French-Touch-Erfinder zieht Pop durch
Text: Oliver Ilan Schulz aus De:Bug 110


Der französische Elektronik-Titan Alex Gopher hat ein Album voller Popsongs gemacht. Darauf hat niemand gewartet. Aber unverhofft kommt besser.

In der wievielten Generation “French Touch“ stecken wir eigentlich mit Justice, Ed Banger und Kitsuné? Zumindest ist der Kontakt zur ersten Generation nicht abgerissen. Alex Gopher definiert seit 1991 die französische Elektronikszene als Produzent und mit seinem Label “Solid“ mit. Neben Air und Etienne De Crecy gehört er zu den Vordenkern, die jenseits von Discohouse im Leftfield-Bereich zwischen Elektronika, Downtempo und House experimentierten. Aus dem Dreieck erwartet heute niemand mehr etwas anderes als Schnarch-Ergebnisse. Aber Gopher ist mit seinem aktuellen Album auch ganz woanders. Zusammen mit Etienne de Crecy formuliert er seine Antwort auf den Mode-Sound um No New York, gut rasiertem Songwriting und Elektro-Pop, den auch die Kitsuné-Sampler sporten. Dass es sich nicht nur auf der Höhe der Zeit, sondern auch mindestens so schlüssig anhört wie seine Arbeiten für die Projekte Super Discount oder WUZ, gibt den Jungspunden eine ordentliche Nuss zu knacken auf.

Wie war das Auflegen gestern?

Alex Gopher: Ich mache ja schon lange elektronische Musik, da ist DJing ein großer Teil meiner Tätigkeit. Gestern war es gut, aber nicht so gut wie letztes Mal, als ich zusammen mit Etienne de Crecy Superdiscount gemacht habe. Als DJ spiele ich nur elektronische Musik, da habe ich einen recht präzisen Stil. Ich finde es immer schwer, ihn zu benennen. Für mich selbst bezeichne ich es als Electro-House. Ich habe natürlich ein paar Sachen von mir gespielt, ansonsten viele deutsche Platten. Die deutsche Szene ist für mich im Moment die, wo die interessanten Sachen passieren. Zumindest, wenn man nach der Anzahl der Künstler urteilt, die gute Sachen liefern.

Warum hast du dich gerade jetzt entschlossen, mit “Alex Gopher” ein Pop- oder Singersongwriter-Album zu veröffentlichen?

Alex Gopher: Das war keine Entscheidung, die ich von einem Tag auf den anderen gefällt habe. Es war sogar ein ziemlicher langer Prozess, ehe ich selbst akzeptiert habe, dass ich jetzt eine Platte mit Songs machen würde. Ehrlich gesagt habe ich nicht gedacht, dass das Album so anders werden würde. Das hat sich erst während der Arbeit herauskristallisiert, vor allem auch unter dem Einfluss von Etienne de Crecy, der die Platte produziert hat und der mich ermutigt hat, den Weg von Songwriting und Pop bis zum Ende zu gehen. Als ich gesehen habe, dass dabei etwas Konsistentes herauskommt, konnte ich mich dafür entscheiden, eine akustischere und poppigere Platte durchzuziehen.

Ist die Platte für dich eine Rückkehr zu deinen Wurzeln? Deine erste Band, Orange, hast Du 1985 mit Jean-Benoît Dunkel und Nicolas Godin von Air gegründet. Entschuldige, ich kenne das nicht, aber meinst du, man kann das vergleichen?

Alex Gopher: Das kannst du auch gar nicht kennen, weil von Orange nie etwas veröffentlicht wurde – trotzdem reden alle darüber! Natürlich erinnert die neue Platte mehr an Orange als meine früheren Platten, denn beide haben ja die Pop-Instrumentierung mit Bass und Gitarre. Auch komponiere ich wie damals mit Klavier und Gitarre, aber bei Orange hat das Songwriting vor allem Jean-Benoît übernommen. Jetzt habe ich alles selber gemacht, so dass es für mich doch neu war und von einer Rückkehr zu den Wurzeln nicht wirklich die Rede sein kann. Für mich ist “Alex Gopher“ die logische Fortsetzung dessen, was ich vorher gemacht habe.

Trotzdem habe ich mich über eine weitere Pop-Platte von einem Pariser House-Produzenten gewundert: vor ca. einem Jahr Benjamin Diamond, dann Readymade FC mit seinem 60er-Jahre-Album …

Alex Gopher: Die Leute, von denen du sprichst, gehören zu meiner Generation der über Dreißigjährigen, und ich glaube, man muss in unserem Verhalten bis zu einem gewissen Grad eine Revanche sehen. Ich zum Beispiel konnte 1995 erstmalig Musik bei einer Plattenfirma herausbringen, weil es elektronische Musik war. Aber davor haben wir schon mindestens fünf Jahre Rockmusik gemacht, auf der wir sitzen geblieben sind, unter anderem deswegen, weil wir auf Englisch und nicht auf Französisch gesungen haben. Dank dem Sampler und der elektronischen Musik konnten wir dann zwar als Musiker leben, es war aber eine große Frustration bezüglich unserer Gitarrenmusik zurückgeblieben, siehe Orange. Wenn wir heute die Möglichkeit haben, das nachzuholen, lassen wir uns nicht mehr abhalten, das ist fast wie eine Trotzreaktion oder eine Emanzipation.

Außerdem findet ihr heute vielleicht leichter die Mittel für die Produktion eines Bandalbums, während es von elektronischer Musik immer schon hieß, man könne sie im Schlafzimmer machen, oder?

Alex Gopher: Ja und nein. Das neue Album habe ich unter denselben Bedingungen produziert wie ein elektronisches. Ich war allein und hatte kein Geld oder große Mittel zur Verfügung. Das hat mir gefallen, ich wollte keine ehrgeizige Platte machen, die den Hörer mit Effekten überrollt. Auf dem Album hört man eine Menge technischer Fehler, und ich mag Platten, deren Schwächen letztlich zu ihrer Stärke werden. Die Platte sollte so amateurhaft bleiben wie das häufig bei elektronischer Musik der Fall ist. Dadurch liegt der Schwerpunkt mehr auf der Qualität des Songwriting.

Gibt es Bands, die dich da inspiriert haben?

Alex Gopher: Ich zitiere nicht so gerne Einflüsse. Es ist mir lieber, wenn die Leute dann auf mich zukommen und mir sagen, was sie in der Musik gefunden haben. Mir sind Love & Rockets, Pink Floyd oder auch Talking Heads genannt worden. Eine Band, die mich sehr beeinflusst hat, und zwar mehr von ihrem Ansatz her als von der Musik, ist New Order. Ich finde es sehr gelungen, wie sie Dance und elektronische Musik, Songwriting und Pop miteinander vereint haben.

Wie werden die Live-Auftritte aussehen?

Alex Gopher: Wir werden es klein halten und zu dritt auftreten. 25 Hours A Day an der Gitarre, Flairs am Bass und eine MPC für den Rhythmus, um die Ambivalenz zwischen elektronischer Musik und Pop zu erhalten. Ich werde zum ersten Mal ohne Vocoder singen und je nach Stück Keyboards, eine zweite Gitarre oder einen zweiten Bass spielen. Ja, ich liebe Stücke mit zwei Bässen!

Ist das dieselbe Formation wie bei den Aufnahmen im Studio?

Alex Gopher: Nein, im Studio habe ich das meiste mit Etienne alleine produziert. Ich habe fast alles eingespielt, meistens ziemlich schlecht, aber wir haben es dann mit Protools hingebogen. Heute kann man eine Pop-Platte wie einen Track machen, man muss nicht richtig spielen können, das hat mir gefallen. Technisch habe ich also wie bei meinen früheren Platten gearbeitet, nur dass ich statt der Samples echte Instrumente benutzt habe. Jean-Benoît Dunkel und Nicolas Godin sind danach als zusätzliche Musiker ins Studio gekommen, für jeweils eine Passage, die wirklich zu kompliziert für mich war.

Wie soll der Brückenschlag zwischen deinen elektronischen Sachen und dem poppigen Album gelingen?

Alex Gopher: Ich musste jetzt einmal sehr weit gehen, um mich als Songwriter fühlen zu können. Das war wichtig für mich. Aber mein nächstes Album wird sicherlich nicht so reiner Pop sein wie das aktuelle. Als wir das Album produziert haben, waren wir am Wochenende oft mit Superdiscount unterwegs. Also am Wochenende Techno bis zum Anschlag, während wir unter der Woche mit akustischen Gitarren hantierten. Gegen Ende des Albums hatte ich richtig Lust, wieder Elektro-Stücke zu machen, und habe eine Kitsuné-Maxi herausgebracht. Wenn ich zu viel von einem mache, fehlt mir das andere und umgekehrt: Ich brauche einfach beides.

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Elektronische Lebensaspekte.