Alan Abrahams Lebensweg führte vom Kampf gegen das Apartheid-Regime zur Emigration und den miesen Jobs Londons, bis er bei Scape in Berlin landete. Dort erscheint dieser Tage “Version”, seine perkussive Version elektronischer Musik.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 93

Portable
Afrika, London und die Idee des Guten

Alles ist in Bewegung. Planeten, Politik, Musik, Menschen und erst recht die Gedanken in den Windungen des eigenen Kopfes. Stehen bleiben ist in der Regel die falsche Strategie. Dieses Prinzip hat Alan Abrahams wohl nie wieder so stark am eigenen Leib gespürt wie damals an der High School in Südafrika. Es war die Zeit der großen Umbrüche, das Ende der achtziger Jahre, in Deutschland bröckelte die DDR, in Chicago feierte man Acid-House. Und in Südafrika? Anachronismus. Noch immer hielt sich das Apartheids-Regime an der Macht. Alan war damals ein Teenager, ein schwarzer Teenager. Die Hautfarbe war von existentieller Bedeutung in einer Gesellschaft, die auf dem binären Code von weiß und nicht-weiß errichtet wurde. “Das Regime hatte im Zuge der Apartheid in den sechziger Jahren die schwarze Bevölkerung aus den besten Gegenden der Stadt vertrieben und in isolierte Gebiete am Stadtrand umgesiedelt. So kam es, dass ich mit meiner Familie in Cape Flats aufwuchs, einem schwarzen Vorort von Kapstadt.” Das öffentliche Leben war juristisch penibel nach rassistischen Kriterien organisiert, kein Zutritt zum weißen Krankenhaus, dem weißen Park, der weißen Bar und der weißen Toilette. “Die weißen Schulen hatten alles, die schicken Tennisplätze und so weiter, die schwarzen Schulen waren heruntergekommen und schlecht ausgestattet.” Doch als Alan auf der High School war, kam endlich Dynamik in die politische Entwicklung, der Widerstand des ANC schwoll an und auch die Schüler wurden Teil der Bewegung gegen die alte Ordnung. Sie streikten und organisierten Protestaktionen, auf die der Buhren-Staat mit Repression, Gewalt und Polizeieinsätzen antwortete. Nur wenige Jahre später sollte er gestürzt werden.

Emigration
“Wenn man heute nach Südafrika kommt, kann man dort unter den Menschen immer noch die Macht der Revolution von damals spüren, sie leben im Bewusstsein, die politische Kontrolle in ihren Händen zu halten”, erklärt Alan. Alan erlebte Mandela, wie er 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt wurde, sah den Optimismus und die Hoffnung unter den Menschen und wollte trotzdem vor allem eines: bald weg von hier.
“Es war die Musik. Ich habe mich in diesem Punkt sehr isoliert gefühlt. In Südafrika gab es nur große Plattenlabels zu der Zeit, du musstest in das Raster passen und entweder weiße oder schwarze Musik produzieren, es gab keinen Raum für experimentelle Musik, bevor das Internet das alles geändert hat. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich bewegen musste, irgendwohin in die Nähe von Europa. England bot sich an, weil ich Englisch spreche und wir eine ehemalige britische Kolonie sind. So kamen wir 1997 zu dritt nach London, ich, mein Freund und meine beste Freundin Lakuti. Wir haben gemeinsam begonnen. Ich versuchte Musik zu machen und davon zu leben. Aber es war alles sehr schwierig, so verdammt teuer, die ganzen schlechten Jobs, die ich machen musste, um zu überleben … zu Beginn war es eigentlich ein Albtraum – und das Wetter machte alles nur noch schlimmer.” Nach ein paar Jahren organisierten sie jeden Sonntag einen Abend in einer Londoner Bar, dem sie den Namen “Mahala” gaben, ein afrikanisches Wort für “Freiheit”. An einem dieser Bar-Abende tauchte dann Sutekh auf und sprach Alan, der hinter den Plattenspielern stand, an, es habe ihm sehr gut gefallen. Aus diesem kurzen Kontakt ging schließlich auch die erste Veröffentlichung von Portable auf Sutekhs Label Context hervor und dem folgte der ganze Rattenschwanz einer erfolgreichen Produzentenkarriere, Auftritte nebenan (Fabric) und am Ende der Welt (Japan), das eigene Label (Sud), Releases (Context, Karat, Background) und jetzt ein Album bei Scape in Berlin.

Bild und Abbild
Man merkt schnell, dass diese Musik von der Vergangenheit zehrt, die Pfadabhängigkeiten des Lebens spielen ihre Rolle, Alan erklärt das folgendermaßen: “Das Aufwachsen in Südafrika, gerade in dieser Zeit im Leben, in der man sich selber richtig kennen lernt, hat mir das Fundament gelegt. Dieses Fundament ist jetzt gesetzt und alles andere baut nur darauf auf. Es entwickelt sich an diesem Ort weiter.” So kommt es, dass viele sagen, die Musik klinge noch afrikanisch, wo deren Schöpfer doch schon lange physisch ganz woanders ist. Sie ist stark von House und Techno beeinflusst und basiert auf überlagernden Rhythmusschichten und viel Perkussion, Rhythmus ist immer die Grundidee, eine unwiderrufliche Essenz, in die sich alle Teile des Ganzen auflösen müssen. Egal ob es nun Clicks sind, Stimmen, Gitarren oder Geräusche. Dem geht ein paradoxer Gedanke im Kopf Alan Abrahams voraus, er will bewahren und verändern zur selben Zeit. ”Ich möchte mit meiner Musik ein Dokument afrikanischer Musik liefern, produziert mit den Mitteln der heutigen Zeit, mit Software und dergleichen.” Alle Sounds, die er verwendet, sind Referenzen, “wenn ich einen Track starte, beginne ich mit afrikanischen Instrumenten, höre sie mir wieder und wieder an, sample sie und verändere sie, um etwas herauszuholen, das davor nicht bewusst da war. Software kann Dinge herausdestillieren, die man vielleicht davor gar nicht hören konnte. Sachen im Hintergrund, Geräuschkulissen, Umweltgeräusche, eine Idee.” Wie Platon in der Philosophie scheint Portable jeden Track nur als das Abbild einer Idee zu betrachten, einer ursätzlichen Vorstellung oder eines Gedankens, nach dem der Track geformt ist. So lässt sich auch erklären, warum die Musik überhaupt nicht dem verbreiteten Klischee afrikanischer Musik oder Weltmusik gerecht wird, Portable ist keine Folklore – die Form muss sich ändern, muss immer in Bewegung bleiben, sich nach vorne entwickeln und Zeugnis der Lebenssituation Alans Abrahams sein. “Man kann eine ursprüngliche Idee behalten, sich ihr sogar kontinuierlich annähern, während man die eigene Position verlässt, um sich weiterzuentwickeln.”

Erinnert sich wer an Cosmic?
Wenn die Geschichte tatsächlich immer eine Geschichte des Verfalles ist, von der Idee zum Abbild, wie Platon dies behauptete, war Cosmic sicherlich der Tiefpunkt in der Geschichte der Weltmusik. Insbesondere Teilgebiete des süddeutschen und des italienischen Raumes waren in den 90er Jahren dem Cosmic anheim gefallen, einem kruden Mix aus hochgepitchten Soulklassikern, Panflöten, Sitars und afrikanischen Drums – niederbayerische Szenerien, in Schwarzlicht und Ohm-Zeichen getaucht, die sich bei näherem Hinsehen als so losgelöst von ihren ethnischen Wurzeln entpuppten wie das Che-Guevara-T-Shirt von der Revolution. Dass das kurze und radikale Weltmusik-Experiment Cosmic dann scheiterte und eben, wie gesagt, nur von kurzer Dauer war, war sicherlich auch Verdienst der mangelnden Authentizität der ”Bewegung”. Die Schöpfer des Cosmic-Sounds waren, um zu Portable zurückzukehren, eben den genau anderen Weg gegangen: Sie bemächtigten sich nur der äußeren Form der zitierten und verwurstelten Musik, die Struktur schlampig auf einem Bierfilz abgezeichnet, anstatt sich auf die Suche nach der Idee dahinter zu machen. Statt Bewegung war der Ansatz der ”Bewegung” also im Wesentichen Stagnation. ”Man darf nur nicht faul werden, wenn man Klischees vermeiden will”, fasst Alan Abrahams das zusammen. “Im Moment ist es technisch wirklich nicht schwer, Musik zu machen, deswegen gibt es auch so schlechte oder besser: faule Musik. Man muss sich der Struktur der Musik immer in einem neuen Licht nähern.” Portable basiert zwar zum Großteil auf selbst gesampelten afrikanischen Drums oder alten Aufnahmen, jedoch macht Alan nicht den Anschein eines starren Konzeptmenschen. Auf dem jetzt erscheinenden Album “Version” hat er zum Beispiel einige Stücke mit einem befreundeten Gitarristen eingespielt. Das Produzieren mit seinem Rechner, sagt er, sei für ihn immer eine Form der Therapie, nicht von irgendwelchen schlimmen Erlebnissen in seinem Leben, sondern in Form einer meditativen Übung. “Ich mache die Loops und die Rhythmen, ich versuche einen Klang aus einem Sample zu erwecken und in der Konzentration, die das erfordert, liegt eine Art Meditation, du verlierst alle Zeit um dich herum und lässt dich fallen.” Ob er sich denn vorstellen könne, nach Südafrika zurückzugehen, frage ich. ”Nein”, erwidert er schnell, “ich war dort vor kurzem und habe meine Familie und Freunde besucht und nebenbei auch einen Auftritt gehabt. Es sind ungefähr 250 Leute gekommen, aber es war irgendwie nicht meine Welt, viel zu Fashion-orientiert. Ich hatte das Gefühl, die waren nicht wegen meiner Musik da. Aber es hat sich dort etwas getan, während ich weg war. Kapstadt und Cape Flats sind jetzt auf Touristen ausgerichtet, mit Preisen für Touristen. Die Nachbarschaften sind wieder gemischter, Schwarze haben zwar ein wenig mehr Einkommen, aber es gibt immer noch keine Gleichheit, die Grenzen, die früher zwischen den Hautfarben verliefen, verlaufen jetzt zwischen sozialen Gruppen. Es ist traurig, ich dachte nicht, dass es so lange dauern würde, aber es wird wahrscheinlich noch eine weitere Generation benötigen, bis die rechtliche Gleichheit in Südafrika auch den Alltag erreicht hat.”

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Elektronische Lebensaspekte.