Kapriolen im Markt für Online-Werbung
Text: Anton Waldt aus De:Bug 114


Die Agentur adical sammelt die Brösel auf dem Online-Werbemarkt auf, für die sich sonst keiner interessiert. Semiprofessionelle Blogger bekommen damit zum ersten Mal die Chance, zu halbwegs würdigen Preisen Banner zu platzieren.

Blogs sind ein merkwürdiges Phänomen, das nur auf den ersten Blick klar definiert und übersichtlich daherkommt. Schließlich ist das, was man unter “Blogs” zusammenfasst, nur eine weite Klammer für das einfache Publizieren im Web. Und Blog-Software ist nüchtern betrachtet nur die eingängigste, einfachste Version eines Redaktions-Tools, mit dem man Internet-Seiten (fast) ohne technisches Wissen gestalten und mit Inhalt füllen kann. Blogs füllen daher die riesige Lücke zwischen den klassischen Medien und privater Kommunikation, wobei die Bandbreite naturgemäß von Tagebüchern, die niemand interessieren, bis hin zu semiprofessionell betriebenen Angeboten reicht. Und Letztere müssen sich natürlich früher oder später irgendwie finanzieren, weil Selbstausbeutung sich zwar angenehmer als Frohnarbeit anfühlt, aber für Miete und Bier muss trotzdem ein Geld her. Blogs, die ausufernd Publikumszuspruch und Arbeit generieren, brauchen daher Sponsoren oder Werbung.

Nun überfordert deren Akquise naturgemäß die meisten Blogger, auch wenn sie bereits potentiell lukrative Zugriffszahlen erreichen. Gleichzeitig sind die etablierten Vermarkter an Blog-Bröseln noch nicht sonderlich interessiert, und auch wenn sie es wären, sind ihre Angebote für Blogger ziemlich uninteressant: Die Erlöse durch Google-Ads fallen in die Kategorie Kaffeekassen-Witz und die großen Banner-Dealer wie Adsense operieren mit so gewaltigen Klickzahlen, dass auch die Rabatte monströs ausfallen: Die Online-Werbewährung TKP (Tausend Kontakt Preis = Tausend Klicks) fällt da ganz schnell auf lumpige zwei oder drei Euro – Während die Listenpreise bei satten 15 oder gar 20 Euro für den Banner liegen. Demnach könnte man laut Listenpreis mit einem Längs- und einem Quer-Banner lockere 30 Euro für tausend Klicks verdienen. Aber eben nur, wenn die Hand voll TKPs, die Blogs im Monat generieren, auch wirklich zum Listenpreis verkauft werden. Das wollen sich die Großen natürlich nicht antun, denn deren Strukturen sind darauf ausgelegt, viele Millionen Klicks zu verscheuern. Die Vermarktungslücke, die sich hier auftut, ist demnach lukrativ, aber nur wenn man sich die Mühe macht, sich mit Kleinstkampagnen rumzuschlagen.

Kleinstkampagnen
Und genau dafür haben Johnny Haeusler (Spreeblick.de) und Sascha Lobo (Riesenmaschine.de) die Firma adical gegründet, die Werbebanner auf Blogs bringt. Zum Beginn werden rund 30 Sites vertreten, darunter auch unser Cluster de-bug.de, das eher ein gefühlter als ein objektiver Blog ist. Perspektivisch soll adical aber natürlich auch weiteren Bloggern offen stehen, und das könnte schon bald passieren, denn der adical-Start lässt sich gut an. Erste Kunden wie Cisco waren so zufrieden, dass sie ihre Buchungen prompt verlängerten. Und auch eine neue Werbeform konnte adical bereits erfolgreich lancieren, bei der einige Blogger Digi-Cams von Casio bekamen, um Fotos zu schießen, die aktuell in Banner eingebunden wurden. Insbesonders solche Entwicklung dürften für die adical-Zukunft wichtig sein, denn die Agentur schließt eine Reihe besonders lästiger Werbeformate wie aufpoppende Flash-Sauereien explizit aus.

Trotzdem wurden prompt Vorwürfe à la “Ausverkauf der Blog-Seele” laut: “Wenn eine Subkultur zur Kultur wird, gibt es immer Leute, die die vermeintlich reine Lehre hochhalten”, gibt sich Sascha Lobo diesbezüglich gelassen: Aber statt das Geschäft Außenstehenden zu überlassen, soll mit adical ja gerade eine formatgerechte Vermarktung etabliert werden, die “die Blogkultur stärkt”. Wenn man den Pathos abzieht, heißt das schlicht und einfach: Mehrwert für Kleinstmedien generieren, weil sich sonst niemand die Mühe machen will.
http://www.adical.de

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Elektronische Lebensaspekte.