Clubs zum Bersten voll, Gast-DJs aus UK voller Begeisterung, Platten und Tracks, die in London und Umgebung Rewinds und Dauereinsatz einfahren. Nahezu unbeachtet von der Medienmaschinerie entwickelte sich in der Alpenrepublik eine Drum and Bass-Szene von internationalem Niveau. Ein weiterer Nagel in den Sarg des Vienna-Downbeat-Hypes. Drum and Bass in Österreich - von der Peripherie mitten ins Zentrum.
Text: Stefan Kraus aus De:Bug 68

Releases auf Moving Shadow, Renegade Hardware, Architecture, Cylon, Soul:R, all das innerhalb von knapp eineinhalb Jahren und mitten aus Österreich. DJ D.Kay aka Mindmachine macht’s möglich. Doch aus D.Kays Studio reißt der Nachschub nicht ab, mit “Barcelona”, einem super-relaxten Summertime Tune, hat er gemeinsam mit Epsilon (sein Buddy aus Zagreb) einen ultimativen Dubplate-Hit geschaffen, der von Peshay bis Bad Company alle Playlists rockt. Der Experimentalität verpflichtet, ein Breakz-Liebhaber par excellence (auf der Suche durch Berge von Reissues, Soulplatten, Breakz aus dem Netz …), sind seine Tracks wie auch sein DJ-Stil immer sehr abwechslungsreich: “Ich möchte schon, dass die Leute tanzen, aber auch, dass sie sich für die Musik interessieren, ich möchte den Sound weiterbringen.” Ähnlich weit gespannt erweist sich der Stil der Releases, von technoiden Nummern über an Digital gemahnenden Neo-Oldschool (“The Break” auf Architecture) bis zu easy und soulful, aber auch Trance-infizierten Ravestücken – speziell zu letzterem: “Derzeit mag ich Melodien, und die Stimmungen, die man damit auslösen kann.” Die technischen Tricks für die State-of-the-Art Drum and Bass Produktion hat sich der gelernte Tontechniker (“ich könnte mit Ach und Krach auch eine Mainstream-Metalband abmischen …”) und Musikfan (“Musik war immer schon Teil von mir, ich höre alles, von Jazz bis Pop, insbesondere auch R’n’B + Hip Hop, da kann man auch produktionstechnisch was lernen.”) mühsam, aber erfolgreich, selbst beigebracht.

Trance als Hit-Garantie?

Zusammen mit DJ Raw.Full bildet D.Kay seit kurzem auch das Producer-Duo “Ill.Skillz”, wo mit dem auf Dylans und Digitals neuem Label “Freak” erscheinenden, trance-angehauchten “Be There for You” schon der nächste potenzielle Raveburner der Veröffentlichung harrt. Trance als Hit-Garantie? Keineswegs, denn “den Hit vom Reißbrett gibt’s einfach nicht. Wir machen einfach, wonach uns ist, am Schluss sind wir oft ganz woanders, als wir uns das so vorgestellt haben. Aber lustigerweise immer noch dort, wo wir eigentlich hinwollten. Das verstehen wir selber nicht.” Warum ist Drum and Bass derzeit so offen für Leute, die nicht aus UK sind? Raw.full: “In London bist du mittlerweile einfach so gut wie dein letzter Track, es zählt einfach die Qualität. Außerdem hat das Internet die Sache auf ein nächstes Level gehoben, Dubs und unreleased Material kannst du auf Sites wie Drumandbass Arena oder dogsonacid.com hören und dich inspirieren lassen, da findet sich einfach mindblowing stuff und neue Ideen en masse. Einige haben da auch viel Vorarbeit geleistet, viele Kanäle stehen schon offen und die Leute wissen, man muss kein Londoner sein, um guten Drum and Bass zu produzieren.” Auch kontinuierlicher Austausch mit den Originaters aus England führt, neben einem informierten Publikum und Konkurrenz innerhalb des DJ-Circuits, zum hohen Niveau der Veranstaltungen in Wien und Umgebung. Raw.Full, auch Mitveranstalter der legendären “Trife.life”-Parties im Wiener Flex, dem Club mit dem vielleicht besten Soundsystem Europas, berichtet immer wieder von der Begeisterung der UK-Acts: “Die DJs von der Insel sagen immer, die Parties in Wien gehören zu den besten, die sie gesehen haben, das Publikum geht einfach sagenhaft mit. Es wäre halt besser, sich weniger mit Szenepolitik aufzuhalten, als kontinuierlich seine Skills zu verbessern, dann stellt sich der Erfolg schon ein.” Doch im Grunde ist es ganz einfach: “Wir machen Musik, einfach weil wir uns nichts anderes vorstellen könnten, was wir lieber täten.”

Ein Nest namens Zwettl

Seit Ende 1998 gibt es Trickdisc, erstes Drum and Bass-Label aus Österreich und inzwischen bei Katalognummer sieben angekommen. Der Qualitätslevel war von Beginn an hoch, im Knowledge-Magazine, auf der Internetplattform Drumandbass Arena, aber auch in Debug erhielten die Platten durchweg gute Kritiken. Nahezu alle wichtigen Producer Österreichs haben schon auf Trickdisc veröffentlicht, als kleiner Hit bleibt der Illskillz-Remix von Tomkins “E-Sparks” – ein mächtiges, oldschool infiziertes Ravemonster (Trickdisc 004, Herbst 2001) in wohliger Erinnerung.
Thomas Kienast aka DJ Tomkin, Producer, DJ und Hauptverantwortlicher des Imprints, über seine Motivation: “Mit den Veröffentlichungen auf Trickdisc versuchen wir immer, eine eigene Note zu haben, immer ein wenig anders zu sein – kopieren interessiert uns nicht. Aber auch der Nachwuchs liegt mir sehr am Herzen.” Zudem zeichnete sich Tomkin auch für den ersten Szenesampler “Inside.Aut” verantwortlich. Ein wenig kurious ist der Umstand, dass sich Tomkins Studio in Zwettl, einer Kleinstadt im Waldviertel, einer recht ländlich geprägten Region Ostösterreichs befindet. Drum and Bass, eine gemeinhin mit Urbanismus verbundene Musikrichtung, entsteht in der Provinz, ein Widerspruch? “Eigentlich ist das kein Problem, es ist recht gemütlich dort – ich kann ohne Druck und in Ruhe arbeiten.” Seit letztem Jahr gibt es mit Groove Attack einen kompetenten Vertriebspartner, die Releases sind regelmäßig ausverkauft, und da wäre noch die neue EP: Watch out for the “Fusion Dance”–EP von Illskillz, die derzeit aktuelle Scheibe des Labels. Nummer eins in der Playlist von Trace, wollte sie sogar Ed Rush signen, jedoch war sie schon für Trickdisc fixiert. Was nichts daran ändert, dass sich das Ding derzeit in den Plattentaschen von Dylan, John B, Ed Rush und anderen Big Names befindet.

Mehr Hochburgen von Sankt Pölten bis Graz

Doch der Virus hat sich – nicht zuletzt durch die als Infopoint der von urbanen Zentren abgeschnittenen Heads fungierende Breakbeat Show “Dog’s Bollocks” (der Drum and Bass-Part wird gehostet von D.Kay, jeden letzten Freitag im Monat ab 23Uhr) des Jugendradios des österreichischen Rundfunks FM4 – bereits über das gesamte Land ausgebreitet. In den meisten Landeshauptstädten hat sich ein qualitativer Drum and Bass-Circuit entwickelt. Stauder mit Breakform (einschließlich eigenem Label) in Graz, Reload in Sankt Pölten, Sprawl aus Linz, Full Contact aus Innsbruck und andere halten – gut vernetzt – den Vibe hoch. Selbst die Kontrolle behalten, Konsequenz und ehrliche Leidenschaft – dedication pays off.

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Elektronische Lebensaspekte.

Clubs zum Bersten voll, Gast-DJs aus UK voller Begeisterung, Platten und Tracks, die in London und Umgebung Rewinds und Dauereinsatz einfahren. Nahezu unbeachtet von der Medienmaschinerie entwickelte sich in der Alpenrepublik eine Drum and Bass-Szene von internationalem Niveau. Ein weiterer Nagel in den Sarg des Vienna-Downbeat-Hypes. Drum and Bass in Österreich - von der Peripherie mitten ins Zentrum.
Text: Stefan Kraus aus De:Bug 68

Releases auf Moving Shadow, Renegade Hardware, Architecture, Cylon, Soul:R, all das innerhalb von knapp eineinhalb Jahren und mitten aus Österreich. DJ D.Kay aka Mindmachine macht’s möglich. Doch aus D.Kays Studio reißt der Nachschub nicht ab, mit “Barcelona”, einem super-relaxten Summertime Tune, hat er gemeinsam mit Epsilon (sein Buddy aus Zagreb) einen ultimativen Dubplate-Hit geschaffen, der von Peshay bis Bad Company alle Playlists rockt. Der Experimentalität verpflichtet, ein Breakz-Liebhaber par excellence (auf der Suche durch Berge von Reissues, Soulplatten, Breakz aus dem Netz …), sind seine Tracks wie auch sein DJ-Stil immer sehr abwechslungsreich: “Ich möchte schon, dass die Leute tanzen, aber auch, dass sie sich für die Musik interessieren, ich möchte den Sound weiterbringen.” Ähnlich weit gespannt erweist sich der Stil der Releases, von technoiden Nummern über an Digital gemahnenden Neo-Oldschool (“The Break” auf Architecture) bis zu easy und soulful, aber auch Trance-infizierten Ravestücken – speziell zu letzterem: “Derzeit mag ich Melodien, und die Stimmungen, die man damit auslösen kann.” Die technischen Tricks für die State-of-the-Art Drum and Bass Produktion hat sich der gelernte Tontechniker (“ich könnte mit Ach und Krach auch eine Mainstream-Metalband abmischen …”) und Musikfan (“Musik war immer schon Teil von mir, ich höre alles, von Jazz bis Pop, insbesondere auch R’n’B + Hip Hop, da kann man auch produktionstechnisch was lernen.”) mühsam, aber erfolgreich, selbst beigebracht.

Trance als Hit-Garantie?

Zusammen mit DJ Raw.Full bildet D.Kay seit kurzem auch das Producer-Duo “Ill.Skillz”, wo mit dem auf Dylans und Digitals neuem Label “Freak” erscheinenden, trance-angehauchten “Be There for You” schon der nächste potenzielle Raveburner der Veröffentlichung harrt. Trance als Hit-Garantie? Keineswegs, denn “den Hit vom Reißbrett gibt’s einfach nicht. Wir machen einfach, wonach uns ist, am Schluss sind wir oft ganz woanders, als wir uns das so vorgestellt haben. Aber lustigerweise immer noch dort, wo wir eigentlich hinwollten. Das verstehen wir selber nicht.” Warum ist Drum and Bass derzeit so offen für Leute, die nicht aus UK sind? Raw.full: “In London bist du mittlerweile einfach so gut wie dein letzter Track, es zählt einfach die Qualität. Außerdem hat das Internet die Sache auf ein nächstes Level gehoben, Dubs und unreleased Material kannst du auf Sites wie Drumandbass Arena oder dogsonacid.com hören und dich inspirieren lassen, da findet sich einfach mindblowing stuff und neue Ideen en masse. Einige haben da auch viel Vorarbeit geleistet, viele Kanäle stehen schon offen und die Leute wissen, man muss kein Londoner sein, um guten Drum and Bass zu produzieren.” Auch kontinuierlicher Austausch mit den Originaters aus England führt, neben einem informierten Publikum und Konkurrenz innerhalb des DJ-Circuits, zum hohen Niveau der Veranstaltungen in Wien und Umgebung. Raw.Full, auch Mitveranstalter der legendären “Trife.life”-Parties im Wiener Flex, dem Club mit dem vielleicht besten Soundsystem Europas, berichtet immer wieder von der Begeisterung der UK-Acts: “Die DJs von der Insel sagen immer, die Parties in Wien gehören zu den besten, die sie gesehen haben, das Publikum geht einfach sagenhaft mit. Es wäre halt besser, sich weniger mit Szenepolitik aufzuhalten, als kontinuierlich seine Skills zu verbessern, dann stellt sich der Erfolg schon ein.” Doch im Grunde ist es ganz einfach: “Wir machen Musik, einfach weil wir uns nichts anderes vorstellen könnten, was wir lieber täten.”

Ein Nest namens Zwettl

Seit Ende 1998 gibt es Trickdisc, erstes Drum and Bass-Label aus Österreich und inzwischen bei Katalognummer sieben angekommen. Der Qualitätslevel war von Beginn an hoch, im Knowledge-Magazine, auf der Internetplattform Drumandbass Arena, aber auch in Debug erhielten die Platten durchweg gute Kritiken. Nahezu alle wichtigen Producer Österreichs haben schon auf Trickdisc veröffentlicht, als kleiner Hit bleibt der Illskillz-Remix von Tomkins “E-Sparks” – ein mächtiges, oldschool infiziertes Ravemonster (Trickdisc 004, Herbst 2001) in wohliger Erinnerung.
Thomas Kienast aka DJ Tomkin, Producer, DJ und Hauptverantwortlicher des Imprints, über seine Motivation: “Mit den Veröffentlichungen auf Trickdisc versuchen wir immer, eine eigene Note zu haben, immer ein wenig anders zu sein – kopieren interessiert uns nicht. Aber auch der Nachwuchs liegt mir sehr am Herzen.” Zudem zeichnete sich Tomkin auch für den ersten Szenesampler “Inside.Aut” verantwortlich. Ein wenig kurious ist der Umstand, dass sich Tomkins Studio in Zwettl, einer Kleinstadt im Waldviertel, einer recht ländlich geprägten Region Ostösterreichs befindet. Drum and Bass, eine gemeinhin mit Urbanismus verbundene Musikrichtung, entsteht in der Provinz, ein Widerspruch? “Eigentlich ist das kein Problem, es ist recht gemütlich dort – ich kann ohne Druck und in Ruhe arbeiten.” Seit letztem Jahr gibt es mit Groove Attack einen kompetenten Vertriebspartner, die Releases sind regelmäßig ausverkauft, und da wäre noch die neue EP: Watch out for the “Fusion Dance”–EP von Illskillz, die derzeit aktuelle Scheibe des Labels. Nummer eins in der Playlist von Trace, wollte sie sogar Ed Rush signen, jedoch war sie schon für Trickdisc fixiert. Was nichts daran ändert, dass sich das Ding derzeit in den Plattentaschen von Dylan, John B, Ed Rush und anderen Big Names befindet.

Mehr Hochburgen von Sankt Pölten bis Graz

Doch der Virus hat sich – nicht zuletzt durch die als Infopoint der von urbanen Zentren abgeschnittenen Heads fungierende Breakbeat Show “Dog’s Bollocks” (der Drum and Bass-Part wird gehostet von D.Kay, jeden letzten Freitag im Monat ab 23Uhr) des Jugendradios des österreichischen Rundfunks FM4 – bereits über das gesamte Land ausgebreitet. In den meisten Landeshauptstädten hat sich ein qualitativer Drum and Bass-Circuit entwickelt. Stauder mit Breakform (einschließlich eigenem Label) in Graz, Reload in Sankt Pölten, Sprawl aus Linz, Full Contact aus Innsbruck und andere halten – gut vernetzt – den Vibe hoch. Selbst die Kontrolle behalten, Konsequenz und ehrliche Leidenschaft – dedication pays off.

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