Alex Gopher, Demon und ein Atari erfinden als WUZ House nicht neu - sie erschaffen aber trotzdem etwas, was man schon immer auf einer Houseparty hören wollte. Zwischen Rotwein und ProTools ist Alex Gopher mindestens wie sein Label: einfach solid.
Text: sascha kösch aus De:Bug 58

Nachdem französische Housemusik fast schon zu einem Schimpfwort geworden ist, das sich in ungefähr so anfühlt wie ein jahrelang in der hintersten Schmuddelecke eines Club-Lagers liegengebliebener Kaffeefilter aus besseren Tagen, ist es eine richtige Erholung, mit jemandem wie Alex Gopher zu reden. Sein (und Etienne de Crecys) Label Solid blieb sich selbst im größten Filterhouseansturm der Postairdaftpunkchartkavallerie eigentlich immer treu. Heißt ja auch so. Und die Sublabels Poumtchak und das Label von Demon, 20000ST, ließen sich auf jede noch so nahe Fnac Verheißung vom schnellen Euro (sagt man jetzt so?) nie ein. Dabei muss der Druck groß gewesen sein, schließlich stammen sie ja alle irgendwie aus der gleichen kleinen Posse. Sie alle blieben lieber, trotz Kollaboration mit großen Multinationalen wie Sony oder V2, sich selber treu mit einer Politik des “profile bas”.

Nicht mal ein eigenes neues Album wollte Alex Gopher nach “Me, my Baby and I” machen, denn in dem Paris, in dem er lebt, sieht man Housemusik trotz aller Versuche, sie hierzulande auf einen Stil runterzubrettern, der die Clubs des Montmarte beherrscht, irgendwie immer noch als etwas, das man für sich produziert, eben weil es die Clubs dafür nicht gibt. Also setzte er sich mit Demon – den sie leider für Solid nicht haben signen können, weil auch er unabhängig bleiben wollte – und seinem Atari zusammen und erfand für sein schon auf einigen EPs auf Poumtchak benutztes “Wuz” Pseudonym “House eben nicht neu”. Auch eine Haltung, in House vielleicht eine der sichersten Wege zu guten Tracks. “Wir wollten lieber ein wenig zurückblicken auf das, was wir von House schon 96 haben wollten, so wie wir es auch mit Solid eigentlich machen wollen, und haben uns anders als auf meinen Solotracks mehr auf House als Bewegung konzentriert, was dann dazu führte, dass sich natürlich auch ein wenig Housegeschichte mit einschlich.”

Chips im Ohr

Und so findet man, ist man erst mal im Album über die ersten Tracks mit dem letzten Anklang an Funk und die 70er Sounds hinweg, immer mehr Blicke auf das, was man sich von einer Houseparty eigentlich immer erträumt hat, ohne dass es einen überraschen, aber dennoch so wie man es nie erwarten würde. Alte Bekannte, Basslines, Chicagoreferenzen und vor allem diese Momente, in denen man mittendrin in der Linearität die Ordnung vergessen hat und sich ein Track wie “Keep On Dancing (Last Man Standing)” schon mal in darken, fast abstrakten Filterpassagen auflösen kann, in denen man nicht mal mehr weiß, ob man noch im Club ist oder schon zu Hause, mit diesem Moment des ewigen in den Ohren Drehens. “Wir haben versucht, uns grade, weil wir mit Demons Atari gearbeitet haben, von dieser Loopstruktur zu lösen, die die Basis der Tracks ist. Wir wollten die Bars vergessen, diese Idee, alles immer in 8 Takten zu arrangieren, und haben gelegentlich mal einen Vocoder mit Samples gefüttert, nur um aus den gesetzten Harmonien auszubrechen.” Eine Revolution von innen also. Oder eben resolut keine Revolution, aber trotzdem ein über sich Hinausgehen, das so typisch für die Konsistenz von House ist, dieses Unfassbare, das grade, weil es dennoch so seriös und bekannt klingt, die eigenen Parameter manchmal einfach sprengt. Dort wo Implosion und Explosion irgendwie zusammentreffen, ohne viel Aufsehen darum zu machen.

Und Frankreich ist nun wirklich nicht dafür gemacht. Sprengungen. Lieber unter sich bleiben, lang gepflegte Freunde wieder treffen, zusammen Essen gehen, etwas tun, wo genau so viele Leute an einen Tisch passen, wie man schon in der Schulzeit kannte. (Gopher war mit Etienne auf dem Lycée, mit Air in der Indieschule usw.) Weshalb seiner Meinung nach auch die Clubszene nie wirklich in Gang kommt. Man bleibt lieber unter sich. Und weshalb auch die eine Szene nichts von der anderen weiß und in streng separierten Plattenläden funktioniert, obwohl Paris nun wirklich nicht das Flair einer unüberschaubaren Großstadt hat. Der einzige “neue” französische Act, der ihm einfiel, war dann auch logischerweise jemand, dessen Namen er nicht mehr wusste, nur seine Herkunft aus der Hardcore Szene und auch nur dieser eine Track. Das Neue muss in Paris logisch von ganz woanders her kommen. Weshalb er, dessen zentrale Produktionsachse eigentlich schon immer der Sampler gewesen ist, die Kiste demnächst einmottet, um komplett auf Protools umzuschwenken. “Das kann dann all das, was ich selber nicht spielen kann, irgendwie technisch gut klingen lassen”, vor allem aber schafft es dieses Draußen, dass etwas Neues entstehen kann, ohne dass man selber einen Fuß vor die selbstgebaute Tür setzen müsste, aber auch ohne sich eingeschlossen fühlen zu können.

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Text: Sascha Kösch aus De:Bug 23

Fotos: Phillippe Garcia Abgesehen mal von Dänemark, oder vielleicht noch Belgien, scheint Frankreich immer wieder mal für einen schlechten Witz herhalten zu müssen. Beim leisesten Anschein einer Herkunft aus dem französischsprachigen Raum wird über jeden Techno- oder Houseact ein Mülleimer voller schlechtgebeugter Nasale ausgekippt, so daß der Arme sich, nach spätestens zwei Plattenkritiken, Promoinfos oder Artikeln für ein krosses Baguette mit Käsefüßen halten muß. Ja, so schlimm ist das. Wir kämpfen also hiermit resolut für eine Normalisierung der deutsch-französischen Beziehungen und treten dafür ein, Franzosen endgültig wie richtige Engländer zu behandeln. Schluß mit dem Regionalterror. Alex Gopher sitzt mittendrin in der Clique aus Air, Daft Punk, Roulé, Superdiscount, Etienne de Crecy und natürlich auch Chris von Yellow. Alles Freunde. Alle laufen sich ständig irgendwo über den Weg, und alle beziehen sich untereinander auf sich selbst. Sie haben voneinander gelernt, geben sich Technik-Tips, falls sie mal das Studio teilen sollten, und sie alle hatten einen älteren Bruder mit zuvielen Beatles-Platten (Alex Gopher spielte früher sogar mal in der gleichen Popband wie die Air Zwillinge), alle klingen extrem nach den 70ern, verwechseln laufend und absichtlich das Mothership mit dem gelben Unterseeboot und, man glaubt es kaum, sie bereiten sich alle auf das nächste Jahrtausend vor, Gnade. Wäre es kein Musikgenre, man könnte sie für eine Sekte halten. Dabei machen sie nicht mal alle House, Alex schon mal gar nicht. Und, unverstandenster Nebeneffekt, sie alle lieben, so süffisant auch die Filterbewegungen Menschlichkeit simulieren, (cartoonartige Körperlichkeit zum Protagonisten einer sich um sich selbst drehenden Welt), die man als virtuellen Aufklappkalender in jeden Designladen stellen könnte…sie lieben, tatsächlich, den Minimalismus. Als es daran ging, die Videos zu Superdiscount, dem Startschuß für den unaufhaltsamen Aufstieg der französischen Houseszene, zu drehen, da wollte er sie minimal. Air wollten Cardboardflavour. Und mittlerweile kann man sich vor Videos, die genau das eine oder andere machen, kaum noch retten. Nustyle. Die schweißfreie Discozone. Überbordender Minimalismus als eine Reduktion der Mittel, gerechtfertigt durch ihren Bezug auf die letzte historische Epoche der Handarbeit. Die 70er, vielleicht haben sie damals ja schon gewußt, wie endgültig ausgestorben sie sind. Alex Gopher hat sich für seine erste LP auf seinem eigenen Label Solid zwei Leute von Funkadelic eingeladen. Das erscheint ihm überhaupt nicht seltsam, schließlich sind sie auch nicht mehr Cyborg als Cher. Als dann der Studioboss zu dieser ihm sicherlich irgendwie bekannt vorkommenden Musik abging, da durfte er sogar ein Gitarrensolo dazugniedeln. Mit einem flehenden “Mir ist das zu heavy” bitte ich Herrn Gopher um Absolution. “Ich kann das gut verstehen,” gibt er erleichtert zurück. Was ist da eigentlich los? Die meinen es nicht mal ernst, was sie machen. Sind sie so modern? Ist die französische Houseszene, und dabei macht er ja nicht mal House, jedenfalls nicht hauptsächlich, wirklich ein hybrides Netzwerk? Und darf, was zufällig mit am Tisch sitzt, auch alles mitaufessen, egal ob Mann oder Maus? Zum Beispiel “frisson” Lieferant Nr.1 und Untote schlechthin, Billie Holliday, die dieses Jahr endgültig zur meistgesampelten Seele der Welt wird. Alex Gopher würde sagen, daß sie dabei war, im Studio. Zusammen mit Funkadelic und dem Bauch des Studiobosses. Ihre Präsenz ist unbestreitbar. Wir wären gerne dabeigewesen. Genaugenommen sind wir es. Denn kaum eine Musik ist so sehr und so konsequent Oberfläche wie die von Alex Gopher und seinen Freunden. Das hat seine eigene Tiefe, in der sich Menschen, Pappfiguren, große Worte, Farben und Legenden treffen können, um umeinander zu zirkulieren und sich zu bestätigen, daß die Welt sich dreht. Ganz schön postmodern, die Franzosen. Und wie mühelos. “Die besten Alben den kommenden Jahres, Alex?” “Daft Punk, Etienne de Crecy, der neue Act auf Solid, blabla, und oh Gott, ich klinge wie mein eigener Promotionagent, aber ich meine es wirklich so.” Tun wir doch alle, warum sollten wir es sonst tun?. Eine Welt voller unbezwingbarer Dörfer. Die Überlebenden: Promotionagentur, Produktstätte, Broadcastsystem und Imageberater in fröhlicher Personalunion. Multitaskingfähig und von Kopf bis Fuß professionalisiert. Ja, wir sind alle Franzosen. Kein Witz.

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