Zehn Jahre American Analog Set. Auch wenn die Band mittlerweile über die gesamte USA verteilt lebt, und so mancher kein neues Album mehr erwartet hätte, ist "Set Free" ihre beste Platte ever, Filesharing machts möglich.
Text: René Margraff aus De:Bug 95

Eine Badewanne aus Vibraphonen
American Analog Set

Morr Music geht komplett Indiepop. Statt einer weiteren Shoegazerhommage gibt es dieses Mal aber Indiepop im US-Style. Auf einem Stück verbeugt man sich hier sogar vor den Erfindern des Slomo-Indies: Codeine. “Set Free“ von American Analog Set ist eine Platte, die Ihren Frieden gemacht hat. Und eine, die es schafft, vom Absurden ausgehend, Universales zu schaffen. So werden hier aus Songs über die Krisen katholischer Mädchen oder dem Fade Out von Beziehungen zwölf klar gewobene Popsongs mit Texten, die angenehm offen bleiben, platte Befindlichkeiten und bemühte Abstraktionen gleichermaßen vermeiden. Worum es da eigentlich mal ging, ist nebensächlich und wird aufgelöst. Mag sein, dass die Ausgangspunkte auf dem Papier zunächst traurig klingen. Was im Ohr ankommt, ist aber ein Mix aus warmen repetitiven Gitarrenmotiven, Farfisa-Drones, Vibraphon- und Rhodes-Tupfern. Zusammen mit den zurückgenommen gemurmelten Vocals von Andrew Kenny packt einen das weg und scheint wie die musikalische Entsprechung zur Flucht in die Badewanne.

Wie kommt eine Indieband wie American Analog Set zu Morr Music? Für das Label scheint es ja ein konsequenter Schritt zu sein und nach der Lizenzierung der “Home“ Split E.P. mit Benjamin Gibbard wirkt es auch recht nahe liegend. American Analog Set sind allerdings keine Newcomer, “Set Free“ ist schon ihr siebtes Album in 10 Jahren Bandgeschichte.
Andrew erklärt: ”Wir haben vor einigen Jahren mit Styrofoam gearbeitet und ich war ein großer Fan der ‘Blue Skied An’ Clear’-Compilation. Von daher kannte ich Morr Music schon recht lange. Auf dem letzten Styrofoam-Album ‘Nothing’s Lost’ habe ich auch gesungen und wir haben letzten Herbst ein paar gemeinsame Dates gespielt. In Berlin lernte ich Thomas (Morr) dabei persönlich kennen, wir sprachen über die ‘Home’ E.P., die er gerade für Europa lizenziert hatte, das neue Styrofoam-Album und Musik im Allgemeinen. Er hat ein tolles Label, klar, aber er ist vor allem auch eines: ein wirklicher Musikfan. Er wollte sofort unsere neue Platte hören. Dabei fühlte es sich so an, als würde ich mit einem richtigen Fan sprechen, der das Album hören möchte, nicht nur mit dem Kopf einer Firma, die zufällig mit Platten handelt. Als er Interesse bekundete, ‘Set Free’ zu veröffentlichen, hörte ich sofort auf, mit anderen Labels zu verhandeln. Ich wusste, dass er unsere erste Adresse ist.“
Mitte der 90er, als die Indiekids American Analog Set von ihrem Wohnzimmer in Austin, Texas aus “The Fun of Watching Fireworks” in die Musikwelt schickten, mussten sie sich zunächst wegen der Präsenz der Farfisaorgel immer wieder Vergleiche mit Stereolab und Yo La Tengo anhören. Spätestens 2001, als “Know By Heart” veröffentlicht wurde, hatten sie sich davon freigeschwommen, kürzere Songs mit schwebenden Vibraphon- und Fender-Rhodes-Motiven hatten die monotoneren Drones abgelöst. Andrew spricht gerne von verschiedenen Phasen des American Analog Sets. Solch eine wird wohl auch mit dem neuen Album “Set Free” beendet.
American Analog Set gehen demnächst auf ihre letzte große Welttour. Von manchen Mechanismen oder Routinen scheint man irgendwann die Schnauze voll zu haben, aber hinter einem Songtitel wie “Fuck this, I’m leaving“ steckt laut Andrew lediglich ein “badass name“. Keine Abkehr oder Flucht also, obwohl “Set Free“ im direkten Vergleich zu “Know by heart“ und “Promise of Love“ etwas weniger rockig wirkt, etwas in sich gekehrter. Manche Songs klingen schüchterner, jeder Ton scheint genau überlegt platziert zu sein.
Andrew: “Alles am neuen Album war anders. Die Art, wie es geschrieben, geprobt und aufgenommen wurde, wirklich alles war anders. Teilweise musste es anders gemacht werden, da ich mein Homestudio in Austin nicht mehr habe und wir inzwischen in unterschiedlichen Städten wohnen. Teilweise war es aber auch eine ganz bewusste Entscheidung, um einen anderen Klang zu realisieren. Das Album ist das Ende einer Reihe. Einige Stories begannen auf ‘Know By Heart’, wurden auf ‘Promise Of Love’ weitergesponnen und enden nun. Musikalisch gesehen ist es das, was unsere Band am besten kann. Eigentlich ist es das, was ich mir bei den beiden vorhergehenden Alben immer gewünscht hatte. Vielleicht haben uns diese beiden Alben ja beigebracht, wie wir ‘Set Free’ machen müssen. Was das Introvertierte anbelangt, kann ich nur sagen, dass die beiden Vorgängerplatten sich um Herzensangelegenheiten drehten, das Ende dieser Geschichte ist aber eine einzelne Person. Verliebt, aber alleine.“

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Elektronische Lebensaspekte.