Die Sitcom aus der Werbeagentur
Text: Tobias Rapp aus De:Bug 128


Am Anfang von “Mad Men“ gibt es den Fernseher als Massenmedium noch nicht. Es sind die späten Fünfziger, Donald Draper, der Kreativdirektor einer New Yorker Werbeagentur, steht im Atelier seiner aktuellen Affäre und fragt ironisch: “Was ist das denn?“, als er auf ihren neuen Fernseher zeigt (sie schmeißt das Gerät dann aus dem Fenster).

Am Ende der zweiten Staffel hat die Agentur eine eigene Fernsehabteilung und es ist Teil der Jobbeschreibung, den Abend vorm Fernseher zu verbringen. Dazwischen entsteht eine neue Werbewelt: Es ist nicht nur ein neues Medium entstanden, die Kampagnen brauchen auch neue Erzählformen.

All dies erzählt “Mad Men“, die neue Serie des amerikanischen Senders AMC, die zweite Staffel ist Anfang November zu Ende gegangen. Sie handelt auch davon, wie sich der gesellschaftliche Aufbruch der späten Sechziger vorbereitet. Sie handelt vom neuen Leben in Suburbia, von der Einsamkeit dieser Existenzform und wie diese mit der entstehenden Konsumgesellschaft zusammenhängt.

Männer sind noch Männer in “Mad Men“ und Frauen sind noch Frauen. Aber dass das nicht mehr lange so bleiben wird, zeichnet sich bereits ab. Die Hegemonie der alt eingesessenen Ostküsten-Oberschicht beginnt sanft zu bröckeln. Mit Kennedy wird der erste Katholik Präsident, in der Agentur steigt die erste Frau von ihrem Job als Sekretärin zur Texterin auf. Ein Grafiker outet sich als schwul.

Aber eigentlich geht “Mad Men“ um Don Draper, den amerikanischen Mann. Groß, gut aussehend und schweigsam – genau der Typ, von dem Tony Soprano vierzig Jahre später immer spricht, wenn er sich fragt, was eigentlich aus dem “strong and silent type“ geworden ist (der Erfinder, Produzent und Autor von “Mad Men“ hat vorher für die “Sopranos“ geschrieben).

Und es geht darum, wie dieser Mann durch seinen Job daran arbeitet, die kulturellen Rahmenbedingungen seiner eigenen Existenz abzuschaffen. Eine ganz große Serie. All das, was Serien im deutschen Fernsehen nicht sind: mutig, ernst gemeint, durchdacht und mit tiefer Liebe zu seinen Figuren.

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Elektronische Lebensaspekte.

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