Stolz zog er seine Bahn durch die Kanäle des Internet: der Portalschwan "Altavista" mit gehobenem Content - und ohne Zukunft. Als der Kahn, äh, Schwan umkippte, war sie dabei. Content-Redakteurin Verena Dauerer erinnert sich.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 63

Aus dem Inneren eines sterbenden Schwans

Mithopsen beim E-Commerce-Hype: Zwischen 1999 und 2000 durfte ich bei einem Schnipsel der New Economy mitmachen, bei “Aufbruch und Euphorie” – als Redaktionsmitglied beim deutschen Ablegerportal der amerikanischen Suchmaschine AltaVista. Sie folgte damals dem Vorreiter Yahoo, der als erster mit ausgebauten Inhalten und Verlinkungen aufwartete. Der Launch war im März 1999, im Herbst 2000 wurde das Portal dann eingeknautscht. Idee war wöchentlich upgedatete Infocontainer und eine Tageskolumne mit dem Anspruch von gut sortierten Infoseiten, bestehend zum Teil aus Kooperationen mit Politik Digital, Akademie.de und einer Verlinkung der Headlines mit Spiegel Online. Nicht dass die Inhalte so famos unabhängig gewesen wären und sich vom schnöden Entertainment abheben wollten. Die Richtlinien aus den USA für die Site waren eine verbindliche Liste, die man um Vorschläge erweiterte, mit Themen, wie Geld oder Urlaub oder Film eben. Unser Haufen von ungefähr 15 Redakteuren war für alle Themen dazwischen zuständig. Kennen gelernt hatte unsere Content-Managerin Dietlind uns über Empfehlungen oder auf den Medienparties, die zwei bis dreimal die Woche in einem der Hamburger Verlage oder einer Internetagentur stattfanden. Auf den ersten Redaktionssitzungen tobte noch die Es-passiert-was-Stimmung. Man bescheinigte sich mit professionellem Gestus seine Ernsthaftigkeit. Infos wurden um die Ohren geschmissen. Das klang alles super. Egal was passierte, es blieb immer abgesichert. So war die Meinung. Schließlich hatte der deutsche Ableger die US-Firma im Rücken. Die Finanzierung wurde begleitet von wirbeligen Zauberworten wie Content Management, einem Berufsfeld, das eindeutig im Aufstreben begriffen war. Und der Bannerwerbung, die in Neonrosa strahlte. Drumherum blinkten Leuchtsterne, noch ohne den Las-Vegas-Trash Appeal. Bezeichnenderweise lief die Bannerwerbung bei Suchmaschinen über Keywords und konnte sich effizient anpassen. Ein allemal dufterer Stand als andere dot.coms mit Joint Venture-Finanzierung auf Etappen, also konnte beruhigender Weise nicht viel schief gehen. Konnte?

Abbruch
Im Herbst 2000 wird das deutsche Portal auf ein abgespecktes Kleinformat runtergefahren, später plattgemacht und auf den heutigen Umfang reduziert: eine reine Suchmaschine ohne Mätzchen. Über den Grund kann man spekulieren. Dietlind sagt: “Sie hatten so viel Geld mit ihrem perfekten amerikanischen Portal mit allem möglichen Content in den Sand gesetzt und auf der anderen Seite keine Erfahrung im Printbereich. Zur Finanzierung hätten sie Paymodule einbauen müssen, aber niemand hätte die Inhalte gekauft.” Bei aller Konzentration auf den Content ist an ihnen die abgespeckte, simple Suchseite Google vorbeigezogen.
Die anderen Schreiber habe ich seitdem aus den Augen verloren. Zwei arbeiten beim Fernsehen. Und naja, doch erwähnenswert ist, dass das gesicherte Dabeisein wenigstens für eine Weile ordentlich zum Davon-leben-Können bezahlt wurde, zehn mal so viel wie später – abgesehen vom – Fernsehen. Vielleicht.

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Elektronische Lebensaspekte.