Text: holger subaudio aus De:Bug 14

Sexismus Oder: Nur Affirmative Reaktion Holger in’t Veld holger@subaudio.net Brasilien-Fans (weiblich), Loveparade, Zeitschriftenregal, Privatfernsehen, Plakatwand, HipHop-Lyrics, Disko B-Tonträger, Sonar-Festival. Titten. Titten. T-i-t-t-e-n. Und Ärsche. Warum, das fragt sich das bundesrepublikanische Feuilleton in der letzten Zeit vermehrt (und bildet schnell ein paar Beweisfotos ab), ziehen sich immer mehr Stars und Sternchen aus. Ja, warum? Warum nicht? Mitmachen, mitkaufen, mitverkaufen. Also verkrampft euch mal nicht so. Machen ja auch Männer. Ist doch alles geklärt. Post-Feminismus, Post-Gleichberechtigungsdingsbums, Post-Alles, logisch, frei, kein Problem. “El Sexo es bueno”. So steht es auf Seite 40 des Katalogs von Sonar ’98 – und wer wäre ich zu widersprechen. Es ist aber nicht Oswald Kolle, sondern eine Anzeige eines spanischen Porno-Magazins namens “Fans X”, welche dort zwischen Lo-Fidelity und Caipirinha-Music-Ads ihren ganzseitigen Platz gefunden hat und neben dem eigenen Produkt auch für den neuen Ableger “Suite” wirbt, der (grafisch repräsentiert durch eine schillernde CD) Interaktion und Mutimedia auf den Wichsermarkt wirft. Digital ist besser. Auch in den weiten Katakomben des barcelonesken Festivalgeländes hat Fans X seine kleine dunkle Ecke gefunden. Zwischen langen Gängen voller Netz-bereiter Terminals, CD-Mixboards und Videokonsolen hängen ein paar Leuchtkästen mit Hochglanz-Hardcore. Eine Einzelkammer in Form eines Paßfotoautomaten bietet das volle interaktive Entertainment, musikalisch unterlegt mit Techno, pardon, elektronischer Musik, versteht sich. Irgendwo muß sich der Kreis ja schließen. Einen guten Bogen schlägt auf dem Weg dorthin, wo sich Nerds und Raver zwischen pubertärem Gekicher und aufgesetzter Seriösität drängeln, die Grafik- bzw. Kunstecke, die das Produktdesign dreier Companies präsentiert. Zwischen dem japanophilen Trash von Lokalmatador Charlie Brown und dem gut abgehangenen Status Quo von Farrow Design poppt das, nun ja, fragwürdige Artwork unserer Lieblinge von Disko B und Morbid/Cheap respektive Abuse Industries, die diesem ach so charmanten funky Hooligan-Humor seine betont deftige Ästhetik verpassen. Kirlian, Pulsinger. Porno affirmativ. Verstanden. Mal was wagen. Mal ‘ne Aussage treffen. Bißchen ärgern. Aber dann mitlachen. Und erkennen: Funk. Mensch, Funk ist Sex. Viel mehr als Rock’n’Roll. War immer so. Mitten in all diesem entertainendem Backlash, der so selbstverständlich, so omnipräsent, so jeden Rest von Underground vereinnahmend ist, schwebt, wer hätte es für möglich gehalten, eine diskursive Insel. Unter dem pop-zitathaften Titel “Let’s talk about sex” begab sich Wire-Chefredakteur Rob Young stellvertretend für die musikalische Intelligencia mitten ins Feindesland in Form von Riz Maslen aka Neotropic, der in Schottland lebenden Promoterin Jill Mingo, einer japanischen Produzentin/Djane namens Apache 61 und der Grafikerin Tina Frank. Gemeinsam beklagte man den Status Quo und verrannte sich in das mehr oder weniger hilflose Sinnieren darüber, warum die Frauen denn nicht einfach mitmachen. Haben wir ihnen denn nicht alles gegeben, die idiotenfreundliche Technik, die identitätsauflösende Weißpressung, die alles ermöglichende Ironie, eine unserer Rippen? Richie Hawtin, zu einem Beitrag überredet, schwor, niemals auf das Geschlecht seiner Demotapes zu achten. Alle verabredeten, weiblicher Kreativität mehr Rückendeckung zu geben. Außer der Japanerin, die das durch den spärlich gefüllten Raum wabernde schlechte Gewissen erlöste, indem sie klarstellte, daß ihr die meiste von Frauen gemachte Musik einfach nicht gefällt. Zu weich, zu Girlie. Genau, stand es auf vielen Gesichtern geschrieben, und über allem hing un-be- und wider-sprochen das Sonar-Plakat, der fragmentierte Frauenkörper. Ja, das Freudenfest im sonnigen Spanien bietet im Kontext von Installation, Multimedia und Avantgarde auch was die Ästhetik angeht einen neuen Höhepunkt: die perlenkettchenbehangene Samba-Tänzerin ist fremd, nackt und zerschnitten, zum hauptsächlich eingesetzten Unterkörper gesellen sich ein paar Planquadrate mit den Festivaldaten und im Katalog gerne an gleicher Stelle die ausdrucksstarkern Köpfe unserer Helden, Pan Sonic neben der Vagina, Jörg Burger schräg unter der Brustwarze. Cut & Paste, Sex & Bleeps. Die Samplingkultur mit dem universellen Zugriff greift universell zu und sucht das Unerforschte, Ethno und Frau, oder am liebsten beides. Was haben wir also gelernt? Jeff Mills hat Hände, Frauen haben T&A, die männliche Avantgarde verfeinert in mikrokosmischer Unschuld, oder/und sie haut ordentlich aufs Mett, sprich Fleisch. Livehaftiger Höhepunkt: Zum allseits verehrten Bretterset des heiligen Mills begaben sich die Frauen des Katalogs tanzend auf die Sporthallen-Bühne, Federboa und Perlenkette inclusive, vor dem Hintergrund der auf fünf Meter Größe hochprojizierten arbeitenden Hände des Schöpfers. Elektronische Musik, im Gleichschritt des sozio-kulturellen Backlash, der zementierten Blickrichtung, vielleicht sogar vorangehend. Nein, das hat Mills wahrscheinlich nicht gewollt, das haben auch Burger und Pan Sonic nicht gewollt, das haben wir alle nicht gewollt. Aber kann man ja nix machen. Alles wegaffirmieren. Oder, um den anfangs aufgemachten Bogen zur ganz großen Weltkultur in den unsterblichen Worten des Bundestrainers zu schließen: Die Verantwortung dafür haben (im Zweifelsfall immer) andere zu tragen. —————————————————————- ZITAT: El Sexo es bueno?

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.