Dr. Walker und Jammin' Unit legen nach. Nach Major-Deal und Flutkatastrophen stellen sie sich mit ihrem neuen Album breitbeinig in die Disco. Zehn Jahre Business konnten den beiden nichts anhaben. Die Maschinen lieben sie immer noch. Und umgekehrt sowieso. Im Garten der Legende ...
Text: Martin Osti/Aljoscha Weskott aus De:Bug 83

Wenn Euphorie, dann Track
Air Liquide

Die Architektur der Disco hat sich verändert. Sie war damals noch anders: dunkler, rougher, verrückter und meistens unter Tage. Eine Überschwemmung in Köln ruinierte Mitte der 1990er-Jahre das Equipment der krachenden Gehirnelektroniker Air Liquide. Viele Platten wurden fortgespült, zahlreiche Maschinen, d.h. selbstgebaute Synthesizer verwüstet. Walkers Sammelleidenschaft für Maschinenbauteile jeder Art tat das aber keinen Abbruch. Cem aka Jammin’ Unit konnte hingegen durchatmen. Schließlich war im Kellerloch des damaligen Clubs Liquid Sky, auf einer alten Kegelbahn, die Luft ziemlich dünn geworden. Aus den hirntechnoiden Soundschraubern von einst und nach Jahren verschiedener Solo-Pfade sind Air Liquide nun in ein anderes Disco-Stadium getreteten, das in dieser Konsequenz von ihnen noch nicht zu hören war. Dieses Album hätte auch schon vor zehn Jahren erscheinen können, meint Cem. Aber damals domierte sie noch andere Soundformate. Gewisse Kontinuitäten gibt es dennoch. Auch ein Jahrzehnt später begegnen Air Liquide bei ihren Live-Sets noch immer Menschen, die es sich nicht nehmen lassen, pikante Fragen nach technischen Details zu stellen: “Was ist das für ein Widerstand, den ihr da zwischen Gerät A und B eingebaut habt?” Das nervt, oder nicht?

Trouble
Dann folgten Jahre bei Majors, u.a. bei Sony, EMI und zuletzt BMG. Dort, so erinnert sich Cem, ereignete sich schließlich ein mittlerer Albtraum. Kein Benz holte sie ab, als der Chef persönlich zum Essen lud – auf eine Pizza, ganz leger, ganz locker, tatsächlich aber nur zu einer. Zu dritt kauerte man an besagtem Stück, bis der BMG-Boss einen Segelflieger-New-Age-Chill-Out-Sound in seinen CD-Player einlegte und davon sprach, dass er ja ihre Platten kennen würde. Das kratzte am Nervenkostüm, schürte ein schon vorher tief ausgeprägtes Unbehagen gegen die Musikindustrie, das sich bis heute fortzusetzen wusste. Also weg von den Majors, hin zu Multicolor, dem kleinen exquisiten Weltmusik-Label mit elektronischem Anstrich. Denn im Laufe der Zeit sind für Air Liquide solch schlechte Wiederholungen lästig geworden. Das gilt auch für die mafiöse EFA-Bande, die sie abzuziehen wusste, wenngleich nur um kleinere Beträge. Im Vergleich zum völlig ruinierten Force-Inc-Chef Achim Szepanski waren es tatsächlich nur Peanuts.

Waves
All das hat auf den Kultstatus von Air Liquide nicht abgefärbt. Eine gewisse Reife ist ihnen anzumerken. Das gilt nicht für ihren Sound. Air Liquide machen keinen Air-Liquide-Sound. Aus purem Begeisterungsterror für jeden skurrilen Soundschnipsel sind sie nie eingerostet. Eine fast jugendliche Unruhe und Aufgeregtheit ist geblieben. Ihre Produktionsweise entspringt spontanen Euphorieschüben. So erreicht zwischendurch den in Berlin lebenden Cem eine SMS aus Köln, dass alte HipHouse-Platten wieder geil klingen, das damit etwas gemacht werden müsste. So werden Ideen entwickelt. Das neue Album wurde live produziert. Drei Tage waren sie in einem leeren Club in Köln und haben mit den vorher programmierten Soundpattern improvisiert oder besser: gespielt. Das war die Basis der LP. Erst einen Fundus von Beats basteln, der alle momentanen Einflüsse streift und dann im Club das Geschehen schon vorwegnehmen. Aber was begeistert sie? Wie wählen sie etwas aus, wenn nie ein Konzept aufblitzt?”Mich begeistert eine leidenschaftliche Intensität, etwas, das Eindruck hinterlässt. Der Krach von Alan Vega. Er schwitzt und es passiert etwas. Dieser bestimmte Vibe ist das Auswahlkriterium auch für unsere Musik.”
Es geht nicht zuletzt darum, sich selber zu programmieren, sich mit Stimmungen zu manipulieren, um einen Sound zu finden. Nicht mehr Klangforschung, sondern programmierte Vielfalt ist dem Album zu entnehmen. Mal tümmeln sich schwere Bassläufe in einer etwas angestaubten amerikanischen Big Beat Boutique, mal werden Soulstimmen zu Husarenritten ausgebaut, bis im Feuersturm der Gefühle ein kleiner Riss dazu genutzt wird, um alles zu einem Medley auszubauen, das den Saturday-Night-Fever-Soundtrack in die Gegenwart zu holen scheint. Das ist irgendwie entrückt und soll auch so wirken. Von einem “Beschleunigt-Werden” redet daher Cem. Im gleichen Atemzug auch von einer Sexyness, die nicht ironisch rüberkommen soll, obwohl zwischendurch ein sprachbasiertes Sample “Danke auch” auf den Dancefloor ruft. “Danke auch?”, das bezieht sich auf den Sumpf, auf die 90 Prozent Hass im Medien-Alltag und die zehn Prozent Regeneration in der eigenen Musik. Air Liquide setzen in ihrer besonderen Liebe zu den Maschinen auf Klarheit.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Wäre Kylie Minogue, ein alter Air Liquide Fan, wie sich herausstellte, nicht durch ihren Charterfolg komplett ausgebucht, würde sie bei ihnen mal singen. Dafür retten Ingmar Koch und Cem Oral als Air Liquide jetzt tatkräftig den Regenwald, bekennen sich zu Bob Geldorf und beschenken uns mit einem neuen Album.
Text: joachim landesvatter | landesvatter@gmx.de aus De:Bug 53

techno

Kylie ist Fan, doch sie haben höhrere Ziele
Air Liquide

Nice-Price-Shoppen bei http://www.force-inc.net: Die “Rauschen 7”-Compilation liegt zwei Tage später im Briefkasten. 1994 tummelte sich auf dieser Doppel-CD eine illustre Produzentenrunde: Jörg Burger, Alec Empire, Wolfgang Voigt, Ian Pooley, Cristian Vogel sowie Ingmar Koch & Cem Oral aka Dr. Walker & Jammin Unit aka Air Liquide. Die Tracks scheinen Geschwindigkeitsrekorde aufstellen zu wollen und klingen oft nach einer sehr dancefloor-acidorientierten Leistungsschau analoger Synthesizer aus dem Hause Roland.
7 Jahre später feiern Air Liquide jetzt ihr 10jähriges Bestehen mit der LP “X”, sind wie fast alle anderen Kollegen der Rauschen-CD mittlerweile bei anderen Labels unter Vertrag und haben ihren Sound hörbar verändert und damit weiterentwickelt. Erstmal fällt auf, dass die Tracks merklich langsamer geworden sind, was sich schon auf der letzten Air-Liquide-LP “Anybody Home” 1999 andeutete. Mit Techno hat das nicht mehr viel zu tun. Als erste Singleauskopplung erscheint “Space Brothers”, ein älterer Track, der von Reinhard Schmitz doch technoid geremixt wurde. Die Tracks vergangener Tage leben also weiter, wie Dr. Walker bestätigt: “Wir machen sehr persönliche Musik. Für uns sind das ganz entscheidende Phasen in unserem Leben gewesen, warum die Tracks entstanden sind, und wahrscheinlich sind wir da zu sentimental, um uns einfach davon zu verabschieden, oder vielleicht sticht uns einfach nur der Hafer, dass wir es immer wieder neu machen wollen. ‘Space Brothers’ gehört schon mit zu unseren Lieblings-Tracks, den wir alle paar Jahre auf den neuesten Stand updaten.”
Auf der aktuellen LP findet man noch einen Schmitz-Remix des AL-Klassikers “This is not a mind trip” und eine französischsprachige Intim-Fassung von “If there was no gravity” der Chanson-Niedlich-Popper Stereo Total, deren neues Album Cem produziert hat. Dr. Walker zu der Stereo-Total-Version des sphärischen Tracks: “Wenn man das hört, versteht man, warum wir sie gefragt haben. Die haben ein sehr gutes Feeling für den Track. Das ist genau dieselbe Richtung von Gefühl, die haben das mindestens genauso gut gemacht wie unser Original.”
“Fishes in the Sky” mit Gesang von Mary S. Applegate ist noch offensiver poppig und lädt geradezu zum Mitsingen ein, was für AL eher untypisch ist. Die Vermutung, dass der kindliche Touch eher ironisch gemeint ist, bestreitet Cem jedoch. “Das ist richtig mitsingmäßig. Die Sängerin ist sehr ernst. Sie hat dieses Stück ohne Musik gesungen. Sie geht immer auf’s Klo mit ihrem Minidisk-Recorder und singt ein Stück für uns. Die MD kommt an und wir schneiden das so lange, bis das Tempo passt. Das instrumentelle Begleitung folgt auf den Gesang. Wenn man zuerst die Stimme hört und dann reagiert, ist die Musik absolut legitim.”
Auf dem Track “Champian” ist der deutsche, aber englisch toastende Ragga-MC Tolga vertreten. Wie kam diese Verbindung zustande? Cem: “Den kenne ich schon ziemlich lange. Ich bin in Frankfurt aufgewachsen und habe bei einem Soundsystem mitgemacht. Da war er MC. Als das Stück fertig war, haben wir gemerkt: da fehlt doch was. Dann ist er mir eingefallen. Wir haben ihn angerufen und er meinte: ‘Hauptsache, ihr habt grüne T-Shirts!’ Die waren da. Das Stück hat einen halben Tag gedauert.”
Gerüchteweise sollte auch Kylie Minogue auf der neuen LP vertreten sein, und es bestand auch schon Kontakt zu der australischen Sängerin, allerdings machte ihr immenser Chart-Erfolg einen Strich durch die Kooperations-Rechnung. Dazu kam AL’s Label-Wechsel von EMI zu BMG.
Walker über Kylie: “Sie ist totaler Air-Liquide-Fan. Als wir in Köln waren, trafen wir sie bei ‘Top Of The Pops’. Ihr Manager und die Bodyguards haben sie vor mir abschirmen müssen, weil ich ja so gefährlich aussehe (Walker bevorzugt Military-Look und fette Todschläger-Metallringe, Anmerkung des Schreibers). Dann hat Kylie sie aber eigenhändig weggeschubst und mir erzählt, dass sie ein Hardcore-Fan ist – blablabliblupp. Auf jeden Fall hat sich bei ihr dann Hit auf Hit ereignet. Sie war schon bei der EMI, als wir auch noch da waren, deswegen ist die Zusammenarbeit auch angedacht worden. Damals war sie ja auch komplett erfolglos. Ich glaube, da wird sich noch was ergeben, der Kontakt war wirklich nett.”
Während EMI-Zeiten waren AL beim Unterlabel Harvest unter Vertrag – in den 70er Jahren eine Progressive-Rock-Abteilung für Pink Floyd und Konsorten, das 20 Jahre später für elektronische Musik aus Deutschland wiederbelebt wurde. Harvest veröffentlichte das erste Modernist-Album, und eine Zeitlang konnte man sich scheinbar wöchentlich über neue Releases freuen. Irgendwann kam dann die Meldung, dass bei Harvest massenhaft Leute entlassen würden und plötzlich war es vorbei mit der geradezu inflationären Veröffentlichungsflut. Was war vorgefallen? Walker: “Die verantwortlichen Leute, die das mit Liebe gemacht haben, wurden gefeuert. Dann landete die Musik plötzlich bei Produkt-Managern, die überhaupt keinen Bock hatten. Das Reissdorf-Force-Album war die letzte Zusammenarbeit mit der EMI. Da gab es ein legendäres Meeting mit dem neuen Produkt-Manager, der uns das Dynamite-Deluxe-Album vorgespielt hat und meinte: Wenn Ihr Erfolg haben wollt, dann müsst Ihr so klingen!”
Wegen außerordentlichem Bürostress hat Cem auch sein eigenes Label “Pharma” eingestellt, und statt Tracks im Stil deutschsprachiger Rapper zu produzieren, engagieren sich AL mittlerweile lieber für den Regenwald. Kürzlich spielten sie bei einem Greenpeace-Rave in Brasilien, was Assoziationen mit dem 80er-Jahre-Wohltäter Sting hervorruft.
Cem ist begeistert: “Wie heißt der andere, der noch schlimmer ist? Bob Geldorf. So sind wir.”
Walker nicht: “Das hat mit Sting nichts zu tun. Wir wussten nicht so viel, als wir da aufgeschlagen sind. Die Fakten erschlagen einen. Jeden Tag wird auf einer Fläche von ganz Nordrhein-Westfalen der alte Regenwald abgeholzt, das ist das 60fache der Bundesrepublik im Jahr. Die Hälfte des Regenwaldes ist zur Abholzung freigegeben und zwar vom brasilianischen Umweltminister, der ist gleichzeitig der größte Holzhändler! Die Auswirkungen auf das Weltklima werden verheerend sein. Wir sind jetzt erst Greenpeace-Mitglieder geworden. Wir haben auf dem Greenpeace-Rave gespielt, dann musste Cem zurück nach Berlin. Ich habe immer weiter verlängert. Ich wollte einfach alles wissen und hab mir das Greenpeace-Büro in Manaus genau angesehen. Das ist schon nervenzerfetzend, wenn man die Details betrachtet. Vor allem gibt es ein ganz einfaches Hilfsmittel: Man kauft den Scheiß! 1Quadrat-Kilometer Regenwald kostet 2000$. Da gibt es auch einen sehr interessanten Plan, wie man das Ganze kaufen kann: man muss sich an den Wasserwegen entlangorientieren. Wenn die Küstenstreifen gekauft werden, dürfen die Holzfirmen nicht mehr an das Wasser liefern. Sie müssten durch dein Gebiet. Und dann kannst du schießen! …Ich hab jetzt erst mal 8 Quadrat-Kilometer gekauft an Küstenstreifen. Ich hab keine teuren Hobbies, fahre keinen Sportwagen, hab aufgehört, Drogen zu nehmen, sammele keine Synthesizer mehr.”
Seine Synthie-Sammlung hat er um 200 Stück dezimiert. Dem zuckigen Downbeat-Funk von AL hat es nicht geschadet. Demnächst geht es in Deutschland auf Tour mit Sängerin Mary S. Applegate und Vokalist Sketch, der auf “X” stellenweise fast an Psycho-Rapper MC 900 Ft. Jesus erinnert.

Ein guter Slogan für die Konzerte könnte Walkers Statement zum Live-Performen sein: “Wir sind ziemliche Rocker und stehen auf Bassdruck, nickende Köpfe und wippende Möpse.” Allgemeines Gelächter.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.