Der "Oddo" und die Pappen, eine wahrlich kreative Kombination. Der gebürtige Amerikaner mit germanischen Wurzeln vertont Schnipselschnittigkeit mittels zerbrochener Knäckebrotfragmente und gibt ansonsten ganz das Indieskaterkid.
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 68

Otto von Schirach
Ruppiges Mucken

Froh über den eigenen Namen darf man bei vorhandenener Einzigartigkeit getrost sein. Otto von Schirach (OvS) ist es auch. Das liegt aber nicht an den familiären Nazibanden. Der Verwandschaft zum “Chef-DJ der Hitlerjugend” (Anton Waldt) Baldur von Schirach. Nein. In seiner Hispanic-Hood in Miami gab es niemanden, der einen so ausgefallenen Vor- und Zunamen wie er hat. Schirach ist nicht Alvarez oder Vasquez oder Sanchez, die Müller und Lehmanns und Meiers der Latinowelt. Den Vater, also den Grosscousin des HJ-Chefs, hat er einmal im Monat gesehen. “Ich bin kein Nazi. Er war es, der Grosscousin meines Vaters. Ich habe jüdische Freunde, veröffentliche Musik auf dem Label eines jüdischen Freundes. Meine hispanische Nachbarschaft hat mich mehr beeinflusst als mein Vater. Die Dinge, die mit meinem Namen verknüpft sind, sind böse, aber es gibt auch andere Dinge, die böse sein können. Jeder fragt mich nach meinem Namen, immer wenn ich reise.” Der Name begleitet ihn abseits der Heimathood. Da erscheint es auch als Treppenwitz, dass der gute Otto am Tag der Einheit alljährlich Geburtstag feiert. Dass Otto aber so ruppig muckt, liegt folglich nicht an den von de:bug-Schreiberlingen vermuteten provomäßigen Teutonen-Wurzeln.
Dezember. Berlin. NBI. Ist es wieder schick, Touristentshirts schlabbern zu lassen? Boah, nee. War das schon mal schick? Diese Logos und Städtenamen in Ornamenten mit giftig leuchtenden Grün, Gelb, Rosa, Pink. Wenig minder bunt die tätowierten Unterarme. Haare auf Kurt-Cobain-Länge. Die Hosen richtig baggy. Postskatergrungepunkhiphopmidtwen. Das ist OvS für den aufmerksamen Beobachter, den man im amerikanischen übrigens so ausspricht: Oddo won Sherack. Alles klar? Irgendwelche Parallelen zu Personen der Zeitgeschichte? Ellen Alien und Miss Kittin flankieren das zehnminütig Mac-OvS-Set vinylig.
Kurz vor seinem Berlin-Aufenthalt spielte Otto noch vor 700 Leuten in Rennes, Bretagne: Jardienne Moderne. Auch das NBI ist voll. 3-D-Atmo aus Musik und menschlichem Gemurmel/Getuschel auf gleichem, sich in der Phonstärke abwechselndem Level. Lange-Nicht-Gesehen-Und-Doch-Erkannt-Stimmung. “I played for Ellen.” Sie hat dem geneigtem Hörer auf ihrem Weiss-DJ-Set-CD ja schon mal eine Kostprobe Sherack präsentiert. Ob das damals am gewitzt eckigem Labstyleeinfluss lag, sei mal unterstellt. “Berlin is more crazy. Ich wundere mich, wie Leute hier Musik machen. Miami hat eine große Szene, aber nicht so groß wie Berlin. Es ist nicht wegen der Music Conference. Die ist nur für die Majors. Ich würde da spielen, wenn ich einen Remix für Britney Spears gemacht hätte. Naja, die zahlen aber gut. Also nehme ich die Kohle und spiele doch.”
Otto macht es sich mit der Benennung musikalischer Einflüsse leicht: Hiphop, Hardcore, Freestyle. “And Mr. Bungle” (eine der Bands von Ex-Faith-No-More-Vokalist Mike Patton, die nicht ganz an die akzentfrei Kracher Fantomas heranreicht) – “they fucked my head up. Ich mag es mit den Lautsprechern zu arbeiten, den Sound laufen zu lassen, mit der Technik zu arbeiten.” Was dabei herauskommt, kann man dem Unwissenden am Besten so erklären: Man nehme etwa 100 Chorknaben, teile diese in zwei Gruppen. Der einen Gruppen drückt man Knäckebrot in die Hand und der anderen Fillinchen. Und dann knuspern die Sangeskünstler kanonmäßig an Wasa und Burger. Zwischendurch vielleicht noch eine Knusperflocke einwerfen. Das Geknisper und Geknusper wiederum wird dann verstärkt, verzerrt und komprimiert. Oddo hat das Ganze ohne Chorknaben hinbekommen. Ein paar Pappen haben gereicht – an Equipment technical, Soundgeschnätzel und Sampledatenbankselbstbedienung. “Acid was really big in Miami. Jetzt nehme ich es nicht mehr, aber es hat immer noch einen Einfluss auf meine Musik.” Soso.

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Elektronische Lebensaspekte.