Die Technomaxis des Berliner Labels Null sind mit dem Klammerbeutel gepudert. AeoX, die Band, für die das Label gegründet wurde, bringen das Konzept jetzt mit einem Album auf den Punkt. Musik für Musiker, die keine Musik mögen. Schuld ist Inga Humpe. Neugierig?
Text: Multipara aus De:Bug 83

Techno-Noise

Die gecastete Techno-Brechstange
AeoX

Schon bei den Texten auf dem Cover bleibt kein Stein auf dem anderen. “Rich and famous” steht da als Albumtitel. Abgekürzt R.A.F., das kennen wir. Und sitzen in der Falle. Denn schon im ersten Textschnipsel auf dem Cover verschwimmt der Unterschied zwischen der Roten Armee Fraktion und der Royal Air Force, um die es da tatsächlich geht. Der Text daneben lässt zum Thema “reich und berühmt” Bands und Banden ineinanderfallen. Geht hier alles durcheinander? Kurz: Werden hier der Mussolini, der Jesus Christus und der Kommunismus getanzt? Im Unterschied zum 1981er Stück der D.A.F. (auch so eine Abkürzung) schleifen AeoX nicht nur im Text die Ikonen am Kragen übers Parkett, sondern auch in der Musik. Hinter dem Albumintrohöllenhund öffnet sich mit “American Rock’n’Roll” ein Rummsfeld aus Industrial-Elektro-Beats, Rockgitarre, Detroit-Bassline-Tupfen und, um alles platt zu machen, Heavy Glamrock Vocals aus den abgrundtiefsten Siebzigern. Diese Musik liegt im Argen. Die Rettung: das Stück ist ein Hit. Und es kommen noch mehr.

Das Album von Alex und Hanno, zusammen AeoX, lebt von ständigen Positionswechseln, die nicht nur die verwendeten Stilbezüge, sondern auch den strukturellen Aufbau betreffen. Immer wieder geben etwa kickende, aber verschiedenartige Grooves sich die Klinke in die Hand, und sorgen für unberechenbare Energiesprünge. “Extrem funkige Müllhaufen” ist folglich der treffende Tenor, der sich durch alle Reviews ihrer Platten zieht. Die Fragmentarisierung erinnert an komplexe Arbeiten im Breakcore-Umfeld, ist aber immer im Kontext eines eher klassischen Techno/Electro-Dancefloors festgemacht. Dazu kommt ein raffiniertes Soundkonzept: Statt der Dub-typischen Illusion offener Weite schachteln AeoX ihre Elemente im Vordergrund ineinander, hinter dem sich nichts als die Betonhärte der Studiowände auftut. Dennoch bleibt auch das ein Illusionsraum – so fett und transparent klingt nichts, was im Proberaum zusammengekloppt wird. So trashig der Gestus der Musik, so zielsicher ist sie doch konstruiert.

Mit den durcheinanderwirbelnden Bezügen in Text und Musik, immer den Finger am Abzug, machen AeoX eine Identitätskrise explizit, die sie als maßgeblich für die aktuelle Stimmung sehen: “Es herrscht viel Druck, sich Fronten zuzuordnen, die jedoch nicht mehr klar sind, und irgendwie wollen alle, dass es kracht.” “Rich and famous” als anti-idealistische, anti-dogmatische Katharsis? Eine ernste Sache, aber die beiden Trinker auf dem Cover lachen. AeoX werden sympathisch dadurch, dass es mit ihnen eben nicht nur am Kragen übers Parkett, sondern auch mit dem Patronengurt durch den Kakao geht. “Ohne albern geht nicht”, so Hanno.

Angesichts der Fun-Punk-Falle stellt sich aber die Frage, für was für ein Publikum AeoX eigentlich spielen. Können sie sich vorstellen, Vorgruppe für eine Band wie Knorkator zu sein? “Nachgruppe! …zum Tanzen!” sagen beide sofort. Trotz Zweifeln, ob deren Publikum das auch so sehen würde, ist man sich einig, dass die Band durchaus in Ordnung gehe. Obwohl sie Alex mit “Ich hasse Musik” zuvorgekommen sei, der sich das auch schon als Slogan ausgesucht hatte. Warum? “Weil man nicht davon leben kann!” Denn während Hanno hauptberuflich ein in Labelkreisen wohlbekanntes Berliner Büro besetzt, ist Alex ausschließlich Musiker, hat Klarinette und Klavier studiert und als Produzent, Arrangeur, Keyboarder in zahlreichen Projekten gearbeitet. Da sammelt sich neben dem Frust über die Finanzen auch solcher über die Zunft an. “Eigentlich mach ich Musik nur noch für Musiker. Um die zu provozieren.” So abweisend sich das anhört: verstopft wird der Äther schließlich von Unsinn, der für ein von der Industrie imaginiertes Laienpublikum produziert wird.

Anders sein Partner Hanno, der von Heavy Metal und Industrial zu nach wie vor anhaltender Begeisterung für Techno kam über häufige Berlinbesuche, wo er 1997 schließlich von Nürnberg hinzog. Wie haben die beiden sich gefunden? Beide lachen: “Wir wurden gecastet!” Alex hatte Ende der 90er eine Band namens Goldmund – “romantischer Gothic-Techno mit Gitarre”. Für ein Liveprojekt suchte er einen DJ, der die Pausen zwischen den Stücken füllen sollte. Hanno wurde ihm vorgeschlagen von niemand anderem als Inga Humpe, die beide unabhängig voneinander kannte. Ein Glücksgriff, denn in der Tat harmonierten Alex und Hanno so gut, dass Humpe beide als Liveband (zusammen mit Maximillian Hecker an der Gitarre) für ihr eigenes Projekt 2raumwohnung einsetzte. Mit Hanno als neuem Mitglied wurde aus Goldmund AeoX. Hanno gründete das Label Null vor allem um AeoX eine Heimat zu bieten: bevor man sich mit Material, das so zwischen den Stühlen sitzt, von Label zu Label die Sohlen abläuft, bringt man es lieber selber raus. Jetzt, nach diversen EPs und vielen Liveauftritten, sind AeoX mit dem Weggang ihres Gitarristen Jörg zum Duo geschrumpft. Mit Gästen arbeitet man trotzdem gerne. Dass diese hier durchweg Gesang beisteuern, ist Zufall, aber ein angenehmer – unter anderem darf man sich auf eine unbekannte Seite von Bill Youngman freuen. Das Album erscheint zunächst im Doppelvinylformat. Aber auch eine CD-Version ist fertig, mit einer Trackzusammenstellung für zuhause. Für die findet sich hoffentlich schnell ein passender Vertrieb.

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Elektronische Lebensaspekte.