Sucht man das perfekte Label, das Indie und Dancefloor in schlüssiger Koexistenz verbindet, muss das Fernrohr in Richtung Dublin gedreht werden. Dort sitzt Jay Ahern aka Add Noise und kümmert sich um Earsugar.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 98

Außer Stille nichts zu verlieren

Seit geraumer Zeit landen in steter Regelmäßigkeit 12″es von Add Noise auf den Plattentellern weltweit. Add Noise, das ist die eine Kampfansage: minimale Langeweile, wir schlagen dich mit den eigenen Mitteln. Wir brechen dir deine müden Knochen mit dem Funk, den du vergessen hast, auf deinen drögen Afterhours oder wo auch immer du die Zeit vergessen hast. Jay Ahern ist Add Noise und er liebt Minimal. Nur … der gebürtige Amerikaner hat in seinem Leben zu viel Musik in sich aufgesogen, als dass er sie im Studio einfach abschütteln könnte. Die Schule in Miami ließ er schleifen, es kam immer eine gute Sendung mit neuer Musik im Radio. Über den Umweg London (übliche Karriere … Bands, Labels, Studios) landete er in Dublin und blieb. Hier war alles anders. “Ich mochte es, fand aber keinen Job. Also importierte ich Platten aus den USA. Ich kaufte von Daniel Bell, der damals bei Record Time in Detroit arbeitete, und verkaufte UR, Plus8 und Prescription Underground an Läden in Irland. Dann baute ich für den englischen Vertrieb ‘Vital’ ihre irische Dependence auf. Heute bin ich der Chef.” Earsugar, sein Label, funktioniert anders. “Es ist meine kleine Welt, in der ich releasen kann, was ich will, wo ich mir keine Gedanken machen muss um Vermarktung oder Verkaufszahlen.” Jay weiß, wie man ein Label führt: Mitte der 90er kümmerte er sich bereits um Aquarythms, das sowohl als Label als auch als Künstlername fungierte, und auf dem er u.a. Mixe von Carl Craig veröffentlichte. Aber wie gesagt … Earsugar ist anders oder: war anders. Denn zunächst war Earsugar ein 7″-Label, in kleiner Auflage gepresst in den USA, true jukebox style. Hier können Musiker wie Schneider TM, Team LG, Gudrun Gut, Thomas Fehlmann, Giardini Di Miro kleine Absonderlichkeiten releasen – oder einfach große Tracks auf kleinem Vinyl. Diese Serie, die Earsugar Jukebox, wurde bald ergänzt durch 12″s, die Earsugar Beatbox war geboren. Und Add Noise. Und Jay Ahern machte wieder Musik. Add Noise ist die definitive Schnittmenge aus minimalem Kickboxen und einer tollwütigen Atari-Konsole, aus in sich zurückgezogenen Klopfgeistern und den nicht zu stoppenden analogen Schaltkreisen aus in kleinen Garagen zusammengeschraubten Filterbänken. Funk, wie gesagt, Begeisterung für das, was niemand mehr wagt, in Tracks einzubauen. “Musik ist nicht nur Erinnerung, Musik passiert. Heute, immer und ständig. Musik buchstabiert sich nicht als Greatest-Hits-Playlist auf dem iPod. Es gehört alles zusammen, alt und neu. Warum ich das mache? Naja, ganz einfach: Ich habe nie aufgehört zuzuhören.” Den Trick für den richtigen Sound hat er von seiner Frau gelernt. “Sie arbeitet fürs Fernsehen und hat jedes erdenkliche Gadget zur Verfügung, z.B. PlugIns, die das Material alt aussehen lassen. Aber sie benutzt sie nicht. Wenn sie roughes Material braucht, filmt sie gleich auf Super 8. Ich mache es genauso. Die alten Maschinen machen den Sound und der Rechner schneidet es dann zusammen. Digitalität ist nichts Besonderes mehr. Was haben wir schon zu verlieren außer Stille?” Add Noise eben. “Das ist meine kleine Hommage an John Peel, der vor Jahren während einer Show den andauernden Kampf ‘CD vs. Vinyl’ klar für die Schallplatte entschieden sah. ‘Life has surface noise’, sagte er. Er hatte so recht.”

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Elektronische Lebensaspekte.