Text: Silke Schnellhardt aus De:Bug 86

Der salonfähige Rand

Neuigkeiten aus Karlsruhe! Vom Bundesverfassungsgericht? Nein. Vom ZKM? Nein. Aber aus der kleinen, feinen Musikecke! Und zwar das erste Album des Projektes Âme, mit dem die Musikecke schon fast komplett wäre, nachdem wie wir Karlsruhe aus der Ferne einschätzen. Hinter Âme verbergen sich Kristian Beyer und Frank Wiedemann, die seit fünf Jahren zusammen Musik machen.

Rückblick: Ganz langsam und ohne Eile haben die beiden Karlsruher in der vergangenen Zeit zwei Maxis rausgebracht, bevor jetzt ihr erstes Album erscheint. Kennen gelernt haben sie sich in Kristians Plattenladen und während einiger Gigs. Eigentlich sind sie aus ganz unterschiedlichen Lagern. Frank kommt ursprünglich vom Jazz und fühlte sich immer mehr den Parisern Chateau Flight, John Tejada, Jazzanova und dem West-London-Sound von IG Culture verpflichtet. Kristian ist eher ein alter Detroit- und New-York-House-Fan. Seine Steckenpferde sind Underground Resistance, Carl Craig, Blaze und Metro Area. Mittlerweile sind die musikalischen Unterschiede der Karlsruher nicht mehr so groß. “In den letzten Jahren ist das nicht mehr so, es hat sich alles einander angenähert, man ist offen für den anderen”, erzählt mir Kristian am Telefon.

Mit ihren Einflüssen stellen sich die beiden Produzenten an den äußersten Rand der Nu-Jazz-Rampe. Spätestens seit Jazzanovas “Days To Come” wird es immer salonfähiger, ganz tief in die Detroit-Oldschool-Kiste zu greifen und Jazzer-Virtuosität einen guten alten Mann sein zu lassen. Auf ihrer Compilation-CD führen sie diesen Entwicklungsstand in all seinen Facetten vor. Wenn man die Stücke darüber definiert, was sie nicht sind, könnte man jubeln: Sie sind nicht zu verspielt, verschonen den Hörer mit aufdringlicher Brasilperkussion, nerven nicht mit nichtssagenden Texten und lästigen Downbeat-Upbeat-Wechseln. Und man hat auch nicht zum Saxofonsolo geladen.

Âme:
Wir arbeiten schon wieder an einem neuen Album. Die Richtung wissen wir noch nicht so genau. Es ist immer schwer ein schlüssiges Album im Housekontext zu machen, denn es wird einem immer gesagt, da muss noch ein Down-Beat-Stück drauf und eins mit Gesang und noch ein HipHop-Stück. Das ist so ein Pseudokonzeptalbum, das wollen wir nicht machen. Wir wollen das so machen wie immer, Sachen, die wir auch auflegen können. Vielleicht noch ein bisschen ruhiger. Aber es steht kein großes Konzept dahinter. Solche Konzepte scheitern oft. Wir lassen uns von neuen Sachen inspirieren und da kann es jeden Moment etwas anderes geben. Ich habe ja auch noch meinen Plattenladen und wir legen beide auf und achten auf das, was um uns herum passiert. Im Moment treffen wir uns drei mal in der Woche, das ist schon fast wie auf Arbeit gehen.
Was die Soundästhetik angeht, können wir uns im Moment ganz gut auf Pépé Bradock einigen. Ich persönlich (also Kristian, Anm.d.R.) finde den Lindstrøm noch sehr gut, der ist aus Norwegen und macht obskuren Diskohouse, ähnlich wie Daniel Wang, aber noch schräger.

Zum Glück verlieren Âme keine Zeit mit Liveauftritten – neben Plattenladen, Bauingenieurstudium, Designagentur und DJ-Verpflichtungen bleibt nicht mehr viel Zeit zum Produzieren – denn live wird doch einfach nur an Knöpfchen gedreht, das finden sie blöd. Dabei könnten sie gerade von Daniel Wang lernen, wie man mit einem Theremin wirklich lustige Sachen auf der Bühne macht.

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Elektronische Lebensaspekte.