Die Vorstellungskraft schafft nicht erst seit dem Internet Märkte und lässt sie anschließend wieder verfallen. Was den Goldrausch, die Eisenbahn, das Stromnetz und das Internet verbindet.
Text: anton waldt aus De:Bug 45

Internet | New Economy

Die Vorläufer der Dot.com-Pleite
Eine kurze Geschichte des Aktienfalls

Als am 15. Juli 1897 der Dampfer “Excelsior” im Hafen von San Francisco anlegt, ist auch der wichtigste Faktor der Dot.com-Ökonomie reichlich an Bord: Fantasie. Das Schiff kommt aus Alaska und hat augenscheinlich in erster Linie stinkende und gründlich verdreckte Penner an Bord, die in allen erdenklichen Behältnissen schwere Lasten mit sich schleppen. Der Legende nach leeren die Punks aus dem Norden in der ersten Hafen-Bar ihre Taschen, Kisten und Säcke auf die Tische aus und lösen mit den angehäuften Goldbergen den legendären Boom aus, der seitdem als Synonym für die Chance auf flotten Reichtum gilt. Hundert Jahre später gibt es für einen Großteil der Finanzbranche immer noch keinen besseren Kick, als in digitalen Dreckbergen – mit jeder Menge Fantasie – unglaubliche Reichtümer ausfindig zu machen und auf den Pixelmüll riskannt hohe Wetten abzuschließen. Dabei müssten sie es besser “wissen”, nur genau darum ist es seit dem Ende der Tauschwirtschaft immer nur am Rand gegangen. Die Lehre aus dem Goldrausch von Klondike galt an den Finanzmärkten schon vor 1897: Vom Goldrausch profitieren vor allem Saloon- und Bordell-Besitzer, Hersteller von Schaufeln und Spitzhacken und Buchhalter, die die Sprache der Erdschweine verstehen.
Selbstredend handelt es sich bei der Fantasie der Märkte um ziemlich perverse Abstrusitäten, die aus gutem Grund nicht verfilmt werden. Die Vorstellungskraft der Investoren kann dabei genauso Rosen aus Pissbecken sprießen, wie ganze Länder verhungern lassen, je nach dem, wohin die flüchtige Aufmerksamkeit der Business-School-Absolventen gerade schweift. Nicht, dass irgendjemand dabei humanistische Motive vorgibt und deshalb als Heuchler entlarvt werden könnte oder hier die Gemeinheit des Kapitalismus gegeißelt werden soll. Nur: von reibungsloser Funktion der Wirtschaft im Sinne von Produktivität und Effizienz kann unter den Bedingungen des freien Handels leider keine Rede sein. Zum einen sind die Reibungsverluste bei der Etablierung jedes neuen Distributionsnetzes abenteuerlich, zum anderen werden ausgelebte Fantasien offensichtlich des öfteren so unattraktiv, dass ganze Infrastruktur-Bereiche verfallen und die eigenen Nachfolger gefährden.

Don’t believe the Hype
Vor über hundert Jahren wurde der Prototyp des Bullenmarktes, der auch die New Economy vorzeichnete, vom Eisenbahnboom getragen. Allein in den USA dauerte der Eisenbahnhype allerdings noch fast siebzig Jahre, und vom symbolischen Höhepunkt der Ära bis zum Zusammenbruch dauerte es fast noch fast zwanzig Jahre: Am 10. Mai 1869 trafen sich in einem Kaff in Utah die Gleise von der Ost- und der Westküste der USA, und erst 12 Jahre später war der Boom an den Börsen vorbei. Die Parallelen zum Internet-Hype sind dabei erdrückend: Zunächst gab es eine Vielzahl von prosperierenden Bahnbetreibern, aber vor allem Ausrüster machten blendende Geschäfte, was selbstredend ihren Aktien Höheflüge bescherte. Die Streckenbetreiber mussten allerdings genau wie heute ihre Infrastruktur weitgehend auf Pump bauen, so dass nach einer bestimmten Sättigung viele auf der Strecke bleiben und in der Folge auch ihre Zulieferer in Konkurs gingen. Allerdings gab es auch schon in der Wachstumsphase der Eisenbahn-Branche Opfer: Die damalige “Old Economy”, beispielsweise Bergbauunternehmen, waren für Anleger uninteressant geworden und wurden teils zu einem Bruchteil ihres Wertes gehandelt.
Die nächsten revolutionären Distributionsnetze standen zum Ende des Eisenbahnbooms schon in den Startlöchern: Zunächst kamen Elektro- und Chemieindustrie, zu Beginn diesen Jahrhunderts wurde dann die Automobil-Industrie zum Lieblingsspielzeug der Börsen. Und wieder gab es unzählige Hersteller [allein in den USA rund 2 000], die mit Krediten ihre Marktanteile erweitern mussten und wieder den Rattenschwanz der Zulieferbetriebe und spezialisierten Ausrüster, die sich zunächst ihre Nasen vergoldeten, bis der Auto-Hype nach diesmal nur noch drei Jahrzehnten vorbei war und drei Konzerne das US-Geschäft beherrschten. Logisch, dass bis dahin Unmengen Kapital verbrannt worden waren. In den Fünfziger Jahren wiederholte sich das jetzt schon sattsam bekannte Spiel dann noch einmal mit der Luftfahrtindustrie. Allerdings dauerte es dabei vom Abheben der Märkte bis zum Crash und einem bereinigten Markt nur noch zwei Jahrzehnte.

Stromkrise
Die Abwesenheit der Anleger-Fantasien kann allerdings auch das ehemalige Lieblingsspielzeug gründlich zerstören. So ist die Krise der Eisenbahnen sowohl in Großbritannien, als auch in – wenn auch in abgemilderter Form – Deutschland schlicht der Abwesenheit der mächtigen Anlegerfantasie zu verdanken. Das eindruckvollste Beispiel für einen vernachlässigten Sektor bietet derzeit allerdings die Stromkrise in Kalifornien. Sie ist auf eine genauso bedingungslose wie bescheuerte Liberalisierung des Marktes zurückzuführen. Zu Anfang des Jahres führe das schließlich zu einer Situation, in der es schlicht unattraktiv war, im Strom-Biz mitzuspielen. Folglich blieb der Strom-Saft einfach aus und Silicon Valley musste die Notstromaggregate anwerfen – eine abgelegte Fantasie übte Rache für Missachtung am neuen Fetisch der Zocker. Die Ex-Strom-Monopolisten hatten durch explodierende Preise an der 1998 eröffneten Strombörse und die bis 2002 geltende Übergangsregelung, die ihnen nicht erlaubt, ihre Einkaufspreise an die Verbraucher weiterzugeben, enorme Verluste eingefahren und standen kurz vor dem Konkurs. Da das nicht gut gekommen wäre, steuert Kalifornien inzwischen auf eine knallharte stattliche Planwirtschaft auf dem Energiesektor zu. Per Gesetz sollen die Ankaufs- und Verkaufspreise für den Strom schlicht festgesetzt werden. Den großen Versorgern ist bis zu einer Besserung der Lage der Vollzug der Pleite einfach verboten. Lang lebe die Planwirtschaft.

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Elektronische Lebensaspekte.