Erst wurden sie Ende der 90er für ihren Live-Elektro ausgebuht, jetzt kriegen sie wegen der fehlenden Dance-Tauglichkeit Hiebe. Adult machen immer alles falsch – genauso wollen sie es.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 96

Techno war gestern

Wer erwachsen sein will, macht keinen Elektroclash mehr. Oder? Adult hießen aber schon immer so, auch als sie diesen bösen Clash noch trieben. Heute machen sie so was nicht mehr, aber ihre Neigungen zum Erwachsensein sind auch nicht die üblichsten.

Adult wollen jetzt wieder Punker sein, das ist als Essenz allen Tracks auf “Gimmie Trouble” eingehaucht. Punker waren sie aber eigentlich schon immer, mitsamt eigenem Label (Ersatzaudio) und ultimativster DIY-Attitüde. Und sie hatten auch immer mehr zu bieten als die üblichen Modeclashclowns, die total Avantgarde-verrissenen Guccilook mit Wella-Out-of-Bed-gegeltem Haar kombinierten und sich sowas von zartbitter fühlten.
Die Verbindung aus Gitarre, Geschrei und Techno, die sie in den Popmedien seit 1998 zu Anführern eines kleinen Hypes namens Elektroclash machten, ist nun allerdings erheblich minimiert, noch existent zwar, gerade die elektronischen Elemente flackern aber nur nebenher. Jetzt ist die Gitarre wieder da, wo sie hingehört, nämlich vor dem Bauch, und richtigen Bass gibt’s dazu, der hängt höchstwahrscheinlich sehr tief beim Spielen. Abgehackte 4/4-Takte hören sich an wie direkt vom Schlagzeug und eine verdammt an Mitte der 90er Subpop-Zeiten erinnernde Gitarre schrabbelt dazwischen; und natürlich schön schauriges Gekreische. Strobodanceelektro ist jetzt wieder sperriger Kunststudentenrock und also weniger zum Shaken, aber dafür mehr arty. Das musikalische Ehepaar Adam Lee Miller und Nicola Kuperus sind um ein Bandmitglied erweitert und hören sich so wütend und ungemütlich an wie eigentlich noch nie.

A: Früher hatten unsere Tracks mehr Aufbau, jetzt sind sie präziser, mehr auf den Punkt.
Nicola: Wir sind jetzt da, wo wir immer hinwollten: progressiv, aus sich heraus organisch, intensiv, wir wollten eben mehr eine Band sein, noch mehr frei kommunizieren.
Adam: Es ist aber nicht bewusst entstanden, wir reflektieren nicht ewig über das, was wir tun, wir gehen einfach ins Studio und was da dann entsteht, wird veröffentlicht.

Aber wieso plötzlich dieser Umschwung, was beeinflusst einen denn dazu?
A: Der Prozess, in dem wir uns befinden, die Art, wie wir unser Album schreiben. Für “Gimmie Trouble” haben wir drei Monate im Winter gewählt, in denen wir jeden Tag gearbeitet haben. Wir haben versucht, einen sehr intensiven und isolierten Vibe herzustellen. Hast du The Shining gesehen? Es war ein bisschen, als wären wir in das Hotel gefahren, um das Album zu produzieren, wir waren wie verschneit, haben nicht live gespielt, waren nicht aus, haben kaum Menschen gesehen. Das gibt dem Album ein bestimmtes Gefühl.

Tollerweise hat diese Kommunikation hervorragend geklappt. Auch vor dem Gespräch mit den beiden Detroitern habe ich beim Hören an neurotische Hexen aus dem Wald gedacht. Oder an die Liars, die nach einem grandiosen Album bloß noch von Geistern quietschten und so langsam wieder berappelt sind.
Gimmie Trouble, das sagt ja auch der Titel schon, ist kein Album zum Zurücklehnen. Entweder man sitzt da und lächelt ein bisschen in sich hinein, wegen der ganzen Intensität, mit der man konfrontiert ist, oder man wird blöde sprachlos, weil so eine ewig ausgestellte Kaputtheit ja nicht für jeden Tagesmoment etwas ist. Mehr für die Zeit und Stimmungen gedacht, wenn man ganz ungestört sein Zimmer abschließt, das Telefon rotzig aus der Wand stöpselt und richtig mal wieder headbangend den Pogo (ich weiß nicht, gibt’s den noch?) tanzen will.

Wo sind denn die Ohrwürmer, die gebrochenen Dancehits, die euch sonst ausmachten? Euer Album klingt jetzt so überrüde und sperrig.
N: Wir werden älter und sind müde …

Ich dachte immer, die Reihenfolge ist umgekehrt. Erst kratzig verschusselten Noiserock und dann ausgeklügeltes Zumtanzenbringen im genialen Spätwerk.
N: Wir machen eben alles falsch. Das ist unser Motto, wir machen alles anders herum, jetzt wo wir so schnell älter werden, haben wir einfach keine Zeit mehr für all die Pussys.

Dann überspannen wir jetzt mal den Bogen und fragen die falscheste Frage. Ist es denn nicht auch geil, in der Hipness-Hitparade ganz oben zu stehen? Sie überschlagen sich, endlich lachen die beiden mal, Nicola schreit mich fast an.
N: Wir wollen immer uncool sein, es hat uns so frustriert, dass alles, gegen das wir immer gekämpft haben, uns wieder eingeholt hat. Jeder meinte uns sagen zu müssen, was wir sind, nämlich Elektroclash. Früher haben wir in München gespielt, da kamen die Leute nach dem Konzert zu uns und haben gesagt: Endlich habt ihr aufgehört. Wir waren 1997 die einzigen Leute, die in Klubs gesungen und Instrumente gespielt haben. Für mich ist das alles kein Modescheiß. Wenn ich eine Review lese, dass mein Freund eine nervige Fliege ist, die einem um den Kopf schwirrt, finde ich diese bösgemeinte Beschreibung total super.

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Elektronische Lebensaspekte.