“Das Leben ist die Hölle"
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 110


Air haben ein neues Album gemacht. Darüber reden kann die Band nur mit geschlossenen Augen. Hendrik Lakeberg hat mitgeträumt.

Irgendwas ist kaputt hier. Die Neonröhren? Die Klimaanlage? Click, click, click. Im Sekundentakt. Es klingt wie der Zünder eines elektronischen Feuerzeugs. Ein Concierge zieht die schwere Holztür auf, erkundigt sich, ob alles in Ordnung ist. Jean-Benoît Dunckel nickt müde und abwesend, wie auf Valium. Dann macht er ihn auf das Geräusch aufmerksam. “Muss wohl was mit der Elektronik nicht in Ordnung sein.”

“Ich kümmere mich drum.” Klingt verbindlich. Hotelfachschulmäßig. Der Concierge verschwindet. Die Holztür fällt sanft ins Schloss. Click, Click, Click.

Als würde er von irgendetwas hineingedrückt, hängt Jean-Benoît Dunckel in dem schwarzen Sessel, um über das neue Album seiner Band Air zu reden. Akkurater Scheitel. Schwarzer Pullunder, schwarzes Hemd. Alles wie maßgeschneidert. Dezent großbürgerlich, geschmackvoll angeraut mit ein wenig Pariser Straßen-Couture. Ab und zu schließt Jean-Benoît Dunckel die Augen, während er erzählt. “Das neue Album hat für mich etwas Flüssiges. Im Wasser ist die Schwerkraft anders. Man fühlt sich leichter. Ich denke, unsere Musik ist gut, um sich gegen die Schwerkraft aufzulehnen. Sie kann ein Fenster sein. Eine kleine Öffnung, ein Ausweg vom Dasein auf der Erde.”

Click, click, click.

“Wir möchten in einer anderen Dimension sein und uns darin cool fühlen. Wir glauben an andere Galaxien um uns herum. Du kannst sie sehen, wenn du wachsam bist. Das hat nichts mit Religion oder Zauberei zu tun. Wir versuchen, Musik zu machen, die die Leute darauf aufmerksam macht, dass um sie herum andere Himmel und Meere sind. Es ist wie in den Science-Fiction-Comics von Moebius oder Alejandro Jodorowsky. Diese poetischen, sehr offenen Zukunftsvisionen interessieren uns. Wir versuchen, das Gleiche mit Noten zu erreichen. Vielleicht ist in der Schublade da oder irgendwo in diesem Hotel eine andere Galaxie?” Er deutet in Richtung der hohen Zimmerdecke und auf eine Schublade an der hölzern verkleideten Bar. Und lacht.

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Pocket Symphony
So heißt das neue Album. Und es klingt, wie Air eben klingen. Vielleicht gehen Jean-Benoît Dunckel und Nicolas Godin auf ihrem dritten Album etwas zurückgenommener mit ihren musikalischen Mitteln um, aber im Grunde hat sich wenig geändert: Air schwelgen weiterhin in watteweichem Easy Listening zwischen Burt Bacharachs Edel-Pop, den Soundtracks von französischen Filmkomponisten wie Francois de Roubaix und einer Prise Steve-Reich-Minimalismus. Gaststars sind Jarvis Cocker mit der grandios weinerlichen Kater-Hymne “One Hell of a Party” und Neil Hannon, Sänger der britischen Popmelancholiker Divine Comedy, mit dem meditativen “Between waking and sleeping”. Besonderes Gimmick ist diesmal ein kleiner Ausflug in die japanische traditionelle Musik. Nicolas Godin lernte die Koto, ein mit Seide bespanntes japanisches Saiteninstrument. Aber alles fügt sich nahtlos in den typischen Air-Sound. Ambient Soulmusic, so nennt es Jean-Benoît Dunckel.

Air kreisen auf “Pocket Symphony”, wie auch auf den Vorgängeralben, im Grunde um sich selbst und ihre drei großen Lieblingsthemen: die Sehnsucht nach einem anderen, besseren Ort, die Melancholie, dort niemals anzukommen, und das Zelebrieren einer weichen, glitzernd schönen Oberfläche, um “die Seele vom Leben auf der Erde zu heilen”. Natürlich ist Jean-Benoît Dunckels melancholisches Pathos Koketterie. Er liebt es, sich beim Fabulieren zuzuhören. Und es ist nie ganz ernst gemeint, wenn er Sätze sagt wie: “Das Leben ist die Hölle.” Aber so ganz ironisch ist es dann wiederum auch nicht. Es liegt ein Hauch von Dunkelheit selbst über dem softesten Air-Track. Das ist ein wenig wie in einer Szene in David Lynchs Film “Blue Velvet”: Das Bild zeigt eine bürgerliche wohlgeordnete Vorstadtsiedlung, die Häuser sind tadellos weiß gestrichen. Plötzlich stürzt ein Mann, während des Rasenmähens, tot zu Boden. Dann senkt sich die Kamera in den von Ameisen bedrohlich wimmelnden Rasen.

In dem Raum im Hyatt Hotel in Berlin ist es dämmerig dunkel geworden. Der Concierge hat sich nicht mehr blicken lassen. Die Zeit ist fast um, noch ein paar letzte Fragen. Dann erhebt sich Jean Benoit behäbig aus dem Sessel, schiebt den Lamellen-Vorhang an der weitläufigen Fensterfront zur Seite und blickt auf die leere, sporadisch bebaute Edel-Tristesse rund um den Potsdamer Platz. “Irgendwie schön, dieser Ort”, sagt er. Das Geräusch ist immer noch da: Click, click, click.
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Elektronische Lebensaspekte.