Weltraum in die Charts
Text: Elisabeth Weidinger aus De:Bug 175

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Mit ihrem Debüt landete Janelle Monáe 2010 mitten im US-amerikanischen Mainstream und machte klar, dass sie die große Show will – egal ob Story oder Sound. Auf ihrem zweiten Album “The Electric Lady“ navigiert Monáe das afrofuturistische Raumschiff nun zurück zur Erde.

Janelle Monáe ist zeitreisende Rebellin, notorische Anführerin der Wondaland-Crew und hat zusammen mit ihrer gefährlichen Komplizin Erykah Badu alias Badoula Oblongata ein Musikwaffenprogramm aufgefahren, das auch in ferner Zukunft noch Wissenschaftler_innen vor Rätsel stellen wird. So wird sie zumindest im Vorspann des Videos zu “Q.U.E.E.N.”, der ersten Single ihres neuen Albums, vorgestellt.

Mit dieser fiktiven Selbstbeschreibung ist Monáe außerdem eine Schwarze Künstlerin des US-amerikanischen Popzirkus, die mit ihrer Musik, ihren Videos und ihrer Inszenierung eine aktualisierte und verständliche Form von Afrofuturismus präsentiert, den zum Beispiel Kodwo Eshun Ende der neunziger Jahre in seinem Buch “More Brilliant Than The Sun” an Musik wie der von Lee “Scratch” Perry, Parliament oder Underground Resistance diskutierte. Diese kulturelle und theoretische Strömung verwendet das Vokabular von Science-Fiction und moderner Technik, um Probleme des Black America zu benennen und über afrodiasporische Erfahrungen und Schwarzsein nachzudenken.

In Monáes Musik und Videos wird von Raumschiffen gesungen, Zombies laufen während der Apokalypse über den Bildschirm, Philip-K.-Dick-Referenzen finden sich am Ende von Songs und Androiden stehen als Identifikationsfigur abseits der Gesellschaft. Die Science-Fiction-Klammer hält auch Monáes Veröffentlichungen zusammen. Ihre EP “The Chase Suite” (2008), das erste Album “The ArchAndroid” (2010) und jetzt “The Electric Lady” erzählen alle als Teil der nach Fritz Langs Stummfilmklassiker benannten Metropolis-Saga die Geschichte der Androidin Cindi Mayweather.

Science-Fiction für alle
Monáes Zukunftsbilder bleiben aber – ganz im Gegensatz zum Cosmic Jazz des Godfather of Afrofuturismus Sun Ra – keiner elitären Fangemeinde vorenthalten, sondern fordern ihren Platz in den US-amerikanischen Charts. Die laut Selbstbezeichnung Businessfrau, Produzentin, Performerin und Künstlerin macht ihre Musik für “ein breit gefächertes Publikum”. Außerdem freue sich die 27-Jährige, wenn ihr die jüngere Generation zuhört, wie sie im Interview erklärt.

Musikalisch ist das auf jeden Fall eine Herausforderung, was nach dem künstlerisch ambitionierten Vorgänger – eine 18 Songs lange, abwechslungsreiche wie fantastische Irrfahrt zwischen Soul, HipHop, Indierock und Klassik – auch kritisch auf die neue Platte blicken lässt. Die fünf Songs, die vorab gehört werden konnten, lassen dann auch nie eingängigen Groove und Ohrwurmpotential in Refrainform vermissen, doch bieten gelegentlich ein paar zu viele In-Your-Face-Gitarren, Uh-Uhs, Claps oder Bläser in nur einem Song. Jedoch kombiniert Monáe weiterhin überzeugend hochmoderne Produktion mit deutlichen Bezügen auf das popmusikalische Archiv Schwarzer Künstler_innen in einem genreignorierenden Mix. Nicht umsonst tauchen Prince als Gastmusiker und Mentor, an Curtis Mayfield erinnernde Streicher, Hendrix-Gitarrensolos und Outkast-mäßige Raps in den Songs auf.

In Bezug auf ihre Vorbilder und Einflüsse wird Monáe jedoch im Interview nicht müde zu betonen, dass sie niemanden nachahmen wolle, sie allein die hundertprozentige kreative Kontrolle habe und für das neue Album sogar Gastmusiker wie Miguel, Erykah Badu und ebenjenen Prince selbst produziert habe. Monáe unternimmt großen Aufwand, um nicht nur die neuesten News zum Album, sondern immer auch großes Selbstbewusstsein zu kommunizieren. Das gilt genauso für ihren Style: das streng in geometrischen Schwarzweißformen gehaltene Pressefoto, die in Wellen zur Seite gelegte Haartolle, der rote Lippenstift, die aufgestützten Ellenbogen, der cleanweiße Anzug mit schwarzen Paspeln – hier handelt es sich nicht um eine modische Laune, sondern ein politisches Statement. Das uniforme und disziplinierte Auftreten fordert den Respekt, der Schwarzen Frauen im Popbusiness nicht entgegengebracht wird, sondern – wie bei Monáe ersichtlich – hart erarbeitet und ständig verteidigt werden muss. Ihre Inszenierung ist eine Antwort auf die alltäglichen Diskriminierungen, denen Frauen, Schwarze und Angehörige der working class andauernd ausgesetzt sind.

 
Androiden-Morphing
Und genau diese Diskriminierungen sind es, die Androide, Roboter und intergalaktische Welten für Schwarze Künstler_ innen und Theoretiker_innen gleichsam interessant machen. Afroamerikaner_innen wurden als Sklav_innen wie Roboter als Arbeitsmaterial missbraucht, sie wurden verschleppt und ins Fremde entführt – und dabei nicht wie Menschen behandelt. Deswegen sind Androiden wichtige afrodiasporische Identifikationsfiguren. Auch für Monáe: “Obwohl ich bei dem, was ich in meiner Kunst tue, meinem Gespür folge, fühle ich mich dafür verantwortlich, die Marginalisierung von Frauen, von Schwarzen, von Androiden, Unberührbaren, Einwander_innen, Exkommunizierten zu bekämpfen.” Androiden verkörpern dabei ein Zwischenwesen, das Menschliches und Nichtmenschliches vereint. Bleibt nur noch die Frage wohin es mit ihnen geht: mutieren sie vollkommen zu Aliens, die in andere Galaxien reisen und sich von der menschlichen Welt lossagen oder werden sie immer humanistischer, kämpfen sie um die Anerkennung als Menschen?

Monáes Androidin Cindi Mayweather geht auf der neuen Platte in eine eindeutige Richtung: “Ihre menschliche Seite kommt mehr zum Vorschein”, sagt die Musikerin dazu. Und das zeigt sich schon in den Albumtiteln: aus “The ArchAndroid” wird “The Electric Lady” – frei interpretiert wird Cindi also von einem Roboter, der menschliche Eigenschaften imitierte, zu einem Menschen mit elektronischen Extras. Sie ist nicht mehr das Andere, sondern hat sich ihren Platz in der Gesellschaft erkämpft. Musikalisch schlägt sich die Menschwerdung von Cindi Mayweather in einer verstärkten Körperlichkeit nieder: es geht um den Jam, ums Tanzen. Das Motto von Monáes Künstler-Community “The booty don’t lie” gelte auch für ihre neue Platte. Sie erklärt es so: “Niemand kann einen Song hassen, der dich in Bewegung bringt und dir dabei hilft, eine gute Zeit zu haben.”

Auch deswegen hat “The Electric Lady” einen starken R’n’B-Bezug. Ein Genre, das Eshun distanziert als konstanten Kampf für einen menschlichen Status, für die Inklusion von Schwarzen in die menschliche Spezies bezeichnete. Für Eshun kein attraktiver Weg, für Monáe schon: “Meine Platte ist für ein ganz vielfältiges Publikum, es wird Leute zusammenbringen. Ich sehe Androiden, Cyborgs, Menschen. Ich interessiere mich nicht für einen roten oder blauen, sondern für einen lilafarbenen Staat.” Monáes Utopien sind also keine fernen Zukunftsvisionen, die eine andere Gesellschaft, einen Roboterstaat zum Ziel haben. Sie sind keine nach Maschinenraum klingenden Technowelten in einer vollkommen anderen Dimension, sondern Musik, die Soul hat. Ihre Zukunftsszenarien beziehen sich aufs Hier und Jetzt: “Ich glaube es liegt an uns, ob Science-Fiction-Vorstellungen Realität werden. Wir müssen nur entscheiden, ob es eine Utopie oder Dystopie wird.”

Janelle Monáe, The Electric Lady, ist auf Warner erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.