqueens Erinnerungsfotos zu schießen (http://www.fifibear.com/credits.html), der wöchentlich feste Residents als DJ im Sleaze Factor und Planet E (Montags) und Sapphire und Ludlow Bar (Donnerstags) hat und gelegentlich für das Time Out Magazin schreibt – aber immer mit Einstecktuch. Inkarnation von und Motor für 25 Jahre Dancing Apple, der reflektierte Hipster. Der Produzent als Ausgehlöwe legt der Stadt seine Mähne als roten Teppich aus – aber vor allem Larry T und seinen schwulen Elektronächten for free -, und meißelt ihr und ihrem einzigartig hybriden Nachtleben mit pochendem Herzen ein Monument in 11 Tracks, die von Salsa über Bleep No Wave über melodramatischen Techhouse bis tröstlich-abgeklärter Schleppdisco meistens genau den Nagel in die Fuge zwischen verklärtem Gestern und stilisiertem Morgen schlagen: New York im blattgoldenen Konjunktiv, die “The Andy Warhol Diaries” als Audiofile. “Lower East Side Stories” kann nur von hier stammen, der Stadt, in der Salsa nicht Lebensfroh-Exotik für BWLer, Disco nicht Tanzschlager für Fische auf der Suche nach Fahrrädern ist und Larry Levan nach “Love is the Message” von MFSB “Cosmic Shiva” von Nina Hagen und “Once in a Lifetime” von Talking Heads gemixt hat. Analogelektronisch, trocken perkussiv, in upliftendem Moll und der glitzernden Leere hinterherspürend.

Diese Tragweite hatten die ersten beiden isolierten EPs von Goldstone als “Tiny Trendies” (Pink Music, Nuphonic) und “Cultural Mambo” (Nuphonic) nicht erahnen lassen. Tiny Trendies’ “The Sky is not Crying” war zwar eine mächtige, synthetikfunkige Düsterwalze, die Perkussiondisco auf Joy Division losließ, aber als Cultural Mambo enttäuschte Goldstone mit durchgeseichtem Pflichtübungsafrohouse.
Kaum hatte man ihn wahrgenommen und schon wieder abgehakt, da kommt “Lower East Side Stories”. Mit all seinen musizierenden Freunden/innen, die die nächste Dance your ass off-Generation als “vintage” führen wird, und Mit-70er/Früh-80er-Helden wie Jonny Sender von “Konk” (“Your Life”), Fonda Ray (“Over like a fat Rat”), DC LaRue (“Cathedrals”, “Do you want the real Thing”, immer noch mit Minipli?), und Hector Martignon, dem Pianisten von Salsa-Trommelbuddah Ray Barretto, breitet er ein Inner City-Stimmungspanorama aus, das sich viel mehr zu kämpferischer Hedonistenpolitisierung für eine Off-Guiliani-Szene unterhakt, als möglichst liberaler Für-jeden-etwas-Warenkorb zu sein.” “Lower East Side Stories” ist kein Freizeitspaß, “Lower East Side Stories” ist der Christopher Street Day, nur mit der Sorgfalt auf der Musik statt den Kostümen. Der Chor der Marginalisierten unter der Discokugel, die Waffe und Kreuz in einem ist. Ein Kreuz, das zum furiosen Finale mit “Edge of the Night” und “Alternations” in Flammen aufgeht. Zwei mal oldschoolsublimierende Spacedisco im Herzstillstandstempo von Taana Gardners “Heartbeat” mit (immer unverzichtbar!) Kuhglocke. Mit “Edge of the Night” inszeniert Goldstone eine Elefantenhochzeit zwischen den Ikonen der schwulen Siebzigerdiscocommunity Sylvester und DC LaRue. Er lässt LaRue über die kaum verstellte Beatschleife von Sylvesters “I need somebody tonight” mit ihrer Schwermutspsychedelic singen. Erlöst hier Goldstone als Disco-Prometheus Platons Mythos von der Ursprungssehnsucht der halbierten Menschen und schließt zwei offene Enden zum Ring? So viel Glauben an seinen Idealismus nötigt Goldstone einem schon ab. Und hakt mit “Alternations” mächtig nach. Fonda Ray hängt am seidenen Faden, der Track in den Seilen, und Goldstone und ich verdecken mit unseren Morgan Geist-Appreciation-Schiebermützen die Augen vor der aufziehenden Sonne. Nachdem wir eine halbe Stunde im Morgengrauen vor dem Grundstück des ehemaligen “Twelfth Floor” kontempliert haben, dichten wir aus dem Stehgreif eine Namedropping-Hymne frei nach Walt Whitman auf die Architekten des Fliegenden Living for the Night-Holländers, der keinen Ankerplatz finden darf: Sonny Davenport, Greg Carmichael, Leroy Burgess, Larry Levan, Patrick Adams, Francois Kevorkian, Joe Bataan, Bobby Orlando, Arthur Russell, Shep Pettibon, Tom Moulton, Walter Gibbons, Tony Humphries, Boyd Jarvis, Hubert Eaves III, Nick Martinelli, Arthur Baker, Frankie Knuckles, Todd Terry, Daniel Wang, Morgan Geist… Und Vorhang.

Musik (ungerecht und unvollständig wie Sau):
Larry Levan (Produktion oder Mix):
Peech Boys – Don’t make me wait, on a Journey, Life is something special, Dance Sister
Taana Gardner – Heartbeat
Padlock – Getting Hot
David Joseph – You can’t hide, Let’s live it up
Black Mamba – Vicious
Davenport, Carmichael, Burgess (Produktion):
Universal Robot Band – Barely Breaking Even
Logg – Logg
Phreeks – Weekend
Patrick Adams (Produktion):
Musique – Keep on pushin’, in the Bush
Inner Life – I’m caught up
Sine – Rotation
Shep Pettibon (Mix):
Sinnamon – He’s gonna take you home (to his house) (GIGANTISCH)
Nick Martinelli (Produktion oder Mix):
Stone – Girl I like the Way that you move
Loose Ends – Hangin’ on a String
Walter Gibbons (Mix):
Harlequin 4 – Set it off
Bettye LaVette – Dooin’ the best that I can
Arthur Russell (Produktion):
Felix – Tiger Stripes
Loose Joints – Is it all over your face
Arthur Russell – let’s go swimming
Dinosaur L – go bang
Frankie Knuckles (Mix):
First Choice – Let no Man put us under
Tony Humphries (Mix):
Visual – The Music got me

Film:
Paris is burning
Dowtown 81
Klute
Diese coole Gangreportage, die vor 8 Jahren auf Arte lief
Wild Style

Buch:
Andrew Holleran – Dancer from the Dance
Kitty Hanson – Disco Fieber
Albert Goldman – Disco

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Elektronische Lebensaspekte.