Propagandabilder für militaristische Päderasten, so nennen es ihre Feinde. Die Freunde des russischen Künstlerkollektivs AES+F verstehen die provokanten Motive als letzte Möglichkeit allseitiger Aufklärung.
Text: Tadeusz Szewczyk aus De:Bug 93

Drohungen von allen Seiten
AES+F

Was bedeutet Kunst in der heutigen Zeit? Wie kann die Kunst die Realität der Welt und die Hyperrealität der Massenmedien aufgreifen und reflektieren, ohne lediglich zum politischen Vehikel zu verkommen? Wie können schwer bewaffnete, aber leicht bekleidete Kinder dazu beitragen?
Die russische Künstlergruppe AES+F, bestehend aus Tatiana Arzamasova, Lev Evzovitch, Evgeny Svyatskybzw und dem später zugestoßenen Vladimir Fridkes, hat Antworten auf diese Fragen. AES+F entlarven in ihren Arbeiten unsere Vorurteile und die Abstumpfung angesichts der massenmedialen Meinungsproduktion.
Ihr Islamic Project, das seit 1996 globale Wahrzeichen “islamisiert”, oder das Projekt Action Half Life, das u.a. Minderjährige mit Raketenwerfern zeigt, mögen – nicht zuletzt durch die unbequeme Popularität ihrer verschleierten Freiheitsstatue durch 9/11 – bis zur Banalität provokant wirken. Warum man sie dennoch nicht als politische Agitatorenkunst abtun sollte und sie sich trotzdem auf eine sowjetische Künstleridentität berufen können, klärten wir mit ihnen in einem Emailinterview.

Was ist Kunst?

AES+F: Gute Frage. Wir fragen uns das immer am Beginn eines neuen Projektes. Wenn wir das Gefühl bekommen, das es Kunst ist, fangen wir an.

In euren Arbeiten konzentriert ihr euch vor allem auf direkt politische Themen. Wie stellt ihr dabei sicher, dass ihr nicht agitiert, oder agitiert ihr mit eurer Kunst?

AES+F: Wir haben nie Einfälle, um jemanden zu agitieren. Wir kennen die Leute, die verstört sind durch die politischen Inhalte unserer Kunst, meist sind sie orthodox rechts oder orthodox links. Menschen, die zur freien Sichtweise fähig sind, ohne Stereotypen, sind unser Publikum. Auf der anderen Seite können wir die Nutzung unserer Bilder durch sehr unterschiedliche politische Spektren nicht kontrollieren. Es ist möglich, Bilder vom Islamic Project auf rechten amerikanischen Websites zu finden und gleichzeitig bei Demonstrationen gegen den Krieg. Das Projekt wurde zensiert von der Stadtregierung von Wallsall, England (VEIL exhibition, 2003), aber auch von politisch korrekten linken Kreisen in den USA (Three Penny Show, Rutgers University, USA, 1998) auf Druck der islamischen Community. Manche Besucher waren schockiert bei der Eröffnung der Action-Half-Life-Show in Österreich (Ruziska Gallery, 2005), sie sahen in den schönen Kindern mit Panzerfäusten in der Wüste die Ästhetik der Hitlerjugend. Es ist bemerkenswert, dass Leute so irritiert sind von Kunst, obwohl die Realität viel grausamer ist.

Denkt ihr, das Konzept ”l’art pour l’art“ hat sich heutzutage überlebt in einer Welt, die dominiert ist von Krieg, Terror und Kapitalismus?

AES+F: Es ist schwer zu sagen, was ”l’art pour l’art“ ist. Es gibt eine Art zeitgenössischer Kunst, die auf dem globalen Kunstmarkt gut verkäuflich ist. Gleichzeitig gibt es einen ”institutionellen Kunstmarkt“, viele Biennalen, Festivals usw. Wir sehen dort eine Menge Werke, die sich auf die Message ”Krieg, Terror und Kapitalismus sind sehr schlecht“ beschränken, ohne jeglichen zusätzlichen künstlerischen Wert und einer menschlichen Komponente. Wir wissen nicht, was schlimmer ist, nur kommerzielle Kunst oder nur politische Kunst.

Ihr reist in der Welt herum und stellt scheinbar überall in der westlichen Hemisphäre aus. Spiegelt eure Kunst dennoch irgendeine ”nationale Identität“ wieder? Macht ihr russische Kunst?

AES+F: Wir hatten mal einen Vortrag mit Podiumsdiskussion bei der Foundation La Caixa in Barcelona. Einige Studenten, die unsere Werke mochten, stellten Fragen, und wir entdeckten, dass sie annahmen, wir seien amerikanische Künstler. Wir denken also, es ist nicht wichtig für Menschen heutzutage, woher die Kunst stammt. Die Qualität von Kunst und wie sie Menschen berührt, ist viel wichtiger. Auf der anderen Seite wurden wir in der UdSSR geboren und wir erinnern uns an die seltsame Mischung aus Bewunderung und Ekel für die totalitäre Kunst und Propaganda des Sowjet-Imperiums. Ein ähnliches Gefühl haben wir in Hinsicht auf den jetzigen ”Totalitarismus“ der globalen Werbung und der Massenmedien. In diesem Sinne wäre es also eher möglich davon zu sprechen, dass wir nicht so sehr russische, sondern sowjetische Künstler sind.
Der russische Radikalismus der 90er Jahre ist inzwischen tot, weil sich die Gesellschaft verändert hat. Und wir denken, es ist gar nicht so schlimm, weil die Kunst an sich anspruchsvoller geworden ist als diejenige, die ausschließlich skandal-orientiert auf Medien-Publicity abzielt.

Manche eurer Arbeiten haben bei mir sehr starke Emotionen ausgelöst. Wie reagieren andere Menschen, attestieren sie bewaffneten Kindern hohen ästhetischen Wert oder sind sie aufrichtig bewegt? Bekommt ihr Drohungen?

AES+F: Wir haben bemerkt, dass die Menschen emotional bewegt sind von diesem Projekt, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Manche waren sehr verstört, andere bewunderten eher die ”schöne Oberfläche“. Aber genau das ist die Grenze, an der wir es lieben zu arbeiten: außen die schöne Oberfläche, innen der traurige und bittere Sinn. Es gibt einen russischen Ausspruch: ”Da ist ein Bett mit sehr weicher Bettwäsche, aber es ist sehr schwer, darauf zu schlafen.“
Wir betrachten unser Projekt weder als pro- noch als antiislamisch. Es handelt mehr von der Paranoia beider Seiten. Also bekommen wir Drohungen von beiden Seiten. Wir hatten die Idee, ein Stipendium von Osama Bin Laden zu bekommen, aber wir haben leider keine Adresse, um den Antrag einzuschicken.

Eines eurer Themen ist Krieg und Heldentum, aber es scheint, ihr bleibt bei der Kritik an der USA. Ist es gefährlich, den Militarismus eures eigenen Landes zu thematisieren?

AES+F: Du hast absolut Recht in Bezug auf die Kritik an der USA. Es ist ein sehr interessantes Phänomen, die USA (mit ihren globalen Aktionen und Hollywood) dominieren heute die historische und zeitgenössische militärische Ästhetik. Es ist nicht gefährlich, über den russischen Militarismus zu sprechen, aber Gott sei Dank präsentiert er sich so schlecht, dass er nicht so interessant erscheint.

Zeigt ihr eure Arbeiten auch außerhalb des Kunst-Kontextes im Sinne von Performances oder Urban Art oder bleibt ihr bei konventionelleren Methoden und Umfeldern aus der Kunstwelt?

AES+F: Wir sind an beiden Strategien interessiert. Das Islamic Project zum Beispiel existierte als eine Intervention im Stadtraum, als Reisebüro in die Zukunft und ebenso als Museums- oder Galerie-Installation. Der ”King of the Forest”-Zyklus ist eine Performance, die in verschiedenen Städten stattfindet, aber anschließend wird es als Foto-Serie und Video-Projektion präsentiert im konventionellen Kunstkontext.

Denkt ihr, Kunst kann einzelne Individuen oder Gruppen positiv oder negativ beeinflussen? Wenn ja, wie und inwieweit?

AES+F: Ja, sie kann. Dieser Einfluss ist nicht so massiv und grob wie der von Massenmedien und Hollywood-Produktionen, aber es ist ihr wahrer Wert.

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Elektronische Lebensaspekte.