Check my love, East-Berlin Motherfucker
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 119

Blond gefärbt und in Lederhosen, mit Breakbeats gegen Deutschland und Nazis. So ist Alec Empire mit seiner Atari Teenage Riot zum weltweiten Aushängeschild deutschen Polit-Dance-Krawalls geworden. Im Interview erklärt er den Zusammenhang von Musik und Haarfarbe und warum es auf seinem neuen Album hauptsächlich um Liebe geht – schließlich zeigen sich sogar Ähnlichkeiten mit Tocotronic. Der Rebell ist erwachsen geworden.

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Fotos: David Biene

Eine schwere Stahltür geht auf, im vierten Stock eines der ersten Stahlbetonbauten überhaupt in Kreuzberg. Hier befindet sich der Hauptsitz von Hellish Vortex und Eat Your Heart Out, dem neuen Label von Alec Empire. Der Junge aus Frohnau ist wieder nach Berlin gezogen, nach neun Jahren in London. Was außer einem weitläufigen Loft in Nähe des krawallmythosbeladenen Oranienplatzes käme für einen Sitz in Frage? Hier bemüht man sich um Perfektion.

Die modernistische Lounge ist eingefasst von zwei Studioräumen, vollgestopft mit Vintage Synthesizern und modernstem Equipment zur Klangerzeugung. Man nimmt auf der schweren, schwarzen Ledergarnitur Platz, mit Blick auf einen riesigen, gusseisern aussehenden Kühlschrank. Auf dem Tisch eine DVD-Box der Serie 24, auf der Couch, wie inszeniert, ein einsamer, schwarzer Lederhandschuh. Außerdem stehen verloren zwei Laufbänder im Raum, allerdings eingeklappt.

Geschichte

Empire, bürgerlich Alexander Wilke-Steinhof, nimmt sich ein Red Bull aus dem Kühlschrank, ohne Zucker. Der Mann ist eine Legende. Als Frontmann der Breakcore-Punk-Band “Atari Teenage Riot“ brüllte er ab 1992 Titel wie “Deutschland Has Got To Die“ von der Bühne herab, mischte Elektro mit Punk, als DJ Hell noch Vanilleeis an der Isar schleckte. John Peel lud die Band daraufhin zu einer Session ein. 1996 unterschrieben sie einen Vertrag bei Grand Royal, dem Label der Beastie Boys, und erreichten mit dem Album “Burn Berlin Burn” in den USA Gold-Status. Vor dem Verfassen von Soundtracks einer linksradikalen Großstadt-Guerilla war Empire als Elfjähriger Breakdance-Meister in Berlin.

Später wurde er zum Festival-Metaller (2002 ausgezeichnet mit dem Award des Musikmagazins Kerrang!) im Stile der Nine Inch Nails. In den 90ern veröffentlichte Empire Ambient-Alben wie “Low on Ice“ und grandiose jazzige Soundexperimente wie “Les Étoiles Des Filles Mortes“ auf dem Mille Plateaux Label. 1994 gründete er das legendäre Label Digital Hardcore Rec., dessen zweites Release von einem DJ Bleed auf der B-Seite einen Track mit dem Namen “In Bed with Marusha“ trägt. Die drei im Labelkatalog ist von der futuristischen Formation Sonic Subjunkies besetzt, vor einem Plattenbau inszeniert schaut vom CD-Cover Thaddeus Herrmann herab.

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Bei YouTube gibt es ein Video zur 1.-Mai-Demonstration in Kreuzberg aus dem Jahr 1999. Einen Molotowcocktailwurf entfernt von dem Loft, wo wir heute sitzen, starteten ATR damals von ihrem Musikwagen die Aufstände und wurden später verhaftet. Ein Jahr später war das Kapitel ATR beendet.

Natürlich ist Empire im Interview nicht der Marilyn-Manson-Typ, natürlich ist er nicht der fluchende, zornige Performer, den er auf der Bühne gibt, sondern ein mal ernsthafter, mal lustiger Mann mit düster umschatteten Augen. Hier im Loft klingt seine Stimme wie eine, die jahrelang dunkler und tiefer gezwungen wurde, eigentlich aber klar und hell tönt. Man ist überrascht. Sie klingt genau wie die des anderen großen deutschen Slogan-Sängers der 90er Jahre, Dirk von Lowtzow von Tocotronic.

Heavy Metal ist perdu

Alec Empire ist ein Wir. Jedenfalls spricht er immer in der 3. Person von sich. Alec Empire ist zumindest mal viele. Mit seinem dritten Soloalbum nach ATR “The Golden Foretaste Of Heaven“ kommt jetzt wohl sein persönlichstes, wie man so sagt. Heavy Metal ist perdu, die analogen Tracks klingen nach New Wave oder sogar den ersten Tracks von Empire auf Force Inc. Das neue Album klingt erstaunlich entspannt, düster natürlich, aber sagen wir das mal ruhig: Es klingt erwachsen.

De:Bug: Zurück in Berlin, neue Platte, neues Leben?

Alec Empire: Seit November 2006 arbeiten wir mit unserer Produktionsfirma The Hellish Vortex von hier. Der Hauptsitz des DHR-Labels ist noch immer in London. Hellish Vortex ist mehr als meine Band. Zu Beginn haben wir das immer ein bisschen so gesehen wie die Factory, Andy-Warhol-mäßig, dadurch dass wir hier zusammen mit so vielen Leuten gearbeitet haben, ist ein kleines Kollektiv entstanden und daraus hat sich eine Band entwickelt, die zwar kein festes Line Up hat, aber wo unterschiedliche Dinge entstehen. Früher war es doch so, dass man eine Platte gemacht hat und dann hat man die Live performt. Heute finde ich aber, ist es eher umgekehrt. Man macht die Sachen und die Platte ist dann das Nebenprodukt.

De:Bug: Die nun erscheinende Platte ist aber doch dein Soloprojekt? Es klingt jedenfalls eher nach Alleine-im-Studio-Sitzen, es ist spät in der Nacht und du brütest über alten Vintage-Synthies über die alte Zeit und die Liebe nach.

Alec Empire: Ja, das stimmt schon, ich produziere das schon alles selbst. Live nimmt es allerdings eine andere Form an. Z.B. Nic Endo, die alle elektronischen Sachen unter Kontrolle hat. Vorher hatten wir echte Drummer und Gitarristen. Davon wollten wir total weg, das war eher ein Ausflug. ATR war immer sehr elektronisch und ich muss sagen, es war dann unheimlich erfrischend, danach etwas mit Rock-Leuten zu machen.

De:Bug: Diese rockistische Erfrischungskur dauerte aber doch ziemlich lange, oder?

Alec Empire: Na ja, so lange aber nicht. 2002 kam “Intelligence&Sacrifice“ heraus und dann das noch rockigere “Futurist“, fünf Jahre eben.

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De:Bug: Was du als erfrischend empfunden hast, war für viele deiner Fans sicher sehr verstörend, ATR war ja schon eher gegen die Gitarre angelegt, die später folgenden Soloalben dann aber recht Heavy-Metal-lastig.

Alec Empire: Ich habe das immer so gesehen: Gitarren können einen Sound machen, den andere Geräte nicht machen können. Aber da hört es bei mir auch schon auf. Ich gebe dem Instrument nicht die Schuld, wenn Leute etwas Schlechtes damit machen. Ich kann mich natürlich noch an die Techno-Zeit erinnern, wo man so einen radikalen Bruch brauchte, das finde ich natürlich auch gut, dass ich da dabei war. Damals hatte man sich das wirklich verboten, bestimmte Dinge zu benutzen. Und das ist bei der neuen Platte nun auch wieder der Fall. Wie z.B. die Stimme eingesetzt ist. Das ist eigentlich, was den meisten auffällt, es gibt kein Geschrei von mir. Noise wird anders eingesetzt. Das Merzbow-artige, den White-Noise, das haben wir jetzt zuletzt sehr viel gemacht, der muss nicht immer vorkommen.

De:Bug: Statt Stromgitarre und digitalem Hardcore scheint es eher, als würdest du deine Anfänge beim Label Force Inc. reflektieren, kann das sein?

Alec Empire: Ich hatte schon gedacht, das anzugehen wie in den 80ern. Dieselben Synthis benutzen, bestimmte Sachen haben wir sogar mit einer Bandmaschine aufgenommen. Es geht ja so weit, dass mich manche Leute fragen, wer denn die Gast-Vocals eingesungen hätte, die Leute denken gar nicht, dass ich das sein könne, weil sie nur meine verzerrte Stimme kennen.

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De:Bug: Mir ist auch aufgefallen, dass die Texte sehr persönlich sind. Fast immer scheint es um Liebe zu gehen.

Alec Empire: Stimmt, ja. (Lacht laut) Ja klar. Warum ist es eigentlich so geworden? Es gibt eigentlich mehrere Gründe dafür. Zum einen waren es Themen, die musste ich endlich mal aufnehmen. Zum anderen stellt es auch eine interessante Art der Provokation dar. Wenn der traditionelle Empire-Fan merkt, da ist eine siebenminütige Ballade drauf, dann ist das für ihn ein rotes Tuch. So was finde ich immer gut. Wenn man in ein Klischee gezwungen wird, ist meine Reaktion darauf, entweder völlig damit zu brechen oder es noch drastischer zu bestätigen.
Ich wollte das einfach auch mal für alle klarstellen, dass ich nicht nur Sänger bin, sondern Musiker. Ich finde Image-Sachen immer irgendwie gut.

De:Bug: Auf den letzten Fotos von dir waren deine Haare zum Beispiel wieder ganz blond, deine wirkliche Haarfarbe, zuvor hattest du sie längere Zeit schwarz gefärbt, jetzt, zur neuen Platte, sind sie so …

Alec Empire: … halb

De:Bug: Ja, halb halb.

Alec Empire: Das hat aber vor allem noch etwas mit der Sommersonne zu tun. Die ersten Jahre bei ATR immer blond, falls das eine Rolle spielt. Die ganze Force-Inc.-Zeit, die Mille-Plateaux-Zeit. Frühe Atari-Sachen auch noch krasser gefärbt, ganz hell.

De:Bug: Jetzt changiert es so ein bisschen.

Alec Empire: Worum geht es jetzt eigentlich? Ich mache mir im Grunde gar nicht so viele Marketinggedanken. Aber es gab auch Leute, die wollten bei DJ-Gigs ihr Geld zurück, weil sie dachten, dass wäre gar nicht ich, der da auflegt. Weil sie mich nicht erkannt haben. Es kam auch mal jemand auf die Bühne und fragte: “Ey, wann fängt denn jetzt endlich Alec an?”

De:Bug: ATR waren ja sehr sloganhaft, ich sage mal verspielt linksradikal, klarer politischer Ansatz. Wie würdest du das heute sehen, wie kann man in so komplizierten Zeiten denn die Sau noch rauslassen? Kann man überhaupt noch so eindeutig und laut dagegen sein?

Alec Empire: Dieser Demonstrationsansatz von ATR, das Auf-den-Tisch-Hauen, im Nachhinein ist das typisch für die 90er, man muss das heute wohl erklären, dass es damals nicht annährend so viele alternative Informationsquellen gab, die man heute durch das Internet abrufen kann. Den Ansatz von ATR würde ich deswegen heute nicht mehr notwendig finden. Die Rhetorik der Texte, die eine sehr aufgeheizte war, scheint mir gegenwärtig nicht unbedingt hilfreich. Wenn der amerikanische Präsident schon so schnell daherkommt und jeder, um Medienaufmerksamkeit zu bekommen, seine Inhalte stark vereinfacht und emotionalisiert, um Leute zu Entscheidungen zu bewegen – da wäre ich jetzt musikalisch eher vorsichtig, so Sachen wie “Start The Riot“ einfach so rauszuhauen.

De:Bug: Mit der neuen Platte gelesen, wäre die Reaktion dann der Rückzug auf’s Private, Dinge vielleicht sogar eher verlangsamen, komplexer machen.
Du gehst ja eh recht konzeptuell an Projekte ran.

Alec Empire: Ja, vielleicht ist das auch sehr deutsch?

De:Bug: Wie meinst du das?

Alec Empire: Es gibt doch schon so einen roten Faden, wenn man sich die deutsche Musikgeschichte anschaut, die auch im Ausland Relevanz hat. Krautrock, Kraftwerk, DAF, Neubauten, ATR, erst mal ein Gedankenansatz, dann folgt die Musik. In England hatte ich dagegen oft das Gefühl, es geschieht etwas aus dem Bauchgefühl und die anderen machen sich die Gedanken im Nachhinein.

De:Bug: Auf dem Lied Robot Love heißt es: “Check my love, East-Berlin Motherfucker.“ Ein E-Bass spielt eine Oldschool-Rap-Einlage, das irritiert ja ziemlich direkt.

Alec Empire: Wenn ich live spiele, machen wir dann auch Breakdance-Moves, das ist super. Als wir das erstmals gespielt haben, kam aus dem Mosh-Pit, sag ich mal, Erstaunen.

De:Bug: Du verkörperst als Künstler den Genre-Sprung wie kaum jemand, das hat doch auch etwas Schizoides, wenn man diese Extreme so authentisch verkörpert. Von den Frickeleien im Studio raus auf die Bühne, wo die bärtigen Metaller mit Nietenarmbändern warten und angeschrien werden wollen. Stelle ich mir nicht einfach vor.

Alec Empire: (Lacht sehr) Also wirklich, das geht ja gar nicht, so ein Publikum haben wir gar nicht. Das geht ja gar nicht. Also nein – andererseits, wir hatten letztens einen Auftritt auf so einem Heavy-Metal-Festival, und da gab es überhaupt keine Diskussion. Da war das alles furchtbar wild und lauter als Motörhead und da war sofort klar, wer hier die Regeln macht.

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Elektronische Lebensaspekte.