Back with a BANG!
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 116


Mittendrin und doch weit drüber. Jörn Elling Wuttke und Roman Flügel definieren seit 15 Jahren den Weg der geraden Bassdrum. Aus ihrer souveränen Position haben sie die abgeklärte Kaltblütigkeit, ihrem Mega-erfolgreichen Punch “Rocker” mit “Why not?” einen genauso satten Uppercut folgen zu lassen. Strike für zwei Freunde, die wissen, dass man mit Witz und Einfachheit weiter kommt.

Wer mit Techno hierzulande groß geworden ist, der wird sich noch gut daran erinnern, dass es immer auch ein Battle der Städte war und der Achsen, die sich zwischen ihnen auftaten. Frankfurt, das erste kleine Medienimperium mit Frontpage und Groove, vor allem aber natürlich Sven und dem Delirium, Köln, das eine Weile lang die Achse Frankfurt über das Delirium stärkte, bis die Abtrünnigen selber als Kompakt zur bestimmenden Kraft der Stadt wurden, und natürlich das Berlin von Hardwax, Tresor, dem E Werk und der Loveparade.

Body Move Index

Eine der zentralen Mächte im Risikospiel der geraden Bassdrum war schon früh Alter Ego. Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke machten sich 1993 mit Ata und Heiko an die Gründung ihres Labelimperiums mit Ongaku, Klang und Playhouse, und obendrein veröffentlichten sie als Acid Jesus mitten im grassierenden Hardcorefieber “Move My Body”, das für mich immer noch den Anfang der ernsthaften Houseproduktion in Deutschland markiert.

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Ihre Alben als Alter Ego waren von Anfang an Meilensteine. Und Sven Väths Label Harthouse katapultierte sie mitten in die internationale Szene. Aber anstatt den geraden Weg vom selbstbetitelten “Alter Ego” 1994 an zu gehen, lieferten sie mit Sensorama auf Ladomat auch gleich den Gegenentwurf und hielten so eine Spannung aufrecht, die nur wenige Ravegiganten hierzulande schafften. Jedes Album, oft aber auch ihre 12″s waren eine Intervention, ein Statement, eine Neupositionierung von Techno und Elektronik. Und die Labels Playhouse und Klang galten zu Recht über die vielen Jahre als die Instanz des guten Geschmacks, die die Grenze zwischen Techno und House immer wieder neu vermaß.

Das Ende vom Anfang

Als sie 2004 dann mit “Rocker” und dem dazugehörigen Album “Transphormer” alles abräumten, war klar: Von nun an definieren sie nicht nur ihr eigenes Technouniverum, sondern sie dominieren es generell und stehen irgendwie drüber. Nur gehörte eben dieser Moment aber auch zu dem Bruch, der die uralte Zweiteilung und das Spiel der beiden Mächte, House und Techno, endgültig zu Fall brachte, und selbst auf angeschranzten Partys bestimmten seitdem eher die Worte Elektro und Minimal die beiden Grenzräume der Clubs. Kein Wolfgang Voigt, kein Dominik Eulberg, kein Zurück zu den Raveschlachten, selbst der Armani-Schlachtruf “Geht’s noch?”, den Roman Flügel im gleichen Jahr nachlegte, vermochte daran was zu ändern.

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Und während sich Elektro langsam totgelaufen hat und Minimal immer noch bis in die letzte Ritze jeglicher Produktionen fließt und wir in den Clubs oft genug die Verfeinerung und das Sounddesign immer mehr als das immer Gleiche hören, steigt Alter Ego mit ihrem neuen Album “Why Not?!” wieder wie ein Phoenix auf und hämmert jedem, der noch einen Restglauben an Techno hat, unmissverständlich ein, dass genau hier der nächste große Schritt stattfindet, die Geschichte sich wieder einmal einholt und dabei frischer klingt als fast alles, was um uns herum am Fortschrittsglauben kaut. Und dafür haben sie ein ganzes Bollwerk an Humor und gerader Bassdrum aufgerichtet und sogar ihr analoges Liveset endlich in die Mottenkiste verbannt.

Warum eigentlich nicht

De:Bug: Wer hat sich den Titel ausgedacht?

Roman: Sollen wir ehrlich sein? Eigentlich muss man ehrlich sein.

Jörn: Ok. Um ehrlich zu sein: Wir hatten das Stück produziert, “Why Not“, und hatten noch keinen Album-Titel und auch keinen für das Stück. Wir sind ja immer auf der Suche nach guten Titeln, und wenn man ein Album macht, dann hat man die Ohren auch immer weit offen für alles, was so passen könnte. Ich war abends bei mir vor dem Haus in einer Bar einen trinken, wo ich einem Freund meiner Freundin, einem englischen Werbetexter, der eigentlich nur Blues und Rockgeschichten hört, das Stück von Kassette vorgespielt habe. Zu später Stunde. Und dann habe ich ihn gefragt, wie findeste das, da meinte er: “Why Not?” Das hat mich sofort überzeugt.

Roman: Es war auch ein schöner Zufall, dass das so gut passte, weil das Stück für uns ähnlich wie viele andere Stücke von dem Album nochmals eine gewisse Grenzüberschreitung dargestellt hat. Die Frage war, warum nicht … warum nicht so abfahren?

De:Bug: Wobei abfahren nun bei Alter Ego nicht so wirklich selten ist.

Roman: Aber hier ging es ja nicht um eine gewisse Härte, die man repräsentieren will, sondern um andere Dinge. Die Jungs von Gomma haben z.B. so was Zappaeskes festgestellt, und das stimmte dann auch. Nach “Rocker”, was soll man da dann auch machen? Noch mal einen zweiten “Rocker”, das ging ja nicht.

De:Bug: Besser nicht.

Roman: Und wir haben es ja auch nicht versucht. Dann ging es um eine andere Grenze, die man sprengen wollte.

De:Bug: Wo genau seht ihr die?

Jörn: Bei “Pleasure Island“ z.B. gibt es so eine Fußballtröte. Wir hatten angefangen mit Kungfu-Samples, und es hat noch irgendwas gefehlt und da dachten wir uns: eine Hupe! Und dann sind wir zu Karstadt und haben erst mal eine Hupe gekauft. Auf dem Weg dahin war mir schon klar, dass es mit dem Album einen anderen Weg gehen würde.

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De:Bug: So viele offensichtliche Samples gibt es auf dem Album aber nicht.

Roman: Eigentlich nur bei zwei Stücken. Viel ist am Sampler geschraubt, oder mit eigenen Sounds gemacht, Synthesizern.

De:Bug: Es ist irgendwie ein einfaches Album. Nicht viele Sounds, und die auch nicht um so viele Ecken gedreht. Aber trotzdem ist es ein ziemlich irres Album geworden. Sehr schräg.

Roman: Das hat uns gereizt. Man beschäftigt sich ja nun auch schon so viele Jahre mit Musik und Clubs und all dem, was man da so erlebt. Und auch an Mikrotrends hat man die letzten Jahre ja mehr als genug miterlebt und hat ein paar Sachen gehört, bei denen man dann doch noch das Gefühl hatte aufzuhorchen. Dubsided, Switch, Made To Play, Dirty Bird und solche Sachen z.B. Gerade aus England, wo dann noch etwas Humoristisches reinkam und es eben nicht darum ging, 15 Stunden Afterhour zu feiern. Sondern da geht es um den Moment schlechthin, und der kann auch nur noch eine halbe Stunde dauern und die Party rockt trotzdem. So jedenfalls kam es mir vor. Und warum sollte man das selbst nicht auch mal probieren.

De:Bug: Das Album klingt auf so eine entspannte Weise frisch, fast so wie eine erste Technoerfahrung. Ein “Wir machen das jetzt einfach mal!“. Egal ob es jetzt in all das hereinpasst, was so passiert.

Roman: Genau das sollte es auch sein. Es sollte gerade nicht hereinpassen. Nicht das nächste Mathew-Johnson-Album werden, oder Minimal-Trance …

Jörn: Oder sich nach drei bestimmten Maschinen anhören. Auch wenn das – wie bei Robert Hood – schön sein kann, wenn es so ganz homogen ist. Wir haben zwar auch ein paar Lieblingsinstrumente, aber irgendwann hatte ich mir z.B. ein paar Pixar-Filme angesehen und festgestellt, dass die Geräusche, die da gemacht werden, fast spannender sind als alles, was ich in der letzten Zeit auf irgendwelchen elektronischen Platten höre. Und da haben dann langsam die Alarmglocken geläutet.

Roman: Wobei es natürlich auch kein Geräuschalbum geworden ist. Die Samples sind ja nicht so im Vordergrund. Wir haben zum ersten Mal seit Jahren wieder viel mehr Wert auf Basslines gelegt. Bei “Fuckingham Palace” sind z.B. Drum-and-Bass-Anleihen drin, subsonische verzerrte Bässe. Es hat einfach einen riesen Spaß gemacht, einfach Bleeps und Bässe zu nehmen.

De:Bug: Das ist auch eine der Referenzen, die beim Hören als Erstes auffällt. So frühe 91er Platten aus England, als es noch nicht wirklich Breakbeat war, aber auch nicht wirklich Techno. Eher der Versuch von Engländern, einfach mal Techno zu machen. Bei denen lauter skurrile Dinge herauskamen, die man sonst nie wieder gehört hat.

Jörn: Wir haben für BBE neulich eine Compilation zusammengestellt und hatten uns unsere Lieblingsplatten vorgespielt und kamen auch immer wieder auf sehr witzige Tracks. Sachen wie Plug z.B., die sehr durchgeknallt waren, und haben uns frisch Dinge wieder angehört, die so lange her waren. Wobei uns auffiel, dass es mit absurden Produktionen in der letzen Zeit völlig aufgehört hat. Das hat uns noch mehr dazu bewogen Gas zu geben und ein paar Dinge noch mal besonders zu übersteuern.

De:Bug: Es ist halt seit ein paar Jahren schon so, dass alles Richtung Sounddesign driftet. Alles muss immer gut gemacht klingen, alles besonders sauber, schön, kleinteilig sein. Es ist immer das Schwerste, alberne Tracks zu machen, die nicht blöd sind.

Jörn: Es soll ja auch nicht immer nur lustig sein. Erst mal muss es Sinn machen. Und dann muss der Moment kommen, an dem es wegkippt. Das ist das Schönste.

Warum eigentlich live?

De:Bug: Zehrt das vielleicht auch von Livesets?

Roman: Naja, wenig, denn wir haben ja unser Liveset in den letzten zwei, drei Jahren fast nicht verändert. Wir haben es eisenhart durchgespielt.

De:Bug: Ganz schön krass.

Roman: Ja, natürlich ist das krass. Aber das lag auch daran, dass wir unglaublich oldschoolig veranlagt waren, keinen Laptop mithatten und sehr unflexibel waren, was den Sequenzer betraf. Jetzt hat es also keine Rolle gespielt. Viel wichtiger war das, was sich um einen herum im Club verändert hat. Die Sachen, die einen woanders hintragen konnten. Was vorher für mich z.B. so war, wenn ich Ata habe auflegen hören. Es gab diese Phase im Robert Johnson, wo eine Ursuppe am Start war, die letztendlich auch “Rocker” mit kreiert hat. Jetzt waren das ganz andere Einflüsse. Humor ist ja heikel. So schwierig es auch sein mag, wirklich deepe Musik zu machen, ernste oder harte fällt uns immer leichter. Etwas tun, was die Leute glücklich macht, ist aber die wirkliche Herausforderung, ohne dass es “Crazy Frog” wird.

De:Bug: Oder minimaler Trancekitsch.

Jörg: Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir beim letzten Liveset oft gesagt habe, dass mir was gefehlt hatte. Wir waren da oft an einem Punkt, an dem ich mir dachte, darüber kann man jetzt eigentlich noch viel weiter hinausgehen. Gerade bei “Rocker”, das bei vielen Leuten ja das absolute Highlight war, war für uns eher ein Schleusenöffner, mit dem man so viele Leute in einen Zustand gebracht hatte, nach dem noch viel mehr hätte gehen können, aber dann hatten wir nichts draufsetzen können.

De:Bug: Da musste Christopher Just mit seinem Track “Popper” her!

Roman: Der hat es dann geschafft irgendwann. Wir haben jetzt am Wochenende zum ersten Mal unser neues Liveset gemacht und hatten keine Ahnung, wie die Leute reagieren würden, weil keiner kennt ja irgendwas bislang, außer ein paar Leute “Why Not?”. Und wir waren verblüfft, weil es gerade mit den neuen Einflüssen und anderen Sounds so wirkte, als wären die Leute dankbar, mal woanders hingeführt zu werden und überrascht zu werden. Das war ein Supererlebnis. Wenn das in die Hose gegangen wäre, hätten wir die Tour absagen müssen.

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De:Bug: Erst mal ein Jahr nach Thailand.

Jörn: Wir hätten keine Interviews gegeben. Wenn die Kindermelodien und Bleepgeschichten so ins Leere laufen, das hat den Leuten einen wahnsinnigen Spaß gemacht. So wie mir früher bei Shut up and Dance z.B. Die totale Kindermelodie- und Tranceverarschung. All das waren Momente, wo man sich irre gefreut hat. Und die Leute sind genau darauf abgefahren. Das war gut.

De:Bug: Aber trotzdem ist das Album richtig Techno.

Jörn: Absolut.

Roman: Was anderes können wir ja auch nicht so richtig.

De:Bug: Ordentlich zum Losmarschieren.

Roman: Auf dem Livekonzert am Samstag kamen auch wirklich einige hinterher und meinten: Endlich mal wieder richtig Techno gehört! Da fragt man sich doch, als was zählt so eine Veranstaltung sonst mittlerweile?

De:Bug: Minimal.

Roman: Kann sein.

Jörn: Teilweise liefen da viele Platten, bei denen man dachte, das ist immer die Gleiche. Immer das gleiche Feeling. Was mit unserer Platte überhaupt nichts zu tun hat und einen auch manchmal nachdenklich stimmt, weil man denkt, wo um alles in der Welt ist man da eigentlich gerade angekommen? Auf was für einem Planeten bewegt sich diese Geschichte. Aber viele Leute denken sich vielleicht mittlerweile auch, ach, da kommt Alter Ego, dann kommt was Verrücktes, und vielleicht ist dann auch so eine gewisse Offenheit da. Kann man nur hoffen.

De:Bug: Der gute alte House/Techno-Gegenpol hat sich irgendwann wirklich mal aufgelöst in Elektro und Minimal.

Roman: Und deshalb ist die neue Platte auch vor allem eins nicht, nämlich keine Elektroplatte. Wir wurden ja mit der jüngeren Generation von Elektro total assoziiert. Die Compilation, die wir für BBE zusammengestellt haben, heißt immer noch “Kings of Electro”. Die teilen wir uns absurderweise mit Trevor Jackson. Trevor macht pre-90s, wir post-90s. Aber wir waren noch nie Post-90s-Elektro. Da haben wir lauter alte Detroit-Platten draufgepackt, Transmat, Fragile.

Jörn: Es gibt ja auch total verrückte Planet-E-Platten. Die heute gar keiner mehr kennt. Viele Leute denken ja: Oldschool, total langweilig. Stimmt gar nicht.

Roman: Der Elektrobegriff ist für uns jedenfalls völlig abgefrühstückt. Das lässt sich mit uns einfach nicht mehr überein bringen.

Warum es nicht mehr rockt

De:Bug: “Rocker” kam halt einfach genau in die Zeit und war für Elektro als Ganzes auch noch mal ein ziemlicher Anschub.

Jörn: Obwohl es ja eigentlich eine Rock-and-Roll-Persiflage war, so wie jetzt viele Stücke eine Techno-Persiflage sind. Aber das hat damals einfach kaum einer gerafft. Viele Elektrosachen damals bis jetzt waren einfach auch nur ein Klischee, das einem so vorkam, als hätte eine Rockband keine Ideen mehr gehabt und sich mit Ableton dann einen eigenen Dancemix gebastelt. Die Clash-Basslinie war dann am Ende noch drin, aber irgendwann war alles gleich. Und “Rocker” war eigentlich mal eine Acidnummer.

De:Bug: Der Sound ist jetzt erst so richtig wieder weg.

Roman: Und mittlerweile ist er bei Justice angekommen, die ja immerhin in Amerika als erste europäische Technoband damit den Durchbruch geschafft haben. Wo wir gar nicht mehr weitergearbeitet haben, haben die mit Ed Banger konsequent ein nächstes Level erreicht. Hätten wir eigentlich auch mal machen können.

De:Bug: Ach, verdammt.

Jörn: Naja, wir sind ja auch keine 19 mehr. Da wird das von der Vermarktung bestimmt schwieriger. Da dachte sich halt wer, die nächsten Daft Punk lassen wir uns nicht durch die Lappen gehen. Ihr wart auch die einzige Zeitung, die gegen die Platte gesteuert hat. Die sind jetzt sogar “Platte des Monats” beim Musikexpress. Das Fachblatt schlechthin. Fehlt nur noch die Rolling-Stone-Titelseite. Der Witz ist halt, die Singles sind richtig gut, aber als Album funktioniert das überhaupt nicht. Und wenn dann noch Gesang dazu kommt, Rap oder Pop, das geht dann völlig an dem vorbei, was es mal war.

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De:Bug: Bei einigen Tracks eures Albums dachte ich mir, ein wenig Stimme hätte kommen können.

Roman: Wir hatten nur ein Stück, bei dem wir uns dachten, da könnte man Vocals machen. “Gary”. Ata hatte sofort ein paar Namen parat.

Jörn: Bei Phil Oakey oder Robert Smith anrufen.

De:Bug: Bei Gary Newman.

Roman: Das war natürlich der Kandidat Nr. 1. Endlich mal sein Comeback anleiern.

Jörn: Da hätte ich lieber bei Gary Glitter angerufen.

Roman: Wir selbst haben es nicht so mit dem Gesang.

De:Bug: Bei euch hätte ich auch nicht an richtige Vocals gedacht, sondern an irgendetwas aus Stimme.

Roman: Das ist uns wieder nicht gelungen.

De:Bug: Ihr spielt jetzt mehr mit den Tracks rum, wenn ihr live spielt, oder? Denn dafür bieten die sich ja extrem an.

Roman: Du kannst halt alle Sachen sezieren und neu arrangieren, und genau das hat jetzt auch riesen Spaß gemacht. Die Stücke in sich zu verkehren, Parts extrem zu verkürzen, schnell zu loopen.

Jörn: Das ist für uns auch eine neue Welt. Die letzten Auftritte, die wir gemacht hatten, waren schon fast wie ein Rockkonzert. Ein Stück gespielt, nachgeladen, Applaus, und dann das nächste. Das hat zwar auch was, weil das Stück selber als arrangiertes sehr im Mittelpunkt war. Jetzt können wir aber alles viel mehr verschmelzen und das hat für uns einen neuen Reiz. Wir müssen natürlich aufpassen, dass wir da kein DJ-Set draus machen. Dass es nicht zu verschmolzen ist.

De:Bug: Aber dafür habt ihr zu viele klare Elemente.

Roman: Ja, die Stücke haben auch immer sehr wenige Spuren. Das ist schon eine sehr klare Sprache. Auch wenn man die Möglichkeit hätte, das alles total aufzubretzeln, es laufen meistens, wenn’s hoch kommt, acht Spuren, die einfach im richtigen Winkel zueinander laufen.

De:Bug: Und eine Hookline jagt die nächste.

Roman: Ja, die Hookline, die ist ganz wichtig. An der arbeiten wir ja schon seit dem letzten Album. Etwas zu haben, an dem wir uns immer festhalten können. Beim neuen Album ist das natürlich viel extremer. Gerade auch was die Bleeps und Kleinstmelodien betrifft, die stehen sehr greifbar vor einem und verstecken sich nicht.

Warum zu Hause da ist, wo das Herz ist

De:Bug: Chicago ist auch so ein Punkt. Manchmal denkt man sich, das klingt wie Dance Mania immer hätte klingen sollen.

Roman: Da kommt auch der Aspekt hinein, dass Dance Mania oft genug total kranke und lustige Sachen gemacht hat. Sachen, die man damals – du ja nicht, als größter Dance-Mania-Fan Deutschlands, aber viele andere – nicht so gut fand. Bei “Chicken Shack” zum Beispiel, wo es irgendwann ein wenig gestört wird, nervig, krank, auch hysterisch zwischendurch. Und so eine Bassdrum, die unten herum doch noch alles ausfüllt. Das ist natürlich ganz klar Chicago. Wenn man sich da aber nicht irgendwann mal mit beschäftigt hätte, würde man heute vielleicht nicht darauf kommen.

Jörn: Dass man einfach mal total verrückte Sachen und auch irgendwie minimalistische Sachen wagt, nahezu ohne Effekte auskommt, war eine der Ideen bei dem Album. Meist haben wir einen Effekt, ein Spaceecho oder so. Alles, was größer oder digitaler ist, nehmen wir am Ende dann doch wieder raus.

De:Bug: Habt ihr das Gefühl, dass “Why Not?” ähnlich was lostreten wird wie “Rocker”?

Roman: Das wäre natürlich ganz schön vermessen.

Jörn: Und die Melodie fehlt.

De:Bug: Die Melodie fehlt?

Jörn: Na gut, wenn du das als Melodie bezeichnest.

Roman: Die Melodie geht einfach steil bergab in den Tönen, das war immer schon ein Garant dafür, dass es kein richtiger Hit wird. Der Wiedererkennungswert ist allerdings sehr hoch. Doch die Crossovertauglichkeit ist nicht so groß.

Jörn: “Rocker” wollten ja zuerst viele nicht spielen, weil da keine richtige Bassdrum drauf ist. Da kamen viele an und meinten, was ist denn jetzt los? Habt ihr die Bassdrum einfach vergessen? Soll ich die da druntermischen oder wie stellt ihr euch das vor?

De:Bug: Aber beides sind Ausnahmetracks, man legt es auf und die Leute wissen ganz genau, jetzt ist der wichtige Moment auf der Party.

Roman: Das hat uns auch Sven Väth erzählt. Weil es so ein Festivaltrack ist. Das scheint sofort vielen Leuten Freude zu bereiten, das war bei “Rocker” auch so. Selbst bei großem Publikum funktioniert das irgendwo. Aber England ist schon wieder hellhörig.

Jörn: Bei “Rocker” war damals ja die Idee, wir gehen weg vom Ravetechno und machen mal ein paar Stücke für das Robert Johnson. Was Langsameres, was so in das Ambiente des Clubs passt, und dazu kam, dass Ata damals so gerne Stücke von Human League aufgelegt hat. Und daraus ist dann unser größter Ravehit geworden.

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De:Bug: Und jetzt macht ihr einen Ravehit und es wird ein Ravehit.

Roman: Das wäre natürlich auch super.

Jörn: Oder wir machen mal einen Ravehit, und der wird dann endlich auch mal im Robert Johnson gespielt. Wir werden es erleben. Der Remix, den wir bekommen haben, von Joakim, ist jedenfalls phantastisch.

Roman: Der hat sogar noch viel mehr Humor bewiesen als wir. Die Franzosen haben doch mehr Humor.

Jörn: Da sind so viele Ideen und Loops drauf, damit könnte man ein halbes Album machen. Nicht wir vielleicht, aber ein geschickter Produzent, der alles etwas minimaler macht.

De:Bug: Was hat es mit dem letzten Stück auf sich? Was soll mir “Welcome To Germany” sagen?

Jörn: Auch ein Leierkasten kann psychedelische Wirkung haben.

Roman: Das ist nur, um am Schluss für all die, die es bis dahin noch nicht verstanden haben, klar zu machen, dass wir nicht bierernst sind, sondern man über sich selber schmunzeln kann. Vor allem, wenn man das vorletzte Stück durchgestanden hat, soll das noch so eine Erholung sein, bevor der CD Player endlich aufhört.

Jörn: Du wolltest das doch immer “Schwarz, rot, geil” nennen.

Roman: Ja. Das wäre vielleicht zu …

Jörn: Vielleicht noch eine Spätfolge der Fußball-WM.

Roman: Wir wollen ja nicht zu politisch sein jetzt, aber natürlich muss man auch hier über sich lachen können, und zwar sehr laut. Und Techno ist manchmal eine ganz schön bierernste Geschichte.
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Elektronische Lebensaspekte.