Marc Leclair hat das altehrwürdige Radio zur Hauptklangquelle seiner hyperaktiven Cut-Up Housetracks erkoren. Niemand webt ein so dynamisch-feinmaschiges Netz aus wilden Samplemikroben wie der Mann, der sich Akufen nennt. Groove-geordnetes Chaos via "Microsampling" für die avangardistischste Arbeit zwischen Techno und Surrealismus.
Text: aljoscha weskott, alexis waltz aus De:Bug 59

In Kanada gibt es reitende Ranger in roten Joppen. Und “Final Scratch”-Präsentatoren. Damit hören die Attraktionen des Landes auch schon auf. Bis vor kurzem eine Bewegung elektronischer Musik aus den Redwoods, genauer Montreal, hallte, die blitzschnell zum Bezugspunkt für alles und jeden wurde. Mitten drin und ganz vorne Marc Leclair als Akufen. Niemand kann wie er den Sampler ans Radio halten und die Schnipsel zu buntfarbigem, höllisch dynamischem “Microsampling”, so sagt er, ineinanderfalzen. Sampler, Radiostimmen, Surrealismus, Groove-geordnetes Chaos unter dem Mikroskop, Filme von Jacques Tati, Cut Up und Readymade und Familienfrühstück, aus diesen Koordinaten speist sich Akufens Musikproduktion. Akufen ist die geölte Zerschneidemaschine der Housemusik, keine blutleere Konzeptfratze, die kalkulierte Sprachzersetzung betreibt. Es ist diese von ihm erzwungene, historische Tiefenwirkung surrealistischer Modi in Musik, die sich in die Gegenwart einschreibt, aus ihrer Historisierung gerissen wird, um sich auf den Weg zu machen, “neue Kleider” zu entwerfen. Wie man diese neuen Kleider am Sampler schneidert, sie der Welt und den Hörern umhängt, dabei genauso viel über sich erfährt wie die Hörer mit ungeahntem Tragekomfort zu überraschen, debattiert Marc Leclair mit Waltz & Weskott über den Äther. Sample-Material für den nächsten Akufen-Hit?

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Politik, Sound, Kunst, Nowhere
Wir treffen Akufen auf Radiowellen, weil die Welt ein elektromagnetischer Impuls ist. Freundlich winkt er uns zu, als wir die Ausfahrt Montreal nehmen, an seiner Haus-Einfahrt abfahren und atemlos nach Worten für “My Way” ringen. Schließlich öffnet er uns die Tür. Liegen nun die kommunizierenden Röhren Andre Bretons elegant neben “The Face” und anderen Zeitschriften, gar auf einem Küchentisch? In Tausende Schnipsel zerschnitten? Oder ist es wie in manch Londoner Apartment? Bahnt sich eine Zwillingsgeschichte zu Mr.Herbert an? Und gibt es eine kanadische Dani Siziliano?
Die minimalistische Ethik spricht von der Einfachheit des digitalen Netzwerks. Minimalismus operiert mit Protokollen, die an den verschiedensten Orten verstanden werden oder schnell zu installieren sind. Akufen baut kein Netzwerk auf, alles Artikulierenswerte findet immer schon statt, es geht darum, das begreifbar zu machen. Ist Akufen der David Lynch des Techno, der nicht das Psychologische als Zentrum des Kinos, sondern das Radio als Herzschlag der elektronischen Musik setzt? Das Radio zählt nicht als Distributionsmedium, Ectasy FM kommt nicht vor, die Radiotheorien bleiben auf den Servern liegen. Vielmehr ist es Material für eine avantgardistische Arbeit zwischen Surrealismus und Techno. Warum ist Akufens Projekt nur möglich, indem er sich auf diese konservativste aller Avantgarden bezieht? Die surrealistische These, dass das Universum eins ist und man als Person in dieses Eins-Sein übergehen muss, ist medienhistorisch wahr geworden: Die Radiowellen sind immer schon da.
Die dem unfassbaren Strom des Radios entnommenen Popsplitter entfalten ihren Effekt des Immer-schon-gekannt-Seins gerade durch ihre hypertechnologische Bearbeitung. Akufen hat ein neues Zeitbewusstsein in die Tracks gebracht. Einmal taucht Dani Sicilianos Stimme auf, und sofort ist sie wieder verschwunden, nur ein ganz kurzes “Ahh”. War sie es überhaupt? Oder war es doch die Stimme, die in den folgenden Takten auftritt? Eine Zehntelsekunde einer Talkshow kann spannender sein als die ganze Sendung. Aber von der Intimität der Stimme berührt zu sein, wäre bloß eine surrealistische Übung. Über den Takt der Bassdrum kann ALLES doch noch zusammen funktionieren. Bricht Breton im Grab in Freudentränen aus?
Eine Reihe großer Künstler werden auf die Bühne gebeten: Steve Reich, Henry Mancini, Burt Bacherach, Matthew Herbert unter anderem. Alles große Arbeiter im Formalen der Musik, deren fast wahnsinnig wirkendes Bestehen auf gewisse formale Konstellationen es ihnen ermöglichte, Masterdiskurse zu erfinden im Bezug auf Zeit, Liebe und Humor, auf soziale Normalität. Dieses Moment von Unversöhnlichkeit findet man auch in Akufens Musik.
Die reine surrealistische Aktion hat an Wert verloren, wie Breton schon 1932 schreibt. Denn es gab ja noch etwas anderes: POLITIK. Fast so wichtig wie Sounddesign. Da kommt Marc Leclair eher ins Stottern, beginnt zu murmeln: BULLSHIT! In der Geschwindigkeit, in der sich Amerika neu erfindet, ist das Leben an der Raketenrampe zeitlich ungebunden. Stillstand allerorts? Nicht in Quebec, nicht in Montreal. Ein Ort, für den es sich für Akufen zu kämpfen lohnt. Trotz Sprach-Separatismus und alledem. Wie Barcelona 1936?, möchte man anfügen und sich gleich auf den Weg machen. Nur anders. Noch ist kein Abgrund in Sicht. Denn dort wäre auch keine Zeit zu verlieren. Auch welcher Stil Zeit hervorbringt, ist nicht zu antizipieren. Marc Leclair zappt durch das Symbolische der Gegenwart, annektiert auf dieser Reise die Bedeutungen medialer Codes. Temporär natürlich. Alles, um sich einer genialischen Unruhe zu stellen: Being Marc Leclair.

Debug: Wie würdest du einen ganz “normalen” Tag im Leben des Mr. Akufen beschreiben?

Akufen: Nun, ja, zuallererst wache ich auf, was in sich schon eine Tour de Force ist. Und dann versichere ich mich, dass ich wirklich aufgewacht bin, was noch komplexer und kaum zu erreichen ist. Aber immerhin kann ich von mir behaupten, den besten Wecker zu haben, von dem man nur träumen kann: Meine kleine dreijährige Tochter springt um das Bett und gibt mir den Glauben, dass die Batterien immer voll sind. Alles hängt auch davon ab, wer die Energie hat, Frühstück zu machen. Irgendwann ist dann unsere Tochter Petronille im Kindergarten und ich erledige die E-Mails. Das dauert ein oder zwei Stunden. Dann sieht man mich im Studio und Pascale in ihrem Office. Wir sind beide selbständig, was unsere familiäre Situation schwieriger macht.
Mein Arbeitsplan beginnt mit drei straighten Stunden Radiosampling. Eher beiläufig merke ich dann, dass ich fertig bin und dass Lunchtime ist. Das versuche ich mir ins Gedächtnis zu rufen, aber meistens überspringe ich die Mahlzeit einfach. Das erklärt auch, warum ich die ganze Zeit so müde bin. Nachmittags bin ich dann meistens in einer besseren Verfassung, um Musik zu de- bzw. zu konstruieren. Ich kann nicht wirklich herausfinden, wie ich es in all den Jahren geschafft habe, die Energie zu haben, jede Nacht so lange zu arbeiten.
Das Abendessen ist bei uns ein wirkliches Privileg. Es ist wirklich schön, wenn alle zusammensitzen, sich entspannen und sich gegenseitig die kleinen Alltagsgeschichten erzählen. Manchmal passt Pascale abends auch auf andere Kinder auf, so dass in unserem Haus immer sehr viel Leben ist. Nach dem Essen macht man die üblichen kleinen Sachen. Zähneputzen, Gute-Nacht-Geschichten. Wir sind nicht perfekt, aber wir versuchen schon einiges, um diese normalen Tage ein bisschen außergewöhnlicher zu machen. Und was wir wirklich genießen, ist nachts Filme zu sehen. Ich könnte ständig Filmen auch nur zuhören, wenn ich nicht immer einschlafen würde. Verdammt, ich werde alt.

Debug: Gibt es eine Notwendigkeit für Stille? In welchem Setting gefällt es dir am besten? Urban, Suburban oder Middle Of Nowhere (Natur)?

Akufen: Ja, in der Tat, es gibt wirklich eine Notwendigkeit für Stille. Mehr noch als für Sound. Sound ist etwas, an das du denkst, nur eine Zeichensetzung, ja eine Interpunktion der Stille. Ich würde es definitiv bevorzugen, im “Nowhere” der Natur zu leben. Wenn ich aber die Wahl hätte, würde ich fast annehmen, dass jedes Setting ideal sein kann, auch wenn für mich die Stadt Realität verzerrt. Dadurch, dass man durch Konsum und Wettbewerb zu sehr entmutigt wird. “My Way” entstand hauptsächlich in den Wäldern, hoch im Norden Quebecs. Dort habe ich ein kleines Haus gemietet, ohne Telefon oder irgendwelche Nachbarn. Es war für eine Zeit notwendig, mich vom Rest der Welt zu isolieren. Wie ihr vielleicht gemerkt habt, geht es in My Way gelassener zu als in meinen vorherigen Arbeiten.

Debug: In welchen cineastischen Gefilden bewegst du dich, sind das Godard-ähnliche Praktiken, also audiovisuelle Bilder, an denen du arbeitest? Komponierst du Soundpictures für den Dancefloor?

Akufen: Nein, ich bin der Art des Filmemachens von Jaques Tati viel näher. Vor allem seiner Annäherung an das Verhältnis von Sound und Image. Ich möchte diesen Spirit Tatis aufnehmen und diese Bildersymbolik kreieren mit ähnlichen Soundscapes oder Referenzen und sie aus einem Kontext in einen anderen verschieben, um den Hörer dahin mitzunehmen und zu überraschen. Alles Sensorische muss stimuliert werden. Das kommt meiner Arbeit am nächsten, weil es darum geht, kleine asignifikante Sounds des alltäglichen Lebens zu verstärken, ihnen viel Energie und Ausdruckstärke zu verleihen. Action ist viel wichtiger als Narration.

Debug: Warum sind gerade Stanley Kubrick und Fritz Lang besonders wichtig?

Akufen: Was mich an Kubrick und Lang fasziniert, ist ihr esoterischer Ansatz von Kino. Sie ähneln sehr Jules Verne. Sie haben der Zukunft direkt ins Auge gesehen und haben ein Bild von ihr gemalt, das zugleich naiv und glaubwürdig war. Wenn man “2001” sieht, wird man direkt in die Zukunft befördert. Spielfilme sind heute so pathetisch und realitätsfern. Kraftwerks Vision der Zukunft basiert auf der gleichen Ästhetik. Die Autos von 1920 sehen futuristischer aus als die von heute. Vor achtzig Jahren war man der Zukunft näher als heute. Nur in der Vergangenheit kann man die Zukunft finden, Jules Verne war Botschafter dieses Themas.

Debug: Warum beziehst du dich auf Escher, warum nicht auf die Pop-Art?

Akufen: Escher war ein größerer Einfluss. Die Idee, einen komplexen Organismus aus kleinen Teilen zu bauen, hat mich immer beschäftigt. Escher arbeitete mit dem Vergrößerungsglas und genauso mache ich es. Seine Bilder stehen unserer eigenen Anatomie nahe. Es lebt und atmet nicht nur an der Hülle, sondern aus den Teilen, aus den Organen heraus. Die einzige Verbindung, die ich zur Pop-Art herstellen kann, ist der spielerische und der unterhaltsame Aspekt.

Debug: Welchen Housestilen fühlst du dich verbunden?

Akufen: Micro-Sampling ist der Name, den ich der Musik gab, die sich in den letzten zwei Jahren entwickelte. Die Idee ist, winzige Samples aus allen möglichen Quellen zu benutzen und sie in Kollagen zu arrangieren, in der jedes Sample Teil des Grooves wird. Ich will die Ästhetik der surrealistischen Literatur und Malerei anwenden. Banale Elemente zu benutzen und ihnen an einem neuen Ort ein neues Leben zu geben, produziert eine unverständliche Bedeutung, die in den Augen des Künstlers Sinn macht. Aber versteht mich nicht falsch, ich glaube nicht, etwas zu erschaffen. Alles ist in der Luft und wartet darauf, gefunden zu werden.

Debug: Wie kam es zu dem Album?

Akufen: Zunächst muss ich sagen: ich bin ein Musik-Liebhaber. Ich höre und studiere alle denkbaren Genre, von Bach bis Tom Jones. Wenn man Musik liebt, muss man sie als Ganzes betrachten. Jedes Genre ist gut. Wenn es nicht gut für dich ist, dann ist es vielleicht für jemanden anders gut. Wenn es mir nicht gefällt, schaue ich es unter dem Mikroskop an und werde etwas Brauchbares für meine Arbeit finden, auch wenn es nur einige Millisekunden sind.
Außerdem hatte ich ein außergewöhnliches Leben umgeben von außergewöhnlichen Leuten. Das Album ist der erste Essay dieses Lebens. Meine Arbeit wird über die Zeit hinweg niemals gleich bleiben. Es geht darum, sich in jeder Sekunde neu selbst zu erfinden, nicht nur um die anderen zu überraschen, sondern vor allem sich selbst.

Debug: Warum ist das Radio deine wichtigste Klangquelle?

Akufen: Weil es einen organischen Fluss hat, einen Puls. Weil Fehler wahrscheinlich sind, weil es Chaos ist. Als ich anfing, das Radio als Hauptklangquelle zu benutzen, lag mein Hauptinteresse bei der menschlichen Stimme. Erst später beschloss ich, auch gecuttete Musik zu verwenden, weil ich nicht die Samples gebrauchen wollte, die damals jeder benutzte. Talkshows mochte ich am liebsten. In jeder Stimme ist soviel Leben und Farbe enthalten. Jetzt arbeite ich an Musik, die ausschließlich aus Stimmen besteht. Ich will gesprochene Wörter auseinandernehmen und in völlig abstrakter Weise wieder zusammenzusetzen.
Ich will natürlich nicht bestätigen, was in dem Sample gesagt wurde. Ich will die Reaktion der Leute sehen, ein Reality Check. Es ist eine Frage: “Hallo, Leute, was meint ihr dazu?” Ich will die Hörer fragen, um mich selbst etwas zu fragen. Dazu gehört auch ein Minimum an Humor. Humor ist sicher der beste Weg, einer dramatischen Situation zuvorzukommen.

Debug: Welches sind die wichtigsten Teile des Körpers neben den Ohren und den Fingerspitzen?

Akufen: Was mich angeht die Zunge und die Füße. Die Zunge hilft, um mit anderen zu kommunizieren, während die Füße die komplexesten und genausten geographischen Karten des Körpers sind. Beide erzählen eine Geschichte von einem selbst.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Der Kanadier Marc Leclair aka Akufen gibt sich die Ehre auf französisch. Der begnadete Erdling fand die Instrumente wieder, die seine Eltern versteckten, und verständigt sich im atmungsaktiven musikalischen Raum inklusive surrealistischer Methode und poetischem Hörsturz.
Text: sascha kösch | bleed@de-bug.de aus De:Bug 49

Alpha, Gamma, Radio, Kanada
Akufen: griechische Frankophilie in der FTAA

Antiques. Kanada ist nicht nur der Ort, an dem sich gelegentlich neue Qualitäten der Globalisierungskämpfe in hübschen Bildern von auf Genitalien gerichteten Lasergummigeschossgewehren der Polizei ausdrücken. Gerade Toronto, Montreal usw. entwickeln sich als Platz für das repräsentationslose Auftauchen neuer Medien als loses Identifikationsmoment oder, besser gesagt, als Raum, in dem es zu überleben gilt.
Ein Pool von ständig besser werdenden Labeln hat sich in diesem Land entwickelt. Viele sprechen auf einmal von einer Identität kanadischer Musik. Nur die Musik selbst nicht. Lange Zeit mussten Acts aus Kanada (Richie Hawtin z.B.) den Weg über z.B. Detroit gehen, um über die Jahre hinweg als gute Amerikaner und damit Erben einer langen Tradition von Housemusik usw. wahrgenommen zu werden, weil man leere Teile der Landkarte nicht gerne strukturiert. Aber spätestens seit diesem Jahr sind kanadische Label wie Dumb Unit, Revolver, Killer, Hautec, Oral, Blue Recordings usw. überall. Adam Marshall, Jacob Fairley, Shaka, natürlich Jeff Milligan und auch Akufen überschwemmen die Label Deutschlands, die am weitesten gehen im Aufbrechen eines komplexen Minimalismus hin zu neuen Sounds. Traum, Background, Perlon, Trapez, viele werden noch folgen.

De:Bug: Guten Tag, Herr Akufen.

Akufen: Guten Tag, Herr Bleed.

De:Bug: Ihr wirklicher Name ist Marc Leclair, nicht wahr?

Akufen: Ja, dem ist so.

De:Bug: Ich vermute Sie sprechen sowohl französisch als auch englisch, da sie aus Kanada kommen.

Akufen: Das ist korrekt. Mein Englisch ist jedoch ein wenig eingerostet, da ich hauptsächlich Frankophon bin. Sie vergeben mir hoffentlich zahlreiche Fehler.

De:Bug: Ich vermute es ist nich so wichtig, aber vielleicht ja doch, denn ich scheine zu glauben, Ihr Name hat einen gewissen Einfluss auf die Musik, die Sie produzieren, ja, vielleicht sogar Ihr Leben.

Akufen: Interessant. Haben Namen einen direkten Einfluss auf Inspiration? Ich denke vielleicht ja. Oder sollte ich lieber sagen ja, es dürfte so sein für die, die an einen Symbolismus glauben, was mein Fall nicht ist. Ich bin sehr terrestrisch. Sehr erdig.

De:Bug: Es steht Ihnen frei zu sagen, Blödsinn, Schwachkopf, dennoch, in den Sound ihrer Tracks ist soviel Klarheit, soviel Licht, oder Raum wenn sie das bevorzugen, dass mir eben diese Idee unausweichlich schien. Nun. Ich gebe zu es gibt andere Menschen mit weniger prophetischen Namen und ähnlich klaren Sounds.

Akufen: Vielleicht ist dies mehr eine Art Geisteszustand. Wenn ich arbeite, versuche ich normalerweise von allem um mich herum zu abstrahieren. Sollte ich auf der falschen Seite des Bettes aufwachen, so bin ich gar nicht fähig, richtig zu arbeiten. Auch bin ich ein wenig klaustrophobisch, so dass ich gezwungen bin, meinen musikalischen Raum so zu arrangieren, dass alles, mich eingeschlossen, Raum hat zu atmen.

De:Bug: Sind irgendwelche der anderen Pseudonyme, die Sie gelegentlich benutzt haben noch in Gebrauch? Und, was macht dieses Spezifische von Akufen aus?

Akufen: Nein, zur Zeit nicht. Ich war immer vielgestaltig. Schwankte von Elektro zu Ambient, von House zu Drum and Bass. Was kann man da machen. Ich bin ein belesener Musiker. Das macht die Sachen die ich tue vielleicht so speziell, abgesehen von der Tatsache, dass ich nie geglaubt habe, es erreichen zu können. Ich hatte nie Erwartungen. Das bringt es näher zum Herzen und zur Seele.

De:Bug: Woher kam denn dieser merkwürdige Name, und steht es immer noch für eben diese Entscheidung?

Akufen: Ich nahm den Namen von der phonetischen Schreibweise des französischen Wortes für Tinnitus. Acouphene. Ein schlimmes Gebrechen der Ohren. Diese abnormale auditive Empfindung ist keinesfalls von einem externen Klang hervorgerufen und kann Depressionen, ja sogar, in schlimmen Fällen, Selbstmord hervorrufen. Die Wurzeln dieses Wortes kommen aus dem Griechischen. Von dem Wort “Akouein”, was “Hören” bedeutet, sowie dem Wort “Phainesthai” welches “Scheinen” meint.
Dennoch würde ich nicht von einem Vergleich sprechen, sondern lieber über Poesie. Ich finde sowohl das Wort wie auch die Krankheit sehr poetisch. Ich hatte immer den Hang, gehandikapte Menschen zu mögen. Sie leben in einer Parallelwelt. Sie sind sehr empfindsam und smart, weil sie doppelt so hart dafür arbeiten müssen, gehört zu werden.

De:Bug: Jeff Milligan von Revolver hat mir von Ihrer “diskreten” Arbeit und Produktionsweise berichtet. Ihrer Haltung des “Found Sound”.

Akufen: Meine Quellen waren niemals geheim, so dass ich dies nicht wirklich eine Haltung nennen würde.

De:Bug: Welcher Gestalt sind ihre Methoden?

Akufen: Ich werde ganz einfach antworten: “Radio”. Radio ist meine Hauptklangquelle. Warum? Es ist organisch, es wankt ständig wie der Ozean. Es ist eben so unerschöpflich. Ich denke, Matthew Herbert hat das vor langer Zeit verstanden. Warum sollte man Presets benutzen, wenn man doch die Welt an den Fingerspitzen hat. Ich benutze Sampler, seit dem sie für Normalsterbliche erschwinglich sind, und davor benutzte ich eben Bandmaschinen.
Meine Methoden sind denen der Surrealisten nicht unähnlich. Als ich noch sehr jung war, da war ich begeistert von Automatismus und Spontaneität. Deshalb vermutlich komponiere ich meine Stücke a la manière d’un “cadavre-exquis”, ein surrealistisches Spiel, welches darin besteht, gemeinschaftlich einen Satz zu komponieren, in dem man ein Wort schreibt, das Blatt faltet, es weitergibt, so dass der nächste Spieler weiterschreibt, bis ein Satz entsteht. Die Ergebnisse sind bezaubernd und sehr enthüllend. Ich sample Stundenweise Radio auf meinem Rechner, schneide heraus, was ich brauche, und stelle zu guter letzt all das zusammen nach Zufallsprinzipien. Intuition hat in diesem Prozess viel zu tun. Man muss die Elemente fühlen. Es ist ein wenig wie ein Zusammentreffen von Kunst und Chemie.

De:Bug: Woher würden Sie sagen, kommen Sie? Oder genauer gesagt: Welcher Szenerie entstammen Sie?

Akufen: Ich bin in Montral geboren, am 13 August 1966 und wusste immer, dass ich Musiker sein würde. Seit dem zarten Alter von 4 Jahren. Diese Erbe jedoch kommt nicht von meiner Famile. Ich wurde niemals in dieser Richtung ermuntert oder gar gefördert. Vielleicht könnte man sogar sagen, ich wurde unterdrückt. Meine Eltern hatten die Angewohnheit, meine Instrumente vor mir zu verstecken. Sie pflegten den Gedanken, Musik sei etwas für Hippies, und dass jeder dies tun könne.
Ich bin, was man einen Musikliebhaber nennen würde. Meine Schallplattensammlung ist riesig und ich liebe es, als Gelegenheits-DJ den Menschen alle Arten musikalischer Landschaften näher zu bringen. Von Johnny Cash bis Henri Mancini, von Limbo bis zu elektronischer Musik. Ich hasse es mit Menschen zu sprechen die nichts über Musik wissen und nichts als nur elektronische Musik zu kennen scheinen. Ich fühle dass diesen Menschen ein Bindeglied fehlt. Es ist vielleicht vergleichbar mit einem genealogischen Baum. Meine musikalischen Einflüsse: Steve Reich, Philip Glass, Henri Mancini, Burt Baccharach, Matthew Herbert und Jean-Jacques Perrey. Bei den Malern sind es Dali, Jean-Paul Tiopelle, Magritte und, für mich wegen seines mathematischen Ansatzes am wichtigsten Escher. Zu den mich inspirierenden Autoren gehören Vian, Breton, Kafka, Bukowski, Burroughs und Poe. Bedeutende und für meine Arbeit einflußreiche Regisseure sind Kubrick, Tim Burton, Jacques Tati, Felline und Fritz Lang.

De:Bug: Hört man sich Ihre Musik genauer an, so scheinen Sie eine recht technische Person zu sein. Jemand der Effekte und kleine versteckte Tricks in der Musik mag, dennoch sind ihre Tracks sehr tanzbar, kickend. Folgt diese Art irgendwelchen Zielen?

Akufen: Es ist verschieden. Nicht all meine Musik ist sehr tanzbar. Was mich betrifft würde ich nicht von Tricks sprechen. Es ist wie gesagt sehr intuitiv. Kochen wäre für mich die beste Parallele die man zum Musikmachen ziehen könnte. Ein wenig hiervon und viel davon. Alles eine Frage von einem Dutzend passender Ingredienzen. Das Ziel jedoch könnte sein, den Hörer aus seiner alltäglichen langweiligen Routine herauszureissen. Es ist keine Bedeutung, eher ein “baue dir dein eigenes Szenario” dahinter. Die technische Seite in mir hat wohl einiges mit meiner Verehrung für Escher zu tun. Dem Clash von Mathematik, Schönheit und Einfachheit.

De:Bug: Was würden Sie entgegnen wenn jemand Sie fragen würde: Wohin führt der Minimalismus.

Akufen: “Minimalismus” wird mehr und mehr eine Art von “alternative” Option. Ich denke Minimalismus existiert nicht mehr. Musik wird von Tag zu Tag komplexer. Es gab immer einen Fortschritt in unserer sogenannten minimalen Musik. Manche werden dies überwinden und manche werden vielleicht in zwanzig Jahren noch mit einem Hauch Nostalgie davon sprechen. Nostalgie jedoch bremst die Evolution. Ich denke das ist keine grosse Neuigkeit.
Ich rede lieber über die allgemeine Zukunft der Musik, das ist erfrischender und interessanter. Genres kreieren Ghettos und Eliten, und das irritiert mich ein wenig. Ich glaube kaum, dass ich smarter bin weil ich elektronische Musik produziere. Eher schon stärker, weil ich sovieles kenne. Jede Musik gehört ihrer Ära. All diese Rückwendungen auf die 20er, 30er, 40er, 50er… sind so langweilig. Sie können unsere Zeit nicht repräsentieren. Das müssen die Leute verstehen. Wenn z.B. eine Musik sich entwickelt hat zu Zeiten der Kriege, dann war es zum großen Teil wegen der Kriege. Das ist kein Geheimnis.

De:Bug: Welche Projekte haben Sie für diese Zukunft geplant?

Akufen: Das wird wohl nur die Zukunft sagen können. Ich könnte morgen aufwachen und ein Bäcker oder Zimmermann werden wollen. Solcher Art ist die Magie des Lebens. Man langweilt sich nie. Gott ich wünschte, ich wüsste wohin die Musik geht. Was mich am meisten an dem Gedanken traurig macht eines Tages zu sterben, ist nicht zu wissen, wohin die Musik gehen wird. Ich ahne wie faszinierend es in 50 oder 100 Jahren sein wird, aber was ist in 1000…

De:Bug: Was erwarten Sie von den technologischen Innovationen in Bezug auf Musik?

Akufen: Hoffentlich wird es eine Erfindung geben um die Musik die man im Kopf hört reproduzieren zu können. Das wäre die ultimative Erfindung was mich betrifft.

De:Bug: Welche Konzepte wünschen Sie mit ihrer Musik am meisten verbunden?

Akufen: Surrealismus. Definitv. Ich sollte Absurdität noch erwähnen. Totalen mathematischen Unsinn. Das wäre es. 1+1=3.

De:Bug: Was hat Sie in den letzten Jahren am meisten überrascht?

Akufen: Der Businessman in mir. Und dass mir klar wurde, dass ich irgendwann sterben werde. Wir hatten einen Stromausfall zuhause und meine Frau und ich waren alleine und sprachen darüber wie still das Haus sei. Und es erwischte mich wie ein Blitz. Ich wusste, ich war nicht unsterblich. Es brauchte 6 Monate bis ich es überwunden hatte. Dennoch denke ich seitdem immer daran. Ich glaube die Tatsache, dass ich Vater geworden bin hat für mich eine Tür zur Realität geöffnet. Du gebierst, du stirbst. So dumm wie das. Es war eine wirkliche Erleuchtung. Das nenne ich Minimalismus. Ich war auch recht überrascht, ein verantwortungsvoller Vater sein zu können, obwohl ich ein höchst unorganisiertes Wesen bin.

De:Bug: Wofür würden Sie kämpfen?

Akufen: Für alles, was es wert wäre. Besonders natürlich meine Familie, meine Freunde, meine Überzeugungen und meine Gesundheit.

De:Bug: Womit beschäftigen Sie sich neben der Musik?

Akufen: Ich erziehe mich jeden Tag dazu, smart zu bleiben und niemals alt zu werden. Ich bin ein Vater, ein Ehemann, ich koche recht gut, liebe es gut zu essen, guten Wein zu trinken, und mag das Kino.

De:Bug: Weshalb würden Sie sagen, dass es höchste Zeit ist, dass Musik aus Kanada mehr Aufmerksamkeit bekommt?

Akufen: Einfach weil es Zeit ist. Es gibt dafür keine Erklärung. Kanada hatte schon immer sehr gute Producer. Aber die Musiker waren nie bereit sich dem Markt zu stellen. Die Tatsache dass Kanada irgendwo zwischen Europa und den USA sitzt hat alles immer ein wenig verwirrend gemacht. Eine Art von Identitätsproblem. Aber jetzt scheint es zu gehen, und die Schwäche ist zu einer Stärke geworden.
Ich wünschte nur, dass Kanada nicht zu einer Mode der neuen Saison wird. Sondern sich als mächtiges musikalisches Territorium etabliert. Ich jedenfalls bin sehr zuversichtlich…

De:Bug: Welches Feld würden Sie der Musik am ehesten zugehörig zählen? Architektur, Informatik, Wissenschaft, Urbanismus…?

Akufen: Uhrmacherei! Ich habe einen Onkel, der ist Uhrmacher, und damit konnte ich mich selbst immer verbinden. Mikroskopische Klänge zusammenzufügen um eine mechanische Bewegung zu erzeugen. Und dabei ist die Zeit selber so abstrakt. Niemand kann sie definieren. Die Elemente in ihr definieren sie.

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Elektronische Lebensaspekte.