Björk hat ein Buch über ihre medialen Präsentationsshifts veröffentlicht. Neben Jürgen Teller oder Inez van Lamsweerde ist die französische Designagentur M/M Paris entscheidend an ihrer Inszenierung beteiligt. Ein Interview mit den Agenturgründern Michael Amzalag und Mathias Augustyniak.
Text: anne pascual Interview: jarrett kertesz | jarrett@reservocation.com aus De:Bug 53

Design

Wer designt eigentlich Björk?
M/M Paris

Für Popstars ist das Fotographiert-Werden ein wesentlicher Bestandteil des künstlerischen Prozesses, schreibt Rick Poynor in dem neuen Buch von/über Björk. Die Bilder der Stars erzählen davon, wie sie sich permanent selbst entdecken und mit der Neuerfindung des eigenen Images experimentieren. Das machen sie so lange, bis ihre Fans beginnen, sich aus Nostalgiegründen über Image-Wiederholungen oder Cowboyhüte zu freuen. Bei Björk ist man wildere Mutationen gewohnt, das Buch erzählt von ihnen. Es zeigt Aufnahmen von Jürgen Teller, Nobuyoshi Araki und Inez van Lamsweerde u.a. Neben Björks vielen Gesichtern finden sich darin aber auch Hommagen befreundeter Künstler an sie. Philippe Parrero hat z.B. versucht, die Komponenten zu definieren, aus denen sich der Star Björk zusammensetzt. Träume, Geschichten und ein Fragebogen über die Björk-Besessenheit sind das zusätzliche Material des feinen, weißen und reinen Buches. Man muss ihre Musik nicht mögen oder kennen, um mit dieser Figur etwas anfangen zu können. Es reichen die Bilder, die zeigen, wie ihre Strategie der Selbstdarstellung und Identitätswahrung trotz und wegen des mediatisierten Blicks durch alle Metamorphosen hinweg funktioniert und verzaubert. Gestaltet wurde das Buch von M/M Paris, die auch das Video zu ihrer aktuellen Single “Hidden Place” konzeptioniert haben. Jarret Kertez hat Michael und Mathias von M/M interviewt.

Ihre Website ist schlicht, fast simpel, möchte man sagen, und sie täuscht über die tatsächliche Komplexität der Arbeiten von M/M hinweg. Zuhause in einem kleinen Pariser Studio haben sich Michael Amzalag und Mathias Augustyniak vorgenommen, visuelle Kommunikation und ihre Wahrnehmung neu zu verbinden. Jarrett Kertesz fragte nach ihrer Arbeitsweise und nach Björks neuem Projekt “Vespertine”.

DeBug: Könnt ihr uns ein bisschen über den Hintergrund von M/M (Paris) erzählen?

M/M: M/M Paris ist eine Partnerschaft. Wir begannen nach dem Studium (Mathias am Royal College of Arts, London und Michael an der Ecole Nationale Supérieure des Arts Décoratifs, Paris), zusammen zu arbeiten. Zunächst vor allem für die Musikindustrie. Da unsere Interessen aber schon immer darüber hinausgingen, haben wir das in sehr verschiedene Felder weiterentwickelt.

DeBug: Welche Projekte macht ihr? Die Arbeiten von M/M scheinen immer sehr kunstorientiert zu sein.

M/M: Nun ja, es wird immer schwieriger, unsere Aktivitäten einzuordnen. Wir sind sehr in Kunst involviert. Designen Kataloge und Bücher für Kunst-Instutitionen und arbeiten eng mit Künstlern wie Philippe Parreno, Inez Van Lamsweerde, Pierre Huyghe zusammen. Genauso sind wir aber in Mode involviert, haben zum Beispiel die Art Direction für Kataloge und Kampagnen für Marken wie Yohji Yamamoto, Balenciaga, Louis Vuitton, Martine Sitbon, Jil Sander übernommen. Dann wären da noch unsere Musik-Projekte. Außerdem unterrichten wir Grafik Design und Kommunikation in Lausanne an der Ecole Cantonale d’Art und haben vor kurzem ein Café in Paris designed.

Pasta essen mit Björk

DeBug: Ist das CD-Artwork und das Video für “Vespertine” euer erstes Projekt mit Björk?

M/M: Unsere Zusammenarbeit mit ihr begann 1998, als sie uns gemeinsam mit den Fotographen Inez Van Lamsweerde und Vinoodh Matadin für das Cover ihrer Video-Compilation “Volumen” beauftragte. Ein Jahr später fragte sie uns, ob wir nicht die Gestaltung ihres Buches “Björk” übernehmen wollten. Dann kam das Video, das eigentlich für ein Stück aus dem “Dancer in the Dark”-Soundtrack geplant war. Sie liebte dieses Projekt, aber entschied sich, es zu verschieben, da sie neues Material geschrieben hatte, das ihrer Meinung nach noch besser mit unseren Ideen zusammenpassen würde. So entstand das Video zu “Hidden Place”, die erste Singleauskopplung von “Vespertine”. Zu guter Letzt bat sie uns, auch die Hülle der CD zu gestalten.

DeBug: Wie plant ihr ein Projekt wie dieses?

M/M: Wie an jedes andere Projekt auch – mit Engagement und Interesse. Unsere Zusammenarbeit mit Björk ist über die Jahre natürlich gewachsen und beruht auf einem gegenseitigen Vertrauen.

DeBug: Arbeitet ihr direkt mit Björk zusammen oder wird die Art Direction von Elektra, ihrem Plattenlabel, betreut?

M/M: Elektra ist lediglich das Lizenzlabel in den USA. Björk beauftragt alles selbst und ist dabei sehr wählerisch… aber kein Kontrollfreak.

De:Bug: Und wie war sie als Auftraggeberin?

M/M: Begnadet, aufrichtig, großzügig und vor allem vertrauensvoll.

DeBug: Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin werden ebenfalls als Künstler, Designer und Photografen auf dem CD Booklet genannt – wie habt ihr zusammengearbeitet?

M/M: Wir arbeiten bereits seit Jahren zusammen, z.B. für Modekampagnen mit Yohji Yamamoto, Balenciaga und Louis Vuitton. Da wir uns als Team verstehen, sind wir der Meinung, dass unsere Zusammenarbeit über das normale Verständnis von Art Direktion und Fotografie hinausgeht. Obwohl wir alle sehr spezifische Fähigkeiten haben, ist es ein Kollektivprojekt, und jeder von uns ist Bestandteil dieses Prozesses. Darum haben wir uns auch entschieden, als Team auf dem Cover aufzutauchen, um die Trennlinien zwischen uns Vieren zu verwischen.

DeBug: Wie war die Co-Regie für das Video zu “Hidden Place”?

M/M: Vier Tage lang in einem leeren, eiskalten 3.000 Quadratmeter großen Studio Großaufnahmen eines Gesichtes machen und irgendwelche Flüssigkeiten über eine Maske zu kippen, war ein unvergessliches Erlebnis. Danach Tage um Tage in dunklen Räumen verbringen und hinter dem Rücken eines Engineers auf die sich ständig verändernden Farbbalance-Einstellungen eines TV Monitors zu starren … dabei schlechte Sandwiches essen, Chips und Sushi.

DeBug: Woher kam die Idee, das Video für “Hidden Place” ohne jegliche Schnitte zu filmen? Die Nahaufnahmen und Schwenks um das Gesicht passen sehr gut zum Thema des Stückes.

M/M: Wir wollten ihr so nahe kommen, wie es nur geht, da wir das Gefühl hatten, sie sei noch nie als die reale, schöne Frau gezeigt worden, die sie ist. Irgendwie ist es ein Tabu, einen Popstar ohne Make Up aus einigen Zentimetern Abstand zu zeigen. Dann kam die Idee, Flüssigkeit als Visualisierung für all die Emotionen einzusetzen, die in ihrem stets aktiven Gehirn pulsieren und zirkulieren. Die Idee eines Loops war ebenfalls sehr wichtig für uns, um die übliche Zeit zu verlängern, die sich die meist superschnell geschnittenen Pop Videos sonst nehmen, um es hypnotisch, mesmerisierend und irritierend zu machen – wie ein ewig brennendes Feuer.

DeBug: Gab es irgendeinen erzählenswerten Zwischenfall während des Projektes?

M/M: Björk kocht gute Pasta mit Sahnesoße und Kaviar und singt Boney M dazu.

DeBug: Was ist der nächste große Plan von M/M, auf den wir uns freuen können?

M/M: Wir warten auf einen Anruf von Michael Jackson und in der Zwischenzeit re-designen wir den Eiffelturm.

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Elektronische Lebensaspekte.