Bekannter Weise konnte Theodor Wiesengrund Adorno die Kulturindustrie nicht leiden. Kultur als Ware war ihm ein Greuel. Was er wohl jetzt dazu sagen würde, wenn er feststellt, dass um seine eigenen Texte im Namen des von ihm gegründeten Instituts für Sozialforschung warenartig gestritten wird?
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 80

Streit um Adorno
Texte vor Gericht

LAYOUTER: BITTE DEN BRIEF ALS BRIEF LAYOUTEN!!!!!
Ganz klar: Damit der Kapitalismus freundlicher rüberkommt, als er in Wirklichkeit ist, braucht es die Kultur. Die macht ihn bunt, sorgt für Abwechslung, lenkt ab durch Events und beschäftigt die Menschen. Das ist heute so und ist früher nicht anders gewesen. Und Adorno, im Grunde seines Herzens aufrechter Anti-Kapitalist, fand das gar nicht lustig. Auf sämtliche Momente, in denen Kultur aus seiner Sicht zum warenförmigen Ereignis wurde, zeigte er mit den Fingern. Kino, Jazz und das Ganze. Wenn er heute wüsste, dass mittlerweile auch die Museen zu Eventtempeln umfrisiert worden sind und dass man keine Spezial-Interessen mehr haben soll, weil sie zuwenig potentielle Käufer erreichen, würde er an seinem Gruftdeckel kratzen. Wir schwören. Klar ist: Der Allgegenwart der Ware entkommen wir heute alle mehr schlecht als recht. Auch in der Kultur. Dabei steht die Form der Kultur, die heute nur noch als “geistiges Eigentum” abgehandelt wird, eigentlich prinzipiell der Ware entgegen: Während bei materiellem Eigentum der Produzent ein Produkt schafft, das es nur einmal gibt und das in Benutzung ist, wenn es von jemandem anderen verwendet wird, wird bei “geistigem Eigentum” das Original nicht in materielle Mitleidenschaft gezogen. Genau weil man “geistiges Eigentum” wiederholen kann, ohne dass der ursprüngliche Text dabei flöten geht (wenn man einen Text abschreibt eben, oder ihn ins Netz stellt), genau deshalb hält “geistiges Eigentum” gegenüber dem Kapitalismus ein subversives Moment inne. Seine Form wehrt sich gegen den Warenstatus, indem es einfach nicht folgsam mitmacht. Zumindest solange, bis die Anwälte kommen. Zu Sebastian Lütgert. Der betreibt eine Website namens textz.org, ein Kunst- oder Forschungsprojekt, auf dem eine Reihe guter Texte ihrer Leser harren, darunter (früher) zwei Texte von Adorno. 2002 war er wegen dieser Texte abgemahnt worden, hatte das mehr oder weniger ignoriert und sah sich Anfang dieses Jahres, also eine ganze unbekümmerte Zeit später, dann einem Haftbefehl gegenüber. Vom Institut für Sozialforschung, jenem Verein, den ausgerechnet Adorno, Gegner jeder Kultur als Ware, gegründet hat.

Sebastian Lütgert – Rosa-Luxemburg-Strasse 27 – D-10178 Berlin

Jan Philipp Reemtsma
Hamburger Stiftung für Sozialforschung
Mittelweg 36
20148 Hamburg

Berlin, den 15. Januar 2004

Sehr geehrter Jan Philipp Reemtsma,

der Anlass meines Schreibens ist leider nicht allzu erfreulich: ein Haftbefehl nämlich, ausgestellt auf meinen Namen und erwirkt auf Initiative der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, deren Leiter Sie sind. Die Gefängnisstrafe, die mir droht, geht zurück auf ein Urteil des Landgerichts Hamburg, das wegen angeblicher Dringlichkeit in meiner Abwesenheit ergangen ist, und wegen eines Auslandsaufenthalts auch ohne meine sofortige Kenntnis. Zur Last gelegt wird mir die elektronische Verbreitung zweier Texte von Theodor W. Adorno, an denen Ihre Stiftung die Rechte hält: “Jargon der Eigentlichkeit” und “Anti-Semitism and Fascist Propaganda”. Ich nehme an, dass Sie über diesen Vorgang, dessen Anfänge bereits mehr als ein Jahr zurückliegen, zumindest informiert waren, oder ihn nach Rücksprache mit Ihren Anwälten – Senfft u.a., Hamburg – leicht werden rekonstruieren können.

In der Tat bin ich die administrative und technische Kontaktperson der Internet-Domain textz.com – einer Website, auf der einige hundert Aufsätze, Romane und theoretische Texte gesammelt sind, und auf der Sie – in einem durch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Domain geregelten Rahmen – auch unter dem Stichwort Adorno fündig werden können. Dass es sich bei textz.com nicht um einen gewerblichen Vertrieb für raubkopierte Literatur handelt, sondern um ein kollektiv betriebenes Forschungsprojekt und – insbesondere – um eine künstlerische Arbeit, dürfte sich bereits bei einer oberflächlichen Betrachtung ergeben. Vielleicht hilft bei der Einordnung auch das Presse-Archiv der Website weiter – von einer ganzen Reihe renomierter internationaler Publikationen ist textz.com in den vergangenen Jahren freundlich besprochen, empfohlen oder gar ausgezeichnet worden.

Ich kann Ihnen versichern, dass, wer auch immer die von Ihnen beanstandeten Textdateien dort gespeichert hat, außer der Freiheit der Kunst nichts in Anspruch nimmt. Er oder sie trübt nicht einmal hinter dem Komma die Bilanz eines Verlegers, verursacht weder materiell noch immateriell einem Eigentümer Schaden und gefährdet in keiner Weise die Integrität anderer, privater oder öffentlicher Archive. Ohnehin ist Adorno, dessen Gesammelte Werke vollständig im Internet verfügbar sind, auch wenn es ein wenig Mühe kostet, sie zu finden, in digitaler Form weit weniger populär als Sie befürchten – vielleicht sogar weniger, als Sie eigentlich hoffen sollten. In den bislang zwei Fällen, in denen Copyright-Inhaber sich dennoch durch textz.com in ihren Eigentumsrechten verletzt sahen, reichte der Austausch zweier formloser E-Mails aus, um den jeweiligen Sachverhalt zu klären, den Zugriff auf die inkriminierten Texte zu sperren und damit zu einer für beide Seiten befriedigenden Lösung zu gelangen.

Nun sind Sie für meine Verteidigung gewiss nicht der richtige Adressat, und ohnehin dürfte sich eine solche Verteidigung zu einem Zeitpunkt, an dem bereits per Haftbefehl nach mir gesucht wird, ebenso erübrigen wie ein Ersuchen um Akteneinsicht beim Hamburger Landgericht. Gleichwohl liegt es mir fern, verklagt von einer Stiftung, die ausgerechnet Wissenschaft und Kultur zu befördern meint, wegen der angeblichen Verbreitung zweier Texte, die ausgerechnet Theodor W. Adorno geschrieben hat, bei der Justizvollzugsanstalt Berlin-Plötzensee vorstellig zu werden. Mir ist bewusst, dass ein solcher Haftantritt sich günstig in Aufmerksamkeit für meine Arbeit verzinsen ließe, doch fehlt es mir an Talent zum Märtyrertum und auch an Ambition, persönlich kulturelles Kapital aus einer Situation zu schlagen, die ich für absurd, ungerecht und, als “Fall”, auch nicht für meine Privatsache halte.

Vielmehr möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen: Sie nämlich bitten, mir als ein Stipendium jene 3.021 Euro zu überweisen, die ich zu zahlen hätte, um meiner Verhaftung zu entgehen und einen Gefängnisaufenthalt zu vermeiden. Was der Zweck und die Konditionen eines solchen Stipendiums sein könnten, und welche Gegenleistungen ich zu erbringen hätte, würde ich gerne mit Ihnen besprechen. Da jedoch Polizeibesuch bei meinen Nachbarn, das Aufbrechen meiner Wohnung und die – mangels pfändbaren Eigentums – Sperrung meiner Gasversorgung auf eine gewisse Dringlichkeit hindeuten, wäre ich zunächst vor allem an einer raschen Antwort auf mein Schreiben interessiert, wenn möglich noch in der kommenden Woche. Sollte Ihnen an einem telefonischen Kontakt oder einem Treffen in Hamburg gelegen sein, so geben Sie mir doch bitte ein entsprechendes Zeichen.

Für den Fall, dass Sie noch zögern, auf meinen Vorschlag einzugehen, erlauben Sie mir bitte eine abschließende Überlegung. Selbst wenn ich das juristische Konzept des “Geistigen Eigentums” – auf dem ja nicht nur Ihre vergleichsweise landläufige Klage in Sachen Adorno beruht, sondern in dessen Namen Tag für Tag Enteignungen vollzogen, Grundrechte außer Kraft gesetzt und handfeste Verbrechen begangen werden – für einen Moment als einen naturgesetzlich gegebenen Sachverhalt betrachte, dann müsste ein solches Recht doch auch mit der Pflicht verbunden sein, dieses schwer greifbare Eigentum zumindest pfleglich zu behandeln und nicht zum Schaden Dritter durchzusetzen. Mir scheint, als ließen sich gerade in den Schriften, über die wir streiten, Hinweise darauf finden, dass ihr Verfasser nicht im Sinn hatte, mit seinem Werk geistigen Besitz zu schaffen, der von seinen späteren Eigentümern vor Deutschen Landgerichten gegen ein Weiterleben in den Künsten einklagbar sein sollte.

Wäre es nicht denkbar, dass ein Verfahren wie das von Ihrer Stiftung angestrengte, mit dem von mir geschilderten Ergebnis, vielmehr ein Umgang wäre, durch den Sie Ihre flüchtigen Rechte an den genannten Texten statt zu sichern eher verwirken? Beziehungsweise, umgekehrt, Ihre Kulanz in dieser Sache ein Anzeichen dafür, dass Sie der Verantwortung, die aus dem Eigentum am Werk Adornos erwächst, gerecht werden, indem Sie es nicht nur schützen und bewahren, sondern zugleich offen halten – auch und gerade für einen Umgang, der in Gegenrichtung zu jenen Umverteilungen und Raubzügen verläuft, die derzeit im Digitalen stattfinden, und den zu praktizieren und zu verteidigen längst zu einer der dringendsten Aufgaben der Forschung und der Künste geworden ist.

In der Hoffnung auf Ihre baldige Antwort verbleibe ich mit freundlichem Gruß,

Sebastian Lütgert

Nachdem Sebstian Lütgert sich mit diesem Brief gemeldet hatte, wurde der Haftbefehl unter Mokieren seines “hartnäckigen Schweigens” zunächst von den Anwälten des Instituts für Sozialforschung bis zum 23. Februar ausgesetzt. Man signalisiert zurückhaltendes Entgegenkommen und wartet auf Vorschläge. Immerhin. Gleichzeitig muss man sich jedoch fragen, ob eine Stiftung wie das Institut für Sozialforschung hier recht gehandelt hat. Denn klar ist: Nur weil man Recht hat, ist man noch lange nicht im Recht. Als größerer und nicht zuletzt auch finanzstärkerer Partner ist es nicht nur die Aufgabe des Angeklagten, sich zu erklären; es ist auch die Aufgabe des Klägers, vor allem eines Klägers der das “sozial” im Namen trägt, nachzuschauen, zu forschen, wer das da ist, den man verklagt. Beispielsweise, indem man einfach auf dessen Website guckt und ihm – ohne Anwälte – eine Email schickt, dass einem das nicht passe. Denn die Auffassung von textz.com teile man nicht, ließen die Anwälte von Jan Philipp Reemtsma wissen und schickten die Adornoleser ab in die Buchhandlung oder in die Bibliothek: “Es ist die Aufgabe unserer Mandantin, das Werk Adornos zu erhalten und zu pflegen und dessen nicht legale Verbreitung, insbesondere in Form von unberechtigten Raubkopien und durch das Internet zu unterbinden. Es bleibt wissenschaftlichen Interessierten unbenommen, die Werke kostenfrei in den Staatsbibliotheken auszuleihen. Im übrigen hat der Gesetzgeber den Interessen der Wissenschaft durch das im Urhebergesetz vorgesehene Zitatrecht hinreichend Rechnung getragen.”
Textz.org aka Sebastian Lütgert versucht jetzt, das Institut für Sozialforschung davon zu überzeugen, das Geld in kleinen Raten bis 2039 abzahlen zu können, bis zu dem Jahr, in dem das Urheberrecht der Texte endet. Oder im Notfall ansonsten das Geld über Spenden einzutreiben.

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Elektronische Lebensaspekte.