Bringt selbst Berge zum Tanzen
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 170

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Text: Ji-Hun Kim, Bild: Christian Werner

Er ist ein Unikum in der hiesigen House-Produzentenszene. Ralf Schmidt schraubt wie kein anderer an seinen eigenen Sound-Hemisphären, die zwischen dem perfekten Dancefloor und der großen Welt als Kopfkino schwingen. Sein Debütalbum “Offseason Traveller” ist ein Highlight des noch jungen Jahres. Während sich zahllose Berliner Produzenten krampfhaft am UK Hardcore Kontinuum abarbeiten oder, vice versa, britische Poststep-Heroen erzkonservativen Techno/House produzieren, klingen die Songs von Aera so, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Wir sprachen mit Ralf Schmidt über Dubstep in den Anden, schwarzlackierte Synthesizer und die Disko im Kinderzimmer.

Bevor du mit der Arbeit an Offseason Traveller begonnen hast, warst du ein halbes Jahr in Peru. Was hast du da genau gemacht?

Ich habe dort, zusammen mit meiner Freundin, drei Monate in einem Waisenhaus gearbeitet und war danach im Land unterwegs. Die Freiheit, die ich da spürte, die Sonne, die unglaubliche Natur, die Geschichte und die beeindruckenden Momente, die ich dort erleben konnte, das ist alles nicht in Worte zu fassen. Viele dieser Eindrücke sind aber auf dem Album zu Sound geworden.

Du hast dort auf einer Dubstep-Party gespielt.

Nicht ganz: Ich sollte in Ayacucho bei so einem Extremsport-Event quasi als Rausschmeißer ein bisschen Musik spielen. Die Menschen dort hören ja hauptsächlich Cumbia, die coolen jungen Leute Reggaeton. UK Bass, House, Techno gibt es dort so gut wie gar nicht. Ich fing also mit Edits an und kam später zu einem UK Funky-Track von L-Vis 1990. Da rasteten die Leute auf einmal aus. In Südamerika gibt es viele Musikstile, die ähnlich rhythmisiert sind. Da kam es mir erst, wie gut UK Dubstep und Lateinamerika musikalisch zusammen gehen.

Siehst Du dich als Rave-Pionier in Peru?

Gewissermaßen ja (lacht). Für die Menschen dort war das die erste Party mit Clubsounds. Am Ende ging es bis sechs Uhr. Als ich wieder in Berlin war, kam dann die Ernüchterung. November, kalt, kein Geld, keine Wohnung, alles ausgegeben. Wir hatten zuvor so gut wie alles verkauft. Ich konnte ja nicht mal Musik machen. Die Dramaturgie des Albums gibt diese persönliche Geschichte wieder. Am Anfang die sonnigen Stücke, ruhiger, am Ende düsterer, lauter. Das hat irgendwie zu der ganzen Reise und meinen Erfahrungen gepasst. Der Titel Offseason Traveller rührt auch daher.

Auf deinem Label Aleph Music veröffentlichst du deine Musik in Eigenregie. Bist du anderen Label-Machern damit voraus?

Das will ich so nicht sagen. Aber mir sind die Abläufe sehr vertraut. Ich habe in Hamburg Kaufmann bei Word and Sound gelernt und in der Zeit auch gelernt, ein Label zu machen. Da lag es erstmal nahe, Aleph Music zu starten. Mir macht es Spaß, mir einen eigenen, kleinen Kosmos zu bauen. Ich bin nicht der Typ, der Demos verschickt, das ist vielleicht der pragmatischste Grund. So bin ich aber auch niemandem etwas schuldig.

Du bist in der Nähe von Kiel aufgewachsen. Wie kommt man im kühlen Norden zum Dancefloor?

Als Kind hatte ich eine elektrische Farfisa-Orgel. Die hatte tolle Funktionen: Begleitautomatik, Schlagzeug-Grooves, ein Bass mit Wahwah – das war quasi mein erstes Filter. Hauptsächlich habe ich Knöpfe gedrückt und gewartet, was passiert. Mein großer Bruder war häufiger in England und hat Schallplatten mitgebracht: Jungle und Happy Hardcore. In den 90ern war ich außerdem großer Housefrau-Fan auf VIVA. Interessanterweise ist Mate Galic jetzt mein Chef bei Native Instruments, wo ich momentan arbeite (lacht). Damals wurde mir klar, dass ich Musik machen wollte. Später habe ich einen “Raven” zu Weihnachten bekommen, eine Art Techno-Workstation. Damit konnte man schon Tracks zusammenbauen. Mein Bruder hat sich dann einen Akai-Sampler und einen Atari geholt. So ging das alles los.

Du hast also ohne Umwege Musik für den Dancefloor gemacht.

Das ist ja das Ding. Wenn du zwölf bist und in einer norddeutschen Kleinstadt lebst, dann kannst du vom Dancefloor eigentlich nur träumen. Da guckt man MaydayÜbertragungen im Fernsehen. Ich musste mir meinen Dancefloor ins Kinderzimmer holen.

Aera war Autodidakt und ein Rave-Träumer?

Voll. Ich habe meinem Bruder viel zu verdanken, auch dass ich seine Platten und Plattenspieler benutzen durfte. Später habe ich mich auch an Turntablism versucht. Gemeinsam sind wir an den Wochenenden nach Hamburg zu Container Records. Das war das Höchste der Gefühle. Mir ging es von Anfang an darum, zur eigenen Unterhaltung Loops zu basteln, an und auszuschalten, zu jammen, live zu improvisieren. Das ist heute nicht anders. Ich fange Tracks noch immer bei Null an, spiele einen Beat ein, lasse Sounds drüber laufen. Erst nach einer Session fange ich an zu editieren, oder schraube an den Sounds herum, so dass man die Songs auch veröffentlichen kann.

Wie sieht der perfekte Dancefloor für dich aus?

Wenn du die Augen zumachst, dich in der Musik verlieren kannst, die Augen wieder aufmachst und merkst, dass es den Leuten um dich herum genau so geht. Ich gehe nicht viel aus, aber wenn, dann tanze ich auch viel. Till von Sein war für meine Entwicklung wichtig. Wir kennen uns aus Kieler Zeiten und haben gemeinsam auch schon Tracks gemacht. Das Eklektische, das war zu der Zeit ja noch Freestyle: Missy Elliott, dann ein French House-Stück. Ich mochte schon immer Leute, die nicht stundenlang in die selbe Kerbe hauen.

Dein anderes Projekt Goldwill klingt aber traditioneller, konsistenter.

Goldwill mache ich mit Henry Behring zusammen, den ich aus meiner Zeit aus Hamburg kenne. Irgendwann ist er provisorisch bei mir eingezogen und wir haben angefangen einen Track zu machen, der auch prompt veröffentlicht wurde. Anders als bei Aera releasen wir auf anderen Labels. Henry ist ein großer Plattensammler und toller DJ. Er bringt das Analytische mit, den Blick für die Arrangements. Er kennt sich sozusagen mit Dancefloors besser aus als ich.

Wie hat sich dein Kinderzimmer-Studio mit der Zeit weiterentwickelt?

Ich bin ja kein Gerätesammler. Für die Produktion des Albums waren aber Dinge wie Alpha Juno, Maschine und MS-10 wichtig. Ganz toll war ein kleiner Synth, den ich mir selber auf einer Platine zusammenlöten musste. Sonst bin ich ein großer Fan von Freeware. In der Szene war ich eine Zeit lang auch aktiver unterwegs. Ich habe ja einen Tick: Ich male alle meine Geräte schwarz an. Das fing damit an, dass ich mal einen Mopho-Synth von Dave Smith hatte. Der war aber quietschgelb, also lackierte ich den schwarz. Da ich eh wusste, wo welcher Knopf zu finden ist, klappte das gut. Das hat mir so gut gefallen, dass ich es seitdem mit jedem Gerät in meinem Studio mache. Was den Vorteil hat, dass man sich während des Musikmachens nicht von schriftbasierten Feedbacks abhängig macht. Ich glaube, dass ich so intuitiver und freier an die ganze Sache herangehen kann. Wenn ich ein Live-Set aufbaue, gucken die Leute immer komisch. Was baut der denn da auf?

Wie die Detroit-DJs, die ihre teuer gekauften Platten zukleben, um sich so vor Decksharks zu schützen?

Nicht ganz. Die DJs machen es wegen der anderen Leute. Ich mache es für mich. Ich will beim Musikmachen so wenig Text wie möglich lesen.

Aera, Offseason Traveller, ist auf Aleph Music/WAS erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. nanaMussCouri

    sehr interessantes interview und ein toller Künstler.
    Endlich mal ein Produzent der sagt wie es vielen Leuten geht: er mag auch keine DJs die stundenlang in die gleiche Kerbe hauen.
    Der Erfolg von DJ Kozes abwechslungreichem Sound ist ein Beweis dafür.
    Alle wollen Abwechslung. Bischen mehr Eklektische Parties bitte.