Air ist mit ziemlicher Sicherheit von allen in diesem Magazin jemals besprochen Bands diejenige, deren Musikfetzen am häufigsten für TV-Werbung gebraucht wurde. Mit ihrem neuen Album Love 2 beweisen sie, dass ihnen die umfassende Auseinandersetzung mit der Liebe im Allgemeinen zu Kopf gestiegen ist.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 136

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Es beginnt mit einer ziemlichen Rock-Gitarre. Dann kommt ein klassisches Klavier, verdrängt die Gitarre. Gitarre kommt wieder, ein Synthesizer löst sie ab. Verzerrte Computerstimmen setzen ein. Ein Xylophon. “Do the Joy” heißt das erste Lied auf der neuen Platte von Air. Und man hat das alles schon 1000mal gehört. Macht es trotzdem noch Spaß? Lullt das noch wie damals? Ist das irgendwie neu?

Nachdem die beiden französischen Electropopper sich im Anschluss an den Drei- Millionen-Seller Moon Safari jahrelang kleinteiligem Sounddesign (natürlich airmäßig, also immer noch wohlgekämmt) verschrieben haben und sich häufig in kniffeligem Bombast verloren, wollte man vor zwei Jahren mit “Pocket Symphony” an die Superplatte anschließen. Aus musikalischen Skizzen sollten wieder perfekt gestylte Popsongs werden, im Versuch, japanisch gefärbten Zen-Buddhismus auf stylisches Taschenformat zu komprimieren. Das misslang nicht, aber ein bisschen egal war das Resultat schon.

Das große Nichts

Die Musik von Jean-Benoit Dunckel und Nicolas Godin wird sich im Grunde nie ändern. Paris bleibt die ewige Welthauptstadt von Schönheit und Geschmack, Romantik das herkömmliche Kommunikationsformat und die Liebe wird schon den Rest erledigen. Aber Vorsicht. Der eleganten Melancholie einer Rive-Gauche-Existenz ist dabei von vorn herein nicht zu trauen. Sie ist generell älter als du und hat sogar die hemdsärmeligen Sansculotten überstanden. Damals, im Post-1789.

Dabei ist das ja erstmal super, diese Musikbehauptung, nichts weiter zu wollen, außer Mühelosigkeit bezeugen, dicken Style zu schieben und Oberflächen vor sich her zu tragen, hinter denen sich jetzt bitte mal nichts befinden soll. Denn gerade durch die Konturierung dieser glatten Oberfläche schimmert erst das Dunkle, das Sublime dahinter. Auf der einen Seite steht das Leichte, Banale: sich mal richtig schön Platz lassen, lange schlafen dürfen, nicht aufstehen müssen. Mal dazu stehen, dass man geschmackssichere Entscheidungen treffen kann. Und sich so richtig freuen auf den Frotteebademantel nach dem warmen Bad. Da wird der Kopf nämlich wieder schön schwer.

Da fällt einem dann nichts ein. Muss ja auch nicht. Macht man den dicken Verstärker an und schaut aus dem Fenster, auf so einen schön zurechtgestutzten Garten. Air haben sich nun ein eigenes, hochmodernes Studio gebaut. Love 2 geht als erste Produktion aus “Atlas” hervor. “Das war ganz schön teuer”, sagt JB und lacht irgendwie gequält.

Stimmen der Liebe

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Und diese kinderliedleichte Seichtigkeit von Liedern wie “Sing Sang Sung” ist fraglos grandios. Oder Lyrics wie “Woman / make me feel / warm inside”. Das ist ganz glamouröser Softporno. Das ist eigentlich supergaga. Gitarrensoli, samtweiches Saxofon und Liedtitel wie “Be A Bee”. Irgendwann merkt man, dieses ganze Liebesding, seit zehn Jahren das ewige Ausloten eines Gefühls, das hat sie rasend gemacht. Bereits auf dem Vorgängeralbum gab es ja das Lied “Napalm Love”.

Vielleicht sind so auch diese neuen Anklänge an tarantinomäßigen Agentenrock zu erklären. Air beziehen sich auf Love 2 überhaupt sehr kommentiert auf Genremusik. Psychedelischen Krautrock etwa, aber auch beatorientierte HipHop-Produktionen. Nur zum Spaß frage ich JB dieselbe Frage, die ich vor zwei Jahre seinem Kollegen Godin gestellt habe. “In welcher Stimmung wart ihr beim Aufnehmen des Albums?” Er gibt exakt in denselben Worten Antwort: “In der Stimmung der Liebe.”

Bereits das zweite Lied auf Love 2 kann aber in diesem Komplex als selbstreflexiver Kommentar gehört werden: ein behutsamer Instrumentalpart. Supersüßer, zwitscheriger Vollpop. Uplifting. Und eine Stimme singt permanent, monolithisch, in ihrer Hirnrissigkeit irgendwann schon schmerzlich blöde, aber deswegen eben auch auf so eine Scritti-Politti-Art richtig toll: Love. Immer wieder Love. Als gäbe es nichts anderes in der Welt. Als müsste man das immer und immer wiederholen. Bis es wahr wird, oder man den ganzen Wahnwitz eben wahrnimmt.

Ich traue mich natürlich nicht, JB das alles so zu sagen. Er hat eh wenig Zeit. Er hat eh andere Sachen im Kopf. Er würde das hier eh nicht, oder sicher anders, wahrscheinlich falsch verstehen. JB schaut an mir vorbei und sagt: “Liebe ist etwas, das du nicht wirklich entwickeln kannst und die du jemandem gibst, der sie nicht braucht. Liebe ist vor allem selbstbezüglich und egoistisch.” Ich entgegne etwas konsterniert, dass ich Talkie Walkie für ihr bestes Album halte. Und lustigerweise stimmt JB mir zu. Wir plaudern etwas in der Gegend herum:

Debug: Hand aufs Herz, was ist der Unterschied von eurem neuen und all den anderen Air-Alben?

JB: Wir haben eine Hürde genommen. Es ist eigentlich keine elektronische Musik mehr.

Debug: Ich höre da immer diese Rockgitarre.

JB: Ja, eine Rockgitarre, das stimmt.

Debug: Eine richtige Rockgitarre.

JB: Dafür ist aber Nicolas verantwortlich, nicht ich.

Debug: Das stelle ich mir hart vor, in so einer jahrelangen Zusammenarbeit, wenn der eine plötzlich merkwürdige Vorlieben entwickelt.

JB: Aber ich mag diese Gitarre.

Debug: Es ist doch so: Menschen, besonders Paare, kaufen sich vermehrt teure Gegenstände, etwa Häuser oder Autos, wenn ihnen langweilig miteinander ist. Sie kaufen Dinge, die ihr Leben besser zu machen scheinen, um sich in Krisenzeiten aneinander zu binden. Musiker, so müsste man weiterspinnen, kaufen sich teures Equipment oder sogar große, eigene Studios. Glaubst du an diese Theorie? Ist euch sehr langweilig miteinander?

JB: Ich glaube, du hast Recht. Andererseits denkt diese Theorie nicht mit, dass die meisten Beziehungen, auch zwischen Musikern, permanent auf der Kippe stehen. Aber wir sind immer noch da. Du kannst auch noch weiter gehen. Die Alben sind die Kinder, das Studio ist das Haus. Unser Problem ist, dass wir für die nächste große Krise nicht wissen, was wir nun kaufen sollen.

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Debug: Was hat der Titel Love 2 zu bedeuten?

JB:
Love 1 ist die konzeptuelle Idee davon, dass es nur eine Liebe für dich gibt. Mit Love 2 verabschieden wir uns endgültig davon. Es gibt nicht die eine, einzige Liebe deines Lebens, sondern eine undefinierbare Anzahl. Love 2 bedeutet eigentlich, dass man immer weitersuchen kann und muss. Es bleibt schwierig.

Debug: Ist das nicht ein ziemlich unromantisches Konzept? Das ist in seiner Konsequenz ja direkt turbokapitalistisch.

JB: Ich finde es eher aufregend.

Debug: Air stehen eigentlich für eine sehr klassische Form von Romantik. Wie steht ihr der vulgären Pornowelt gegenüber, die MTV verbreitet? In der es normal ist, dass ganzkörperasierte 13jährige mit Tattoos Hardcore-Sex haben, aber weder über Sex und schon gar nicht über Liebe sprechen? Ist eure Herangehensweise an dieses Thema in der heutigen Zeit nicht ausschließlich nostalgisch?

JB: Das ist eine gute Frage. Die Welt des Porno ist ziemlich präsent. Das ist ja auch sehr schrecklich. Porno zerstört die Romantik. Denn die Frauen mit diesen unglaublichen Körpern, die diese unglaublichen Dinge tun, sind zumeist leider nicht die Frauen, mit denen du in deinem wahren Leben ausgehst. In unserem Videodreh zu Cherry Blossom Girl sind wir dieser Szene ganz nah gekommen. Wir sind nach LA geflogen und mussten feststellen, dass es kein Spaß ist und die Drogen regieren.

Debug:
Bitte erklären Sie mir den Unterschied zwischen trivialer und ernster Musik? Sie können gerne ein Beispiel geben.

JB: Ernste Musik ist beispielsweise Philip Glass, triviale Musik Vanessa Paradis. Ernste Musik muss eine Rolle im generellen Musikdiskurs spielen und dort verhaftet sein. Es kommt dabei nicht unbedingt auf Styles oder Genres an. Triviale Musik ist nur dem Heute verpflichtet. Aber ich denke, Musik ist generell nicht ernsthaft.

Debug: Was soll denn das heißen?

JB: Für meine Begriffe ist Musik zu elementar an Gefühle gebunden. Musik muss vor allem tief sein und dich berühren. Sie ist zu emotional und physisch, als dass es über die reinen Muster der Produktion kategorisiert werden könnte. Es muss leben.

Debug: Mozart oder Wagner haben doch sehr physische und energiegeladene Musik hervorgebracht. Mehr jedenfalls als Timbaland, oder? Wo stehen eigentlich die Beatles?

JB: Ich glaube, die Beatles stehen genau in der Mitte zwischen Timbaland und Mozart. Denn Mozart hat Musik geschrieben. Die Beatles sind einerseits die klassische Popband, doch es gab ihr fünftes Mitglied, den Produzenten, der die leicht anmutenden Arrangements konzeptuell plante.

Air, Love 2, ist auf EMI erschienen. http://www.aircheology.com

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Elektronische Lebensaspekte.