Soundwelten krachen aufeinander und vermischen sich. Der Kampf ist vorbei. Der neuen Ausgeh-Generation ist es egal, ob sie House oder Techno hören, Hauptsache es wummert und knistert schön. Alter Ego haben erkannt, dass sich der Beat verändert hat und knallen auf den klassischen Rave 'ne saftige Brise Rock. Das kickt!
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 82

Beat-Transphormer
Alter Ego

Acht Jahre ist es her, dass sich Roman Flügel und Jörn Elling-Wuttke, die Frankfurter Elder Statesmen des Techno, als Alter Ego dem Albumformat gewidmet haben. Acht Jahre, in denen sie mit ihren unbarmherzig klöppelnden und sägenden Livesets eben so viele Raverherzen wie -hirne von Ibiza bis Frankfurt/Oder zum Schmelzen gebracht haben. Mit “Transphormer”, ihrem dritten Album, schlagen sie jetzt eine neue Richtung ein. Noch immer auf Rave-Tuchfühlung, haben die beiden den klassischen Technobausatz aus dem Studiofenster geworfen. Roman Flügel und Jörn Elling-Wuttke über die neue Offenheit, frische Begeisterung und den späten Segen von Electroclash.

DeBug:
Euer neues Album knarzt und rockt und der Groove ist so kantig, dass man es eher in einem Set zwischen Tiefschwarz und Black Strobe einordnen würde als, sagen wir, einem klassischen Techno-Set. Erst zum Ende des Albums hin nähert ihr euch dem bekannten Alter-Ego-Sound an.
Roman Flügel:
Uns war irgendwann klar, dass wir kein klassisches Rave-Album machen wollen. Auch kein Technoalbum, das sich irgendwie noch in den neunziger Jahren befindet, sowohl bei der Soundauswahl als auch bei den verwendeten Maschinen. Gleichzeitig konnten wir diese Entwicklung, die sich in den letzten zwei Jahren vollzogen hat, weg von den klaren Genretrennungen, hin zu mehr Offenheit, zum Beispiel im Robert Johnson miterleben. Der Beat hat sich einfach verändert.
Jörn Elling-Wuttke:
Es stoßen wieder Welten aufeinander, die sich lange Zeit nichts zu sagen hatten.
Roman Flügel:
Für jemanden, der das Ganze schon etwas länger verfolgt, kommt zur Zeit sozusagen Freude auf, weil alles wieder viel offener gestaltet wird. Auch, was du abends im Club musikalisch für Möglichkeiten hast.

WEISSER FUNK

DeBug:
Auch bei euch scheint jetzt Rock wieder ein willkommener Wegweiser zum Rave zu sein.
Roman Flügel:
Rock geht als Bezugspunkt deswegen wieder, weil, wie gesagt, der Beat sich verändert hat. Die Leute haben wieder das Gefühl, dass sie angespornt werden, sich zu bewegen. Vorher hatte sich das über Jahre auf so ein Funkgefüge eingependelt. Jetzt plötzlich wird es leicht nu wavig oder fast schon steif. Weißer Funk. Viele versuchen zur Zeit von dieser Adaption, die ja immer aus Amerika kam, wegzukommen. Und jetzt sind wir wieder bei Joy Division angelangt (lacht).
Jörn Elling-Wuttke:
Bei unserem letzten Sensorama-Album hatte es schon so komisch angefangen zu rocken. Zwar noch so Krautrock-mäßig und vor allem über Störgeräusche, aber das Thema war da schon da. Jetzt ist das viel klarer geworden.

DeBug:
Euer letztes Alter-Ego-Album ist mittlerweile auch schon sieben oder acht Jahre alt.
Roman Flügel:
Dementsprechend hat sich aber auch alles verändert. Zwischen den ersten beiden Alben und jetzt ist natürlich eine Menge Zeit vergangen und mittlerweile ist der Name zum Programm geworden – es hat einfach nichts mehr miteinander zu tun.

DeBug:
Habt ihr so lange gewartet, bis die Offenheit, auch bei euch selber, wieder da war, etwas ganz Neues, Aufregendes zu machen? Alter Ego neu erfinden?
Roman Flügel:
Uns ist auf jeden Fall erst in den letzten ein, zwei Jahren bewusst geworden, dass wir dazu in der Lage sein könnten, das wieder mal zu machen. Hinzu kommt natürlich die Erfahrung mit den Remixen. Denn das waren eigentlich für Alter Ego in den letzten drei, vier Jahren die entscheidenderen Platten. Wir haben ja in den letzten sieben Jahren nur drei Maxis rausgebracht. Und die Remixe haben dann viel klarer werden lassen, wo Alter Ego hingehen kann. Das waren immer Möglichkeiten, Sachen auszuprobieren, die man sich normalerweise nicht für sich vorstellen kann. Man bekommt Sounds geliefert, teilweise Vocals, und über diese fremden Sounds kommt man ganz woanders hin, als wenn man an eigenem Material arbeitet. Uns hat diese Erfahrung extrem geholfen.
Jörn Elling-Wuttke:
Wir haben für das Album dann auch bizarre alte Industrial-Platten zum Sampeln rausgekramt. Aber auch Stör- und Dubgeräusche. Diese Sounds als Ausgangspunkte haben uns dann gleich in andere Richtungen denken lassen. Da mussten wir unsere übrigen Sounds ganz anders zurechtbiegen, damit das alles zusammenpasst. Es ging weniger um einzelne Sequenzen oder Loops, auf die man sich konzentriert und aufbaut, sondern ganze Soundwelten, von denen wir uns haben inspirieren lassen. Es wird bald auch einen Alter-Ego-Remix von Psychic Warriors of Gaya, einem alten Technoklassiker, geben, der soundmäßig viel mit unserem neuen Album zu tun hat …
Roman Flügel:
… und dann gibt es schon die nächste Stufe, das ist ein Remix von Black Strobe, der weit über das Album hinausgeht. Da hatten wir schon wieder den Eindruck, dass das eine Sache ist, an der wir uns festbeißen müssen. Diese Remixe sind einfach teilweise super entscheidend.

LOSSCHRANZEN ÜBER GRÄBEN HINWEG

DeBug:
Was ist jetzt anders, als noch vor ein paar Jahren?
Roman Flügel:
Es gibt zur Zeit eine neue Energie, einen neuen Schub. Vielleicht auch deshalb, weil der Grabenkampf zwischen House und Techno zu den Akten gelegt wurde. Leute, die heute ausgehen und teilweise ja entscheidend jünger sind als wir, interessiert es nicht, ob das, was sie hören, jetzt Techno oder House ist. Und das ist wunderbar. Da wurde die letzten Jahre noch mal so richtig losgeschranzt …
Jörn Elling-Wuttke:
Oder der Glaubenskrieg zwischen Berlin und Frankfurt ..
Roman Flügel:
Genau. Das ist vorbei. Es gibt wieder eine neue Generation, die findet es spannend auszugehen, und wir alten Säcke finden das natürlich auch wieder toll. Auch als DJ ist es eben viel eher möglich, Sachen zu spielen, mit denen keiner gerechnet hat. Und da war dieses Rockding der Schleusenöffner. Dieser andere Beat. Man kann ja davon halten, was man will, aber die Verstörung, die durch den Electroclash-Hype in die Szene kam, hatte auch ihre guten Seiten. Natürlich gab es eine Menge Scheißtracks, aber trotzdem hat es schön verstört. Und das war und ist gut so. Als das losging, habe ich erst mal zwei oder drei Monate gebraucht, bis ich das kapiert habe. Am Anfang habe ich mich auch mit Grauen abgewendet.

DeBug:
Macht ihr eigentlich ein Video zu “Rocker”, dem Album-Opener und wohl unbestrittenen Hit?
Roman Flügel:
Wird es geben. Wir machen das wieder mit dem Michel Klöfkorn und Oliver Husain, die für Sensorama die drei Videos gemacht haben. Und da ja eigentlich jetzt die letzte Plattform, auf der man ein Video von uns sehen könnte, weggebrochen ist, haben wir auch da gesagt, volle Freiheit. Macht, was ihr wollt, und lasst es ordentlich eskalieren. Wir werden das dann wahrscheinlich auf einer CD unterbringen oder auf die Webseite stellen. Das ist eigentlich eine sehr angenehme…, es ist ein Umbruch. Man muss sich über manche Dinge keine Gedanken mehr machen, die eh nur so pseudoindustriell waren. Vor ein paar Jahren gab es immer wen, der einem zuflüsterte, hier und da müssten noch Vocals mit drauf und von diesem oder jenen Track müsste man unbedingt ein Video machen. Das ist mittlerweile alles Schall und Rauch. Das finde ich ganz angenehm. Es reduziert sich aufs Wesentliche gerade.

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Elektronische Lebensaspekte.