Vom Sketch zum Spielfilm. Der rappende Fake-Paki Ali G goes abendfüllend. Was bleibt dabei auf der Strecke? Gangstarapper, Omas, Humor ohne Holzhammer, Sprachwitz in der deutschen Synchronisation - und die Zuschauer? Die amüsieren sich irgendwie, oh doch, mein lieber Herr Potenzposer.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 63

Der Arsch macht weiter
Ali G Indahouse

Ali G, das war doch dieser überrappende Komödiant mit umgehängten Accessoires von den Ausmaßen der Uhren am Hals der Public Enemy-Posse. Der als Moderator der MTV-Music Awards kürzlich in Frankfurt durchweg alle beschimpfte und mit freudlosen deutschen Untertiteln handzahm gemacht wurde. Davor war er mal Depp vom Dienst für Madonna als tapsiger Chauffeur in ihrem Clip zu “Music”. In “Ali G Indahouse” ist er der Gangsta Rapper als Dorftrottel, der mit Lyrics um sich schmeißt, sich als Superpimp à la Kid Creole verkleidet und sämtliche Codes der HipHop-Posse für sich auf Spasti-Art durchwummert, bis ein für alle mal die Lächerlichkeitsverhältnisse geklärt sind.
Am Rand erstmal die Handlung: Ali G möchte sein Jugendzentrum erhalten, wird dubioser Weise ins Parlament gewählt und mischt die alten Säcke in den Holzbänken mit Sprüchen aus der “Hood” auf. Politik wird anschaulich gemacht: Schlechte Politiker sind “noch viel schlechter als Skeletor” und für den Weltfrieden reicht eine ordentliche Ladung Dope in den Tee des Konferenzsaals. Ist doch alles ganz einfach. Leider gab’s nicht die Originalversion des Films, um die Gangstalyrics abzugleichen. In der deutschen Synchronfassung darf man nur einen Kinder-Ali hören, der wo voll gut Infantildeutsch spricht. Booty-Terror, Stecherqualitäten mit Potenzgeprotze, cooles Mackergemache sind dann kein Thema mehr. Und gerade wenn es niemand erwartet, schlägt er die Filmbösen mit seinen Mitteln des Breakdance und Moonwalk. Ali beschert einem einige wenige lässige Szenen, indem er zum Beispiel den Snoop Doggy Dog zitiert, sippin’ on Gin and Juice. Und zeigt, dass gegen sein lieb gemeintes Prollverhalten jeder degenerierte Finsterrapper einpacken kann.
Respekt für jemanden, der die gespielte Dämlichkeit den ganzen Film durchhält. Das macht den Film nicht weniger dämlich und nur unterhaltsam, wenn man sich entweder mit der Globalisierung von Gangsta Rap befasst oder sich immer noch oder wieder an Patsche-Humor auf prä- bis pubertärem Level erfreuen kann. Doch Ali G ist ein Poser, Gottseidank, der einem die Sperma-Witze aus “American Pie” erspart. Außerdem ist er den deutschen Knalltüten wie “Erkan und Stefan”, gerade als Fortsetzung angelaufen, immer noch eine Nase an Kultiviertheit voraus. Sein Metier ist die Komplettverarsche von Gangstafilmen und HipHop- und R’n’B-Videos. Was er zeigen möchte: Sicher ist es im englischen Vorort wie in jedem deutschen Nest total bescheuert, bis an die Zähne mit Fubu-Klamotten bewaffnet durch die Fußgängerzone zu rennen und “Keep it real” zu schreien. Original Gangsters trifft man jederorts, das musste ich auch feststellen, als ich in Tokyo 15-jährigen Schränken gegenüberstand, die bis zu den Schnürsenkeln die authentisch getrimmten Ghettokids aus der Bronx gaben – selbstverständlich lammfromm und höflich.
Im feuchten Traum sieht sich Ali als furchtloser Held straight outta Compton, der mit der Uzi unter den Latinos für Gerechtigkeit sorgt. Im britischen Kaff spielt er dann den Bandenkrieg nach, eiert mit seinem tiefergelegten und gespoilerten Mini-Fiat an den Reihenhäusern vorbei, die Bässe auf Speed Garage-Anschlag und brüllt den Omas am Gartenzaun “Booyaka” zu. Autorennen enden meistens nach relativ kurzer Ampelphase am britischen Tempolimit. Lustig ist der Transfer von Ami-HipHop und Kultur auf den englischen, kurzgeschnittenen Rasen dann doch irgendwo. Schon.

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Elektronische Lebensaspekte.

Ali G aka Sacha Baron-Cohen interviewt Feministinnen zum Thema 2-Step, überredet den Harrods-Chef zum Kauf eines gefälschten Passes, spielt im neuen Madonna Video mit und hat mit seiner Version der englischen Sprache mehr Impact auf die Kids als die Telet
Text: Shlom Sviri aus De:Bug 40

Revolution im englischen Fernsehen
Ali G.

Seit rund anderthalb Jahren hat England einen neuen Comedy Star: Ali G. Er ist mehr als ein britischer Fernseherfolg. In den letzten anderthalb Jahren entwickelten Kids neue Mode-Gewohnheiten und Middle-Class Teenager gewöhnten sich einen Cockney-Akzent mit asiatischem Einschlag an. Ali G. hat eine kleine Kulturrevolution auf der britischen Insel losgetreten.1970 als Kind eines israelischen Vaters und einer walisichen Mutter geboren, hat Sascha Baron-Cohen, so Ali G’s richtiger Name, eine dieser nicht wirklich zuordnerbaren Hautfarben. 1998 wurde er für die ’11 O’clock Show’ auf Channel Four entdeckt. Neue Gesichter sollte hier die Quoten wieder nach oben bringen. Cohens Videobewerbung war schlicht und einfach großartig. Verkleidet als albanischer Fernsehreporter interviewte er die Teilnehmer einer Fuchsjagd, ob die Überbelegung der britischen Gefängnisse gelöst werden könne, wenn die Insassen zukünftig anstelle der Füchse bei der Jagd vefolgt werden würden. ‘Verdammt gute Idee’, erwiderte ein Lord, und den Produzenten der ’11 O’clock Show’ schwante, dass schwachsinnige Fragen oftmals noch schwachsinnigere Antworten provozieren könnten und die Quote so absurd schwachsinnig hoch werden könnte. Cohen bekam den Job, sollte aber noch einen neuen Charakter erfinden, einen Reporter für ‘Yoof Issues’. Der Produzent der Show, Harry Thompson, schlug den Namen ‘Ali G.’ vor, um Cohens ethnische Herkunft noch weiter zu verschleiern. “Wenn er als Moslem durchgehen würde, hofften wir, dass ihn die Kritiker in Ruhe lassen würden. Und hätten sich die muslimischen Verbände beschwert, hätten wir Ali G. als Abkürzung von Alistair Graham verkauft.”

Obwohl er oft dafür kritisiert wurde, die asiatische Kultur in England zu parodieren, liegt die Genialität von Ali G. darin, dass er überhaupt nicht asiatisch ist. Vielmehr illustriert er den Trend der englischen Mittelklassekids, das Aussehen und die Sprache der Black Communities zu imitieren. Ruft man morgens vor einer Schule in London laut ‘Booyakasha!’ (Ali G. beginnt seine Shows mit diesem Schlachtruf), werden alle Kinder ‘Easy Now!’ antworten, nur leider nicht erklären können, was Booyakasha eigentlich bedeutet. Und doch ist es das vielleicht populärste neue Wort auf der Insel.

Mittlerweile hat Ali G. auf Video und Real Video Servern im Netz seinen Siegeszug durch die Welt angetreten. Seine verquere ‘Street-Language’, kindische sexuelle Andeutungen und sein lächerliches Outfit machen ihn zum internationalen Star. Während seiner Zeit bei der ’11 O’clock Show’ interviewte er internationale Wissenschaftler, Politiker, Militärs, die alle glaubten, Ali wäre wirklich ein Reporter eines anerkannten englischen Senders. Während einer Demo von Umweltschützern wird er von der Polizei hinter die Absperrungen zurückgedrängt. Seine Frage ‘Is It Coz I is black..??’ hört man seitdem an jeder Ecke.
Ali G. hat es jedoch geschafft, jenseits von dummen Sprüchen und Tommy Hilfiger Unterwäsche tatsächliche Probleme und Fragen der britischen multikulturellen Gesellschaft zur Diskussion zu stellen. Nach seinem Erfolg bei der ’11 O’clock Show’, bot ihm Channel Four eine eigene sechsteilige Serie an. Als die dann schließlich Anfang diesen Jahres ausgestrahlt wurde, war Ali G. bereits ein Volksheld. Um weiterhin an Promi-Interviews heranzukommen, erfand Cohen eine neue Figur: Borat, den Kulturbeauftragten der kasachischen Regierung. Borat, der im Auftrag des kasachischen Kabelfernsehens Kurzdokumentationen über England dreht, informiert sich bei Fuchsjagden darüber, ob es sich denn gut anfühle, den Fuchs mit dem ganzen Blut da liegen zu sehen und erfährt: Ja, man fühle sich wie ein Mann.

Seit dem Ende der Ali G. Show ist es ruhig geworden um Cohen, von einem Auftritt im letzten Madonna Video mal abgesehen. Die Frage, die alle bewegt, ist, ob er es schaffen wird, eine neue Show mit ähnlichem kulturkritschen Ansatz auf die Beine zu stellen, oder ob aus ihm eine amerikanisierte Entertainment-Puppe wird. Wir werden sehen. Bis dahin: Easy Now.

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