Mit ihrem neuen Album
Text: Aram Lintzel aus De:Bug 40

Eine Reise durchs Innere der Drähte

Add N To [X]

Kaum sitze ich mit Add N To [X] am Tisch, gerate ich in eine Situation, die man wohl als unheimlich bezeichnen muss. “Los, wir fassen uns jetzt alle an den Händen und versuchen Kontakt zum “Regent” aufzunehmen”, befiehlt Ann von Add N to [X], “Vielleicht kann er uns hören!” So sitze ich also in der Piano-berieselten Lounge eines Londoner Nobel-Hotels und kommuniziere wortlos mit einem Toten. Spooky!

“The Regent is Dead”, heisst der letzte Track der neuen Add N to [X]-LP, und wer sich in der Add N to [X]-Privatmythologie etwas auskennt, weiss um die Dramatik dieser Tatsache. “Revenge Of The Black Regent” hieß ein Track, der sowohl auf der ersten LP “On The Wires Of Our Nerves” als auch auf dem Nachfolger “Avant Hard” auftauchte und außerdem als Single erschien. Der “Regent” ist die kryptische Metapher für das Wollen und Tun von Add N To [X] – was bedeutetet es dann, dass der “Regent” von uns gegangen ist? Ist jetzt alles anders? “Auf jeden Fall!”, sagt Steve, ohne konkrete Angaben zu machen. “Es ist aber die Aufgabe der Journalisten und Kritiker, das herauszufinden.” Denn: “Der Regent redet normalerweise nicht mit uns”, erläutert Ann. Der Musikjournalist als Geisterbeschwörer! “Schluck!” Trotzdem: Gesagt, getan!

Maschinen auf die Couch!
Auf “Add Insult To Injury” lassen sich einige Veränderungen gegenüber der letzten Add N To [X]-LP “Avant Hard” beobachten. Insgesamt klingt die Platte zugänglicher, ausgereifter und poppiger als alles, was man bisher von den drei Art School-AbsolventInnen hören konnte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Add N To [X] sich diesmal vertrauten Harmoniefolgen angenähert haben, statt das Publikum mit kerniger Analog-Avantgarde zu attackieren. Die Referenz-Box, die sie dabei öffnen, ist nicht unbedingt naheliegend: Während bisher vor allem 70er Elektronik-Artisten als Bezugspunkte dienten, erinnern Tracks wie “Kingdom Of Shades” und “You Must Create” versteckt an melodiösen 60s-Garagepunk und -Psychedelia. “60s? Really?”, spielt Ann die Verdutzte. “Doch, doch”, antworte ich. Schließlich wurde mir die Aufgabe des Interpréte Provocateur explizit zugedacht.

Ann Shenton, Barry 7 und Steve Claydon tun gerne so, als wüssten sie nicht, was sie tun, und nennen ihr Projekt im Interview “Process Music”. Steve erklärt, was es damit auf sich hat: “Wir gehen nie mit einem fertigen Plan ins Studio. Beim Musikmachen geht es um menschliche und technische Beziehungen, und die sind letzten Endes nicht planbar. Unsere Musik ist der Effekt beiläufiger und oft zufälliger Operationen. Dass die neue Platte für dich elaborierter klingt, liegt einfach daran, dass wir bessere Musiker geworden sind.”

Wahrscheinlich ist die überraschend eingängige Pophaftigkeit von “Add Insult To Injury” in der Tat nur ein erfreulicher Oberflächeneffekt; strukturell scheint sich bei Add N To X nicht so viel geändert zu haben. Schließlich haben sie immer schon im Future Past Perfect musiziert, sprich: alte analoge Synthies auf Flohmärkten erstöbert und ihnen dann noch nie gehörte Sounds entlockt. Der Titel der letzten, famosen LP war Programm: “Avant Hard”- Vorwärts, Hardware! Analoge Maschinenkörper-Sounds statt digitale Programmabstraktion. Das gilt auch für “Add Insult To Injury” und ist dort noch toller als bisher. Denn in Kombination mit dem Harmonischen kann sich das Analoge erst richtig entfalten.

An Retroverfahren sind Add N To [X] trotz ihrer Synthie-Archäologie kaum interessiert: “Ein grosser Teil der Gesellschaft ist heute Retro, das ist keine besondere Haltung mehr. Viele Leute suchen einen anachronistischen Kontakt zur Vergangenheit, weil sie das Gefühl haben, in den neuen Technologien die Orientierung zu verlieren. Retro ist da eine Kontrollstrategie, das hat aber nichts mit unserer Vorgehensweise zu tun!”, erklärt Steve. Der Eindruck bestätigt sich beim Hören der neuen Platte; ihr “Blick in den Rückspiegel” (McLuhan) wirkt eher wie ein entfesseltes psychoanalytisches Verfahren denn wie aneignende Kontrolle. Wie der Psychotherapeut sind Add N To [X] an regressiven Zuständen interessiert, mit dem Unterschied, dass ihre Patienten Maschinen statt Menschen sind. Außerdem wollen sie aus dem vorgefundenen ES der Maschinen kein souveränes ICH generieren. Das Unheimliche soll bestehen bleiben: “Es geht uns darum, die Maschinenseelen dazu zu bringen, etwas zu tun, was sie normalerweise nicht tun würden. Gerade bei analogen Synthesizern weiss man nie so genau, was passieren wird – das ist einfach interessanter als die Vorhersehbarkeit von Computerprogrammen”, meint Barry.

Die Aufgabe des Analytikers bei dieser lustvollen Zersetzung des Maschinen-Subjekts besteht darin, die Maschinen zum freien Acting Out zu bewegen – manipulative Eingriffe beschränken sich auf das hierzu notwendige. Was bei dieser Prozedur zum Vorschein kommt, muss aber nicht immer angenehm sein, wie Anns Erfahrungen mit ihrem Moog zeigen: “Wenn ich meinen Moog anfasse, kommt immer so schwarzes geleeartiges Zeug raus; außerdem stinkt er wie Hölle. Wenn ich ihn aufmachen würde, kämen wahrscheinliche eklige organische Innereien zum Vorschein.” Abermals “Schluck!”

“Pure” is a 4-Letter-Word!
Es gibt also einiges zu entdecken im Unbewussten der Geräte, und Add N To X schauen sich das ES ihrer Low-End-Technologie mit frappierender Unerbittlichkeit an. Was diese Maschinenpsychologie musikalisch hervorbringt, ist gewissermaßen Musique Concrète ohne Umweltgeräusche. “Experimentelle Musik mit den Klängen irgendwelcher Alltagsgegenstände bringts nicht mehr, das ist alles schon gemacht worden”, meint Barry. An die Stelle der Umwelt tritt der Sound des Maschinen-Inneren, der dem “reinen Klang” nicht weniger fremd ist als die Alltagsgeräusche bei Pierre Schaeffer und seinen Nachfolgern.

Durch ihr introspektives Verfahren bringen Add N To [X] die grundlegende Verschmutzung alles angeblich Puren & Reinen zum Vorschein. Die angestrebte Ballastbefreiung diverser Minimalisten wird so als hochgradig ideologische Operation entlarvt. Denn: Das stinkende Andere (das Moog-Gedärm etc.) ist immer mit am Start; “pure” und “bare” somit nichts anderes als 4-Letter-Words.
Da kann man natürlich einwenden, dass nun eben die Maschinen die Rolle der authentischen Ausdrucksträger übernommen haben. Stimmt so aber nicht! Zwar soll das geheimnisvolle Maschinen-Innere ertönen, doch werden die hervorgegrabenen ES-Sounds in ein überaus sublimes Ganzes eingefügt. Spät, aber nicht zu spät greift das Add N to [X]-Überich doch noch ins Geschehen ein. So wirkt das auch auf “Add Insult To Injury” zum Einsatz kommende Live-Schlagzeug als ordnendes Element, welches das wuchernde Chaos in versteh- und genießbare Bedeutung (Groove, Takt, Struktur) überführt. Das Maschinen-Unbewusste wird funky gemacht – im Verbund mit den angesprochenen Harmonien eine bezaubernde Angelegenheit.

Liebe, die wir nicht verstehen
Neben energiegeladener Punk-Attitude (Ann sieht beim Interview aus wie eine 77er-Punkette, womit sie dem derzeit in englischen Modemagazinen heraufbeschworenen Punk-Revival gerecht wird), Noise-Pop und analoger Psychoanalyse spielt Emotionalität auf “Add Insult To Injury” eine zentrale Rolle. So handelt der wunderbar traurige Song “B.P.Perino” von einer Fliege, die eine problematische Liebesaffäre mit einem Computer hat. Ein utopischer Lovesong jenseits der bekannten Geschlechterverhältnisse. Mit naivem Techno-Futurismus hat das nichts zu tun, das Szenario, das Ann für die Zukunft entwirft, erscheint eher wie ein biblisches Motiv: “Auf dem nächsten Album wird der Regent wahrscheinlich von der Toten auferstehen; als eine Art Jesus-Figur. Dann wird er womöglich glücklich verheiratet sein, in einem Märchengarten leben und zwei Kinder haben. Wahrscheinlich wird er alle seine Platten verkauft haben, weil er mit Musik nichts mehr zu tun hat. Wir werden sehen!”

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: fee Magdanz aus De:Bug 23

“Wir haben dieses Raumschiff mit riesigen Plattformen. Von dort aus machen wir ganz verschiedene Dinge: unsere Songs, Videos und ich beispielsweise schreibe gerade an einer Novelle. Alle diese Dinge reflektiert unsere Musik…”, erklärt Barry Smith mit leuchtenden Augen. “Richtig,”, ergänzt ihn Ann Shenton, “und Add N to (X) ist unser Kapitän. Er fungiert als Filter für unsere Ideen, die wir als Filmemacher, Architekten oder eben Musiker haben. Er ist wie eine Krankheit, verstehst du? Vergleichbar mit einem Bündel unterschiedlicher Karrieren, die alle mit derselben Krankheit infiziert sind.” – “Alle Formen von Medien, also Fernsehen, Zeitungen oder auch Internet kontrollieren dich heute….” – “…und du brauchst uns, um krank zu werden, – um dem zu widersprechen.” Wenn man sie so über sich und ihre Musik reden hört, übersprudelnd vor Energie und voll ungestümer Begeisterung für das, was sie gerade machen oder planen, bekommt man schon manchmal das Gefühl, man hat es mit drei verrückten Forschern zu tun, ähnlich den 60er Jahre Science Fiction-Filmen, die sie so lieben. Gleichzeitig erinnern sie auch einfach an Kinder, die unaufhörlich wie ein Wasserfall von den spannenden Erlebnissen ihrer letzten Expedition in den Wald berichten. – Aber vor allem spürt man ganz deutlich, daß Musik für sie mehr als nur eine Passion ist, nämlich ihr Leben. Und es hat den Anschein, daß sich ihr Leben in einer anderen Dimension, fernab von unserer Welt abspielt. Vielleicht passiert es aber auch hier, direkt vor deiner Nase in einer deiner Maschinen! We are Add N to (X). Welcome to our World Die Initialzündung für die Pläne zum Raumschiff “Add N to (X)” kam, als Ann vor ein paar Jahren Barry kennenlernte. Damals war Ann noch Kellnerin und Barry hatte seinen Elektronik-Club “We are electric”. Ann: Wir hatten diverse Jobs, bevor ich Barry in seinem Club in London kennengelernt habe. Das war ein verrückter Club, nicht wahr Barry? Die Leute saßen da herum, relaxten oder manchmal spielten sie sogar. Barry: Es war wirklich oft sehr aufregend dort. In einem Moment tanzten die Leute frenetisch und im nächsten Augenblick sah man nur noch seltsame Schatten im Raum. Die Idee, Musik zu machen, war bei uns allen aber von Anfang an da. Wir kauften uns damals schon diese kleinen Synthesizer, die es zu der Zeit noch billig in Junk Shops und auf Straßenmärkten gab. Wir taten das nicht aus Fetischismus, sondern weil diese analogen Maschinen ein ganz eigenes Leben haben, ähnlich wie bei Dr. Who, dieser Science Fiction-Serie, weißt du? – Die englische Musikszene ist fürchterlich langweilig: Housemusik ist überall und daneben gibt es nur noch die ganze Brit-Pop-Hölle um Blur und Suede… Ann: Diese ganzen Boygroups, grauenvoll. Barry hat schon vor sechs Jahren, als ich ihn kennenlernte, Musik von Stockhausen, Walter Carlos oder Jean Jaques Perrey aufgelegt. Sachen, die heute plötzlich bei uns fürchterlich hip sind. Barry: Diese Art von Musik ist sehr aufregend und beeindruckend, viel mehr z.B. als die endlosen Wiederholungen von Techno. Sehr viele junge Bands wie Stereolab beziehen sich darauf und suchen dort ihre Anregungen. Techno definiert sich bei uns über riesige Raves und vor allem über Drogen und ist eher mainstreamig. Da es die Musik, die wir hören wollten, nirgendwo gab, waren wir also gezwungen, sie selbst zu machen. Avant Hard Alles ist Musik? – Nein, Add N to (X) sind nicht so platt in ihrer Definition. Es geht ihnen weniger darum, mit ihrer Musik Authentizität vorzugaukeln. Vielmehr ist es ihre kindliche Faszination für physikalische Phänomene und Mathematik, die sie auch im alltäglichen Motorengeräusch eine Melodie finden läßt; und Technologie als untrennbares und trotzdem eigenständiges Glied im menschlichen Leben. Ann: Uns interessierte schon immer die Beziehung zwischen Menschen und Maschinen. Auch Maschinen haben ihren eigenen Kopf. Wenn ich beispielsweise versuche, auf denen von Barry zu spielen, dann bekomme ich einen elektrischen Schlag, weil sie spüren, daß ich anders mit ihnen umgehe. Barry: Für mich ist Musik ein Paradox dessen, was Melodie und Geräusch ist. Der Sound von einem Faxgerät ist genauso interessant, wie die Beatles. Die Menschen benutzen alle diese Geräusche, um miteinander zu kommunizieren. Sie sind musikalisch. In dem Tower in London, wo ich wohne, habe ich einmal einen Sturm erlebt. Plötzlich wurden durch den Sturm die ganzen Autoalarmanlagen in der Garage des Hauses ausgelöst. Das war unglaublich: die Sounds vom Sturm in Kombination mit den Sirenen. Musik ist immer zuerst ein Geräusch. Ann: Wir wollen Musik betrachten wie Kinder. Dafür müssen wir verlernen, was Musik zu sein versucht… Wie Schallarchitektur ist auch sie eine Kombination von Sounds, vertraut und unheimlich zugleich. Wir sind dabei nicht statisch, wir sind Sklaven unserer Maschinen. Barry hat einmal bei einem Gig von uns wie wild auf eine seiner Maschinen eingeschlagen bis sie total kaputt war. Er war wütend, weil sie nicht so funktionieren wollte, wie er es verlangte. Es ist blutig und körperlich und das ist auch das, was wir mit Avant Hard meinen. Barry: Die Maschinen spielen sich selbst. Wir bedienen sie nur. Es ist jedesmal so, als ob wir in einen Löwenkäfig gehen würden, wenn wir spielen. Wir wissen nie, was uns bevorsteht, was unsere Maschinen mit uns machen werden. Metal fingers in my body Wenn Add N to (X) uns mit ihrem Raumschiff einen Besuch abstatten, so geschieht es mit dem Ziel , “ähnlich dem Prinzip eines Computervirus unter die Haut der Leute zu gelangen, sie zu infizieren”, wie Ann sagt. Manchem ist das mehr als nicht nur geheuer, wie den Zuschauern einer Modenschau von Balenciaga, wo sie im letzten Jahr über einen Bekannten von Steve Claydon – den dritten im Bunde – einen Auftritt hatten. “Als wir anfingen zu spielen, sind viele Leute aufgestanden und gegangen. Sie hatten nicht erwartet, daß es so hart würde. Es war ein fürchterliches Erlebnis, und wir waren ganz schön deprimiert hinterher.”, erklärt Steve. Ann: “Ja, die Pudel auf den Schößen der ganzen aufgetakelten Weiber haben regelrecht einen Herzstillstand bekommen. Aber es war im Nachhinein auch eine sehr gute und lustige Erfahrung. Wir haben zum ersten Mal gemerkt, daß so etwas, was Punk früher war, auch heute noch gebraucht wird. Man muß die Leute aus ihrer Lethargie reißen. Barry: Andererseits gab es auf der Modenschau auch einen Russen mit langen weißen Haaren in weiten Gewändern, der zu uns meinte: “Kümmert euch nicht darum, spielt einfach weiter. Die ganzen Idioten hier haben sowieso keine Ahnung”. Übrigens erteilte die KM in Karlsruhe Add N to (X) für ihre im Mai folgende Deutschlandtour eine Auftritts-Absage mit der Begründung, “Add N to (X) seien zu komerziell”! Ob das “moderne Zentrum für Medienkultur” vielleicht ein Problem damit hat, daß das Konzept “Avant Hard” weitaus futuristischer und moderner ist als es selbst?! ALS INFO-ZEILEN: Add N to (X)s neustes Album “Avant Hard” ist auf Mute erschienen. Nicht verpassen sollte man auch das neue Video, das ein äußerst bizarrer Porno-Trickfilm sein wird, der die Geschichte einer Frau erzählt, die sich einen Roboter besorgt, weil sie schon immer wissen wollte, wie es ist, “metal fingers” in ihrem Körper zu spüren (von Demon Seed zu Barbarella…). Sowie die Homepage von Add N to (X), die ein Fan der Band ins Leben gerufen hat und die wirklich Spaß macht. Zu finden unter http://www.Addntox.com

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Text: Sascha Kösch aus De:Bug 14

HAL 900 und die Modulare Termite Add N To X Sascha Kösch bleed@de-bug.de ”Wir machen Dinge real – Concretions eher als Equations” So als hätte die Loslösung von der Stimme in der elektronischen Musik schon alles geregelt, denkt man sich immer gerne: Ja, die elektronische Musik, das ist der Schmelztiegel in dem die modernen neuen, asubjektiven antihumanen Dinge dieser Welt zu Höchstform auflaufen. Und dann kommt eine richtige Band, die jede Taste mit ihren eigenen Fingern spielt, mit einem einfachen Satz Theorie und schon ist der große Sandkasten in zumindest unschöner Unordnung. ”Für uns sind Synthesizermusik und erst recht die Synthesizer selber zur Zeit dominiert von Drums. Drums sind das zentrale Element, aber uns geht es darum, Synthesizer und Sound zur wichtigsten Stimme in der elektronischen Musik zu machen. Synthesizer wurden und werden immer noch zu einem dekorativen Element der Musik degradiert. Zum wabernden blubbernden Etwas, anstatt die Struktur der Tracks zu übernehmen.” Und von da zu einer Art Analog Liberation Front, die Sammlerkerker gefangener Synthesizer aushebt, neue modulare Systeme entwirft, die mehr Ähnlichkeit mit 6- als mit 2-Beinern haben, und zu zwei Drummern auf der Bühne ist es nur noch ein kleiner Schritt. Add N To X lassen Zeiten wieder aufleben, die es noch nie gab. Swinging London mit einer Prise Massenmörder, Frankensteins Burgen voller konkreter Elektrizität mit slicken hellbraunen 60s-Ledermantelstyle-Fetischisten bevölkert, kettenrasselnd mit Blitzen musizieren in beweglichen Gebäuden und in jeder Ecke, nein, nicht neue Drogen, neue Experimente mit Körpern, neue Verliese, sondern einfach ein neues Projekt. Anstatt sich mit High-End Technologie zu befassen, Internet, Computer usw., dem zur Zeit angesagtesten Feld des Machbaren, interessieren sie eher die physikalischen Objekte. “Lowend-Technologie und die Perversion davon. Die Physikalität der Maschinen. Und das soll beim besten Willen nicht Retro sein. Wir haben keine Fixierung auf irgendeine nostalgische Vergangenheit. Wir glauben, diese Instrumente sind nie in der Weise genutzt worden, wie man es hätte machen können. Wir sehen uns eher in einer Nachfolge von Erfindern, als in der von Bands. Mathematiker. Buckminster Fuller. Tesla. Inventors mit immer neuen Erfindungen im Keller. Wir warten nur noch drauf, daß sie gebaut werden, unsere Zeit ist ein wenig knapp.” Der Add N To X Analog Shop. Einen in Berlin, einen in London, einen in Paris und in New York in dem sie ihre kleinen Artefakte verkaufen, die nur darauf warten, von einem Blitz ins Leben gerufen zu werden. Devotionalienhandel einer Maschinengeneration nach Throbbing Gristle. “So Dinge wie die Gristleators von Trebone, den er für Throbbing Gristle gemacht hat. Sachen die meist nicht gehn. Oder gestohlen werden wie unser Theremin. Wir arbeiten auch an einem “Year 2000 Transient Building”. Ein sich bewegendes Gebäude. D. h. natürlich bewegt sich das Gebäude selber nicht. Die Idee von einem Gebäude ist ja, daß man es physisch baut, und es dann erst mal steht, es sei denn, man reißt es wieder ein oder sprengt es, aber dann ist es ja kein Gebäude mehr. Unseres soll mehr aus beweglichen Elementen bestehen: Gas, Wasser, Feuer, Musik, Elektrizität all dieses Zeug. Und im Gegensatz zu einem Haus in dem man sich geborgen fühlt dürfte das wohl recht gruselig werden. Es soll eine Art Vehikel sein, um Musik und Raum zu übersetzen. Wir reden gerade mit Architekten, wie man so eine Struktur machen kann. Es gibt auch noch unseren abstrakten Film, den wir mit einem Fairlightvideosynthesizer produziert haben. Add N To X ist zwar Musik, aber die Musik ist immer nur der Generator für andere Ideen. Wir fluktuieren sehr stark. Wir sind etwas chaotisch, und so macht es uns auch nichts, wenn mal ein Instrument nicht funktioniert. Dann geraten wir in Panik, aber die Panik ist nur ein weiterer Teil des Auftritts.” Auftritt Add N To X Typ: Das Bild hinter Add N To X ist so in ungefähr das: Analoge Synthesizer sind soetwas wie ein Frankenstein. Du hast dieses Ding, schickst einen Blitz rein, und dann lebt es. Es geht also nicht um Sprache. Es geht um reine Elektrizität, die kleine Teile innerhalb einer Maschine anspricht, Frankenstein eben. Wohingegen digitale Technologie eher an Roboter erinnert. Maschinen, die einem alles besorgen können was man will, solange man weiß, was man will bevor man anfängt. Für uns ist das ein ziemlich zentrales Motiv. Wir sind nicht gegen digitale Technologie, und die Idee, einen bestimmten Sound haben zu wollen und den dann auch bekommen zu können, ist durchaus brillant, aber letztendlich sind wir eher auf Frankensteins Seite. Anwerfen und rumspielen – und riskant kann es auch noch sein, denn Elektronik kann einen ganz schön erwischen. Mich hat schon mal ein MS 20 durch den ganzen Raum geworfen. Und die Sounds findet man nie wieder. Typ 2: Mir ist mal ein kleiner Blitz von einem Instrument mitten in die Stirn gefahren, und er kam an meinem Arm wieder raus. Typ 1: Für uns ist es wichtig, daß Elektrizität unser Sound ist. Elektrizität ist dieses Monster, dieses unwahrscheinlich faszinierende, phantastische Ding. Das Blaue, das durch alle Adern unseres Lebens fließt. Technologie kann mich mal, aber Elektrizität, der Transport dieser Kraft, die Schaffung dieser Kraft ist eines der größten Dinge in dieser Welt. Das hält uns alle am Leben. Mädel: Denk an all diese verrückten Fucker in den Wäldern, die natürliche Elektrizität von Wasserädern sammeln. Das hat, besonders in England, schon dazu geführt, daß ganze Communities mitten im Wald leben. Aber wir sind keine Hippies. Es ist aber schon strange, wenn man sich ansieht, wie diese Leute direkt an einer ganzen Erbschaft von Kultur vorbei direkt auf das Mittelalter zusteuern und das mit Elektrizität verbinden. Typ 1: Ob es nun funktioniert oder nicht, das wichtige ist, daß es Menschen gibt, die es ausprobieren. Die versuchen, propere Elektrizität wie Blitze in die Hände zu bekommen. Mädel: Ich würde es lieben, Blitze zu spielen. Oder so wie bei dem Soundtrack für Forbidden Planet, wo sie Strom durch Dinge gejagt haben, die das nicht vertragen konnten, und sie Oszilatoren regelrecht getötet haben, um den Sound den sie dabei machen einzufangen. Das ist faszinierend. Typ 1: Eine Live-Erfahrung, wie die von uns, ist natürlich sehr mittelalterlich und auf der anderen Seite auch sehr 2001. Diese beiden Dinge kämpfen miteinander. Die Zukunft und die Vergangenheit in einer sehr physisch konkreten Präsenz zu verkörpern. Und die Tatsache, daß wir eine Art Softmachine sind, die auf harte Technologie trifft. In England haben wir es ziemlich schwer mit unseren Synthesizern. Alles, was soetwas benutzt und dann keine Dancemusik macht, sieht dort verrückt aus. Aber für uns ist es so normal. Mädel: Vermutlich liegt es daran, daß uns die Drogenkultur nicht interessiert, vielleicht vor Jahren mal so am Rand, als wir keine Musik gemacht haben. Aber für solche Leute Musik zu machen … Hm. Live ist ja im Grunde so eine Art Schlachthauserfahrung. Eine Metzgererfahrung. Und im Studio muß man diesen Riesenprozeß des Grauens zusammenpacken und daraus etwas Geschmackvolles zaubern. So wie die unglaublich gerade Architektur in New York aus dem unglaublichen Krach – der überall woanders unerträglich wirken würde – etwas Softes, Angenehmes und Schönes machen kann. Vielleicht machen wir irgendwann mal so eine Art Funeral Album wie Forbidden Planet. Stellen all unser Equipment in einen Raum und lassen es explodieren. Typ 1: Add N To X dreht sich sehr stark um Dinge, die es nicht geben sollte. Sachen, die aussehen als hätten sie einen Zweck, den sie aber gar nicht haben. Wir finden nützliche Dinge, die man mit einer absolut nutzlosen Wissenschaft tun kann. Avant Hard eher als Avant Garde. Widersprüche. Dieses: Was zum Teufel macht dieses Ding hier. Weshalb zum Teufel sollte man eine Fabrik lila-orange streichen? Die sind eh häßlich, aber auf eine schöne Weise. Das ist sehr Add N To X. Dinge, die ganz schön filzig sind in einer strahlenden Weise darstellen. ____________________________________ Zitate: All unsere Synthesizer waren kaputt, die Arbeitslosenhilfe lief aus, wir wurde quasi von Mute gerettet. Billige Technologie soll billig bleiben Das Blaue, das durch alle Adern unseres Lebens fließt. ____________________________________ Bilderklärungen: Termite Termiten trifft man immer in Armeen. Ein modularer Synthesizer den man einzeln kaufen und mit immer neuen zusammenstecken kann, wie einen großen Flickenteppich. Billig und universell. Cockroach Eine Art Hybrid aus Theremin und Keyboard mit Sequencer. Sieht aus wie eine große Schabe.

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