Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 14

Die Bassdrum zahlt meine Rechnungen Alan Oldham, Technohandwerker aus Detroit. Thaddeus Herrmann thaddi@de-bug.de Es ist noch nicht mal ein Jahr her, da lehnte Alan Oldham neben mir an der Bar eines Detroiter Warehouses und langweilte sich. Die Musik war mau und die Getränkeauswahl schlecht. Auch in der Mutterstadt waren diverse Dinge nicht so, wie sie eigentlich sein sollten, irgendwie beruhigend. Klar, daß sich Alan Oldham darüber grämt. DJ T-1000, so sein Künstlername, kann mit 35 Jahren auf ein knappes Jahrzehnt Produzentendasein zurückblicken, hat mit Generator ein einflußreiches Label für harten Techno betrieben, war sechs Jahre lang Radio-DJ in Detroit, hat auf Djax Up veröffentlicht und Cover für das holländische Label designed und ist ein großartiger Comiczeichner. Er gehört also zum technoiden Establishment der Seventh City, und in seinen E-Mails sieht man den Mantel der Geschichte geradezu an einem vorbeirauschen. Alan Oldham ist ein Vertreter der alten Schule. Den Erfolg hat er sich hart erkämpft, und seine Tracks klingen nach solider Handwerkskunst. Keine Experimente, aus Erfahrung gut. Warum einen fünfeckigen Schrank bauen, wenn sich das viereckige Modell über Jahre hinweg gut bewährt hat? Die gute alte 4/4 Bassdrum ist omnipräsent in Alans Musik. Pumpend, treibend, reduziert bis auf ein Minimum, Minimal Music eben. Ist das noch zeitgemäß? ”Solide Technoproduktionen werden immer zeitgemäß sein”, erzählt Alan. “Am Anfang war der Beat, die 4/4 Bassdrum. Das ist Techno. Deshalb sind wir alle hier. Die Leute wollen das immer noch hören, sie bezahlen ja schließlich Eintritt, um mich zu hören und kaufen meine Platten. Die gerade Bassdrum bezahlt mir meine Rechnungen. Den Leuten, die diesen Sound mögen, wäre es unfair gegenüber, jetzt in eine völlig neue Richtung zu arbeiten. Es kann nicht hunderte von DJs und Labels geben, die nur Dinge wie Warp oder Interdimensional Transmissions spielen und veröffentlichen. Die Kritiker vergessen das gerne. Ich achte darauf, daß meine Tracks ein Gleichgewicht behalten. Es soll schon alles sehr minimal sein. Dennoch darf es die Leute im Club nicht verrückt machen. Nicht zu viele HiHats, nicht zu viele irritierende Sounds und ein warmer Bass für die Mädchen auf der Tanzfläche. Sie spüren den viel besser als die Männer. Bei meinen eigenen Produktionen versuche ich, mich wirklich auf den Dancefloor zu konzentrieren, Tools zu schaffen für mich und meine DJ-Kollegen. Detroiter Tracks waren immer minimal. Es kommt nicht darauf an, wie Tracks instrumentiert, sondern wie sie arrangiert sind. Derrick May, der mit seinen Tracks für eine lange Zeit meine Meßlatte für Qualität war, hat auch sehr karg arrangiert. Und seine Musik würde man heute nicht unbedingt als minimal bezeichnen. Techno kann ohne minimalen Approach nicht existieren. Wenn man zuviel in einen Track packt, die Produktion immer wieder überarbeitet, kommt am Ende U96 oder La Bouche raus, kein Techno mehr.” Nicht nur musikalisch, auch wenn es darum geht, passende Titel für die Tracks zu finden, bedient sich Alan eines altbekannten Wortschatzes. “Minimal Science”, “Thesis”, “Trackmachine” … ein wenig überstrapaziertes Vokabular, willkommen im Technomuseum. “Diese Begrifflichkeit ist mir wichtig. Das sind Dinge, an denen ich nach wie vor arbeite. Progression zum Beispiel, ein Track der ersten 12” auf Pure Sonik. Wenn man einen Track produziert, macht man einen Fortschritt. Man wächst innerlich, verläßt “A” und kommt hoffentlich in “B” an. Nur wenn man sich persönlich weiterentwickelt, kann man das an die Musik weitergeben.” Generator, Alans erstes Label, hat die Arbeit eingestellt. Pure Sonik Records heißt seine neue Homebase. Ein Label, auf dem er ausschließlich eigene Musik veröffentlicht. “Ich bin der einzige, der die Musik macht, die ich auch wirklich veröffentlichen möchte. Die Musik ist von mir, Remixe nur von sehr guten Freunden.” Neun EPs sind bislang erschienen. Nummer Zehn, die Compilation “A Pure Sonik Evening”, wird dieser Tage in Europa erwartet. Außerdem arbeitet er an einem Album für Tresor. Arbeitstitel: Progress. ”Meine erste E.P. überhaupt erschien damals in Holland bei Djax Up. Jahrelang hatte ich die Detroiter mit meiner Radioshow unterstützt, meine Tracks wollten sie dann aber nicht. Jetzt bin froh, mit Tresor ein neues, zweites Standbein gefunden zu haben. Die Technokultur geht in Detroit den Bach runter. Seit mehr als zehn Jahren produzieren intelligente schwarze Menschen frische, innovative elektronische Musik, und was ist jetzt der große Partysound in Detroit? Bass, the booty shit. Ich habe nichts gegen die DJs, die Bass auflegen. Eine ganze Party nur mit dieser Musik ist aber einfach nicht meine Sache. Es ist für mich ein Indiz, daß die afro-amerikanische Kultur hier immer weiter verfällt.” Die Minimal Science E.P. ist jetzt als europäische Pressung bei Axodya (Neuton) erschienen. Die Compilation A Pure Sonik Evening (2×12″/CD) erscheint demnächst auf Pure Sonik. ZITAT: 1. WAHL: Seit mehr als zehn Jahren produzieren intelligente schwarze Menschen frische, innovative elektronische Musik, und was ist jetzt der große Partysound in Detroit? Bass, the booty shit. FALLS ZU LANGE 2. WAHL Warum einen fünfeckigen Schrank bauen, wenn sich das viereckige Modell über Jahre hinweg gut bewährt hat?

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Elektronische Lebensaspekte.