Tony Williams tobt sich an Drummachines statt auf der Tanzfläche aus
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 148

Juke erreicht die britischen Inseln und vermischt sich mit der dort entfachten Liebe der Dubstep-Produzenten für House. Addison Groove verbanden schon früh Dubstep-, UK Garage- und Techno-Elemente zu einem idiosynkratischen Mix, der den Graben zwischen London und Chicago nun schließen könnte. Footwork tanzen kann er nicht, er kauft sich lieber Drummachines.

Vor fünf Jahren tauchte der Begriff Juke zum ersten Mal in der De:Bug auf. Damals berichtete Screamin’ Rachel, gerade frisch zur Label-Chefin von Trax Records avanciert, atemlos von der bevorstehenden Rückkehr des wohl bekanntesten und prägendsten House-Label, das Chicago hervorgebracht hat, und von Juke. Schneller und schmutziger sei Juke, hieß es damals. Und äußerst populär bei den Kids. Dass es fünf Jahre gedauert hat, bis diese lokale Szene, die sowohl Musik- als auch Tanzstil ist, in Europa größere Beachtung erfährt, ist in Zeiten der Dancefloor-Globalisierung, wo aber auch wirklich jeder auch noch so exotische Stein auf der Suche nach einem neuen Sound, einer neuen Kultur umgedreht wird, eigentlich verwunderlich. Vor allem, weil es auf Youtube schon seit Ewigkeiten zahlreiche Videos zu Juke und Footwork, wie der atemberaubend flinke Tanz zu den bis zu 160 BPM schnellen Tracks, meist genannt wird, zu sehen gab. Wer Juke hierzulande kannte, sortierte es meist irgendwo in der Booty- und Ghetto-House-Traditionslinie zwischen Detroit und Chicago ein und wendete sich wieder hiesigen Tracks mit dem im Vergleich gemütlichen Tempo zwischen 120 und 128 BPM zu.

Footcrab
Bevor der aus Bristol stammende Tony Williams zu Addison Groove wurde und als solcher mit lediglich einer Maxi die Blaupause für mögliche Synergie-Effekte zwischen Juke und Dubstep abgeliefert hat, war er gemeinhin unter dem Pseudonym Headhunter bekannt. Seine Platten auf Labeln wie Tempa verbanden schon früh Dubstep-, UK Garage- und Techno-Elemente zu dem idiosynkratischen Mix, für den Dubstep oder Bass Music in den letzten zwei Jahren gerühmt wird. Das Interesse für Juke resultierte aus der Suche nach neuen Sounds und neuer Inspiration. Und diese Suche führte ihn zu Juke- und Footwork-Videos bei Youtube. “Als ich die Videos zum ersten Mal gesehen habe, von den Crews, die in Fabrikhallen gegeneinander tanzen und dazu Juke hören, war ich sofort begeistert. Von der Kultur, dem Tanzen und vor allem der Musik. So ein Irrsinniger Mash-Up aus elektronischen Beats und gesampelter Musik aus allen Epochen, von 70er Disco bis zu 20er Jazz, der trotzdem total Sinn machte. Dass die Musik auch eine gewisse Nostalgie beinhaltet, machte sie für mich zusätzlich spannend”. erinnert sich Tony.

“Mir war zu Beginn erst mal nicht klar, dass die Musik aus Chicago kommt, aber ich wusste, dass ich aus den Elementen Tracks für meine DJ-Sets als Headhunter machen könnte. Mir ging es gar nicht darum, Juke zu machen und ich glaube auch nicht, dass das jemals so sein wird. ‘Footcrab’ und ‘Dumbshit’, die beiden Tracks meiner Maxi als Addison Groove lagen sechs Monate lang auf meiner Festplatte rum, bis ein Kumpel sie hörte und meinte, dass ich unbedingt was damit machen müsse. Als mit Peverelist und Pinch ein paar Freunde von mir anfingen, die Tracks in ihren Sets zu spielen, begann das Ganze an Fahrt aufzunehmen. Ich habe ‘Footcrab’ damals selber gar nicht gespielt. Loefah bekam Wind davon und brachte die Platte dann schließlich auf seinem Label Swamp 81 raus. Von da ab ging es dann richtig los.” Die Platte schlägt hohe Wellen. Selbst Leute wie Ricardo Villalobos oder Mr. Scruff spielen vor allem “Footcrab”, die A-Seite, in ihren Sets. Ein echter Crossover-Hit. Zu dem Zeitpunkt hatte Tony schon längst begonnen, Kontakt zu Juke-Produzenten aus Chicago aufzunehmen und direkt zur Quelle zu gehen. Das Interesse aus England wurde wohlwollend registriert und es begann ein erster Austausch. “Juke erinnert mich an Grime. Diese totale Rohheit und die Underground-Bewegung, die Kultur, die sich drum herum formiert hat.”

Dumbshit
Elementarer Bestandteil sowohl von Juke als auch von Addison Grooves Maxi ist der in den letzten drei Jahrzehnten eigentlich schon vollkommen überstrapazierte Sound der TR 808 – neben der TR 909 Rolands legendärste Drummachine. Seit kurzem ist auch Tony stolzer Besitzer einer dieser zeitlos schicken dunkelbraunen Kisten. Die Beschränkung auf minimale Rhythmus-Tracks und Vocal-Samples, teilweise in kleingehackten Stakkato-Salven, teilweise in endlosen aus einem oder zwei Worten bestehenden Loops, hat seit dem Erfolg von “Footcrab” auch in der Dubstep-Szene weitere Blüten geschlagen. Leute wie Ramadanman, dessen “Work It” ebenfalls auf Swamp 81 herauskam, oder manche Tracks auf dem Londoner Durchstarter-Label Night Slugs arbeiten sich an dieser Sound-Ästhetik ab und fügen ihrerseits neue Feinheiten und Kniffe hinzu.

Die Liste der von Juke beeinflussten britischen Produzenten ließe sich laut Tony problemlos verlängern: von Mark Pritchard über Boddika bis hin zu Pariah und Marcus Intalex. “Durch Juke hat Bass-Musik einen weiteren Reibungspunkt dazubekommen. Einen neuen Aufhänger, der die Sache interessant hält”, erklärt Tony. Dass britische Produzenten schnell dabei sind, wenn es darum geht, sich eines neuen Sounds anzunehmen und eine eigene Variation davon zu popularisieren, hat auf der Insel eine lange Tradition. Die rotzige Direktheit originaler Juke-Tracks aus Chicago wurde in den Tracks von Addison Groove, Ramadanman oder Girl Unit in ausbalancierteren Mixdowns in etwas geschmeidigere Bahnen gelenkt. Auch sind die von Juke inspirierten Tracks von der Insel lange nicht so atemlos. In Chicago ist man laut Tony aber unten mit den britischen Dubstep-Juke-Hybriden. Neue Addison-Groove-Platten sind für die nächsten Monate auf Swamp 81 und Hessle Audio angekündigt. Unter anderem der schon seit einiger Zeit kursierende und hohe Wellen schagende Track “Sexual”.

Tony hat in Europa noch niemanden gesehen, der sich während seiner DJ-Sets mit Footworking-Moves hervorgetan hätte. Und auch er hält sich nicht für den größten Tänzer. “Ich fahre BMX und kann ein paar Dinge, die in etwa Ähnlichkeit mit Juke haben, aber wirklich so tanzen … auf keinen Fall. Ich müsste dafür mal nach Chicago, um das richtige Training zu bekommen. Ich kauf mir aber lieber weiter alte Drumcomputer, tobe mich mit ihnen aus und schaue, was dabei heraus kommt.”

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