Madrid ist musikalisch seit 20 Jahren paralysiert von seiner glorreichen Vergangenheit mit der "movida madrileña". Der erste, der aufwacht, ist Alex Under. Ein Mann, viele Schafe und eine neue Zeitrechnung.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 90

Madrid minimal
Alex Under

“In Madrid residiert der König, der katholische Erzbischof sowie wichtige Verwaltungs- und Militärbehörden.”
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Ich war da, ich kann das bestätigen. Was unsere Lieblingsmusik betrifft. Ebbe. Also, wer Label aus Madrid kennt, die nicht harte Technotracks produzieren (Oscar Mulero, Leandro Gamez Style), darf jetzt an die Tafel kommen. Niemand? Doch, doch. Wir haben sie gefunden, die einsamen Kämpfer in der Arena. Alex Under und seine Posse.

Als Kind hat Alex Under alles gegessen, was gelb war, von der Seife bis zur Wasserfarbe (und, macht er deshalb blubbrige, seifige Musik? Nö, also Kinder, esst, was euch gefällt). Alex ist immer noch farbbesessen, glaubt an Farbtherapie (da hat er mit dem Autor dieser Zeilen was gemeinsam) und hat sein erstes Label “CMYK Musik” genannt, ohne je Grafiker gewesen zu sein. Und er lebt wirklich auf der Farm (siehe Bild) mit seiner Frau und seinen Schafen, hat dort auch sein Studio, und wie glücklich er da ist, merkt man spätestens, wenn er seine Musik als “sheepy Minimal” beschreibt. Oder sich in ein spanisches Wörterbuch vertieft, um herauszufinden wie seine Platten wirklich heißen: “Graues Mutterschaf”, “Grüne Erbse”, “Fahrräder sind was für den Sommer”. Ein paar Jahre hatte er einen Plattenladen in Madrid, den er grade aufgegeben hat. “Madrid ist nicht bereit. Sie interessieren sich nicht für Label aus ihrer Stadt, und einen Club ohne kommerzielle Musik zu machen, ist so gut wie unmöglich. In den Subburbs ist es besser, da sucht man nach neuen Erfahrungen und Sounds. Ich war also alleine in der Dunkelheit. Da traf ich dann fantastische Leute wie Ocho und Imek von Apnea, Damian Schwarz und Tadeo …” Nachdem weder das mit dem Plattenladen noch mit seinem Label gereicht hat, um Aufmerksamkeit für minimalen Sound in Madrid zu bekommen, klappte es wenigstens mit den Nachbarn und er startete seinen eigenen Vertrieb. Aufmerksamkeit für die Label bei Net28 (Apnea, CMYK, Ciclical Tracks und Be My Sheep, das heißt wirklich so, Alex ist auch der erste Act: Dolly la Parton!) gab es mehr als genug. In Deutschland, England, Kanada, auf der ganzen Welt. Nur erst mal nicht in Madrid. “Da geht alles langsamer. Die Musikszene ist immer noch von den 80ern beeinflusst, in denen wir diese Szene hatten, die sich ‘la movida madrileña’ nannte. Das korrumpiert uns heute noch.” Frustriert ihn das? Alex Under, jemand der sich Dolly La Parton nennt und mit Schafen lebt? Niemals. “Irgendwann wird Madrid eine Technohauptstadt sein wie Detroit, Chicago, Berlin oder Köln. Ich weiß nicht, ob es an uns liegt, aber ich glaube, die Leute in Madrid fangen schon an, harte Technotracks nicht mehr zu mögen …” Vor allem aber gibt es jede Menge Leute auf der Welt, die sofort begriffen haben, dass sich in Madrid seit letztem Jahr etwas tut, dass der Beginn einer mit jedem Release spannenderen Szene elektronischer Musik ist. Ihr Zentrum ist die Farm von Alex Under.

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Elektronische Lebensaspekte.