Große Einzelgänger fehlen in Drum and Bass. Amit Kamboj lässt sich lieber von seiner indischen Herkunft inspirieren als von der Peer Pressure in UK irritieren. So befreit er Darkness von allen Missverständnissen in seinem Half-Time-Groove.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 104


Zukunft, subjektiv gesehen
Amit

Darkness. Ihr erinnert euch vielleicht noch. Vermutlich nicht. Aber Darkness war eine Bewegung in Drum and Bass, mit der diverse Male gegen Rave-Albernheiten gekontert wurde. Von allen. Mit Breaks, Soundscapes, mit eben diesem dunklen Gefühl, das ein Unwohlsein mit der Szene, die einen umgibt, ausdrückt, egal ob es das eigene Genre ist oder einfach nur der offene Blick um sich herum. Darkness wurde von Beginn an in Drum and Bass oft missverstanden und führte zu allerlei Albernheiten wie Horror Drum and Bass, vielleicht auch zu dem, was sich mittlerweile als Neurofunk völlig eingeknödelt hat in einen Sound, der sich seit Jahren kaum noch bewegt hat. Sobald Darkness eine Attitude wurde, dann war es immer vorbei. Wenn es aber der Anfang eines Weges zu einem neuen Sound war, dann ist Amit für mich einer der wenigen, die ich jetzt immer dort verorten würde.

Amit Kamboj gehört zu den Ausnahmeproduzenten in Drum and Bass. Aufgewachsen mit Beats von Source Direct und Photek, aber alles andere als vereinnehmbar in einer Retrobewegung zurück zu den komplexen Breaks oder anderen zur Zeit funktionierenden Strömungen wie Dub and Bass oder – bewahre – Liquid, zählt er auch zu den wenigen in Drum and Bass, dessen Sound man immer sofort erkennt. Als Half Time wurde sein Sound gerne umschrieben, weil er einfach anders grooved. Dem schwierigen Gerüst rings um 170 BPM begegnet er mit einem Groove, der sich irgendwo in der Hälfte festgemacht hat, obwohl seine Tracks alles andere als ruhig wirken. Aber anstatt auf Dub zurückzufallen, marschieren seine Tracks in eine viel gradere Richtung. Man mag seine indische Herkunft in seinem Namen, Titeln wie “Live In India” oder “Swastika” (ein Track, der in der eher stark linksgerichteten Szene von Drum and Bass in Europa zu etwas Verwirrung geführt hat, aber mit den Lyrics klar macht, wo seine Feinde sind), stärker musikalisch noch in “I’ll Hunt You” erahnen, aber – auch wenn das einen großen Einfluss auf ihn und seine Musik hat – der letzte Ort, an dem man seine Tracks hören dürfte, wären Ethnofusiondrumandbass-Veranstaltungen.

Seine beiden Mentoren, die er gerne erwähnt, sind Spirit und Klute, auf dessen Label Commercial Suicide jetzt auch sein erstes Album “Never Ending” erscheint, markieren tatsächlich sehr gut, auf welchen Sound er hinaus will: technisch raffiniert bis ins letzte Detail mit einem Sound, der ebenso viel von der Technologie, mit der er arbeitet, lebt wie bei Klute, vermutlich auch bedingt aus seiner Hacker-Vergangenheit, die ihn erst dazu gebracht hat, Musik zu produzieren, aber auch kompromisslos und hartnäckig in der Herangehensweise und sehr klar und eigenwillig im Sound, der sich nichts von anderen sagen lässt, wie Spirit. Dabei aber gehört Amit nicht zu denjenigen, die schon immer dabei sind, sondern hat erst 2001 seine ersten Releases als Tronic gehabt, ein Pseudonym, das er nach seinen ersten EPs ein Jahr später auf L-Plates, Inneractive und seiner jetzigen Labelheimat Commercial Suicide schnell aufgegeben hat. Er will sich nicht sagen lassen, was Drum and Bass ist, sondern lieber auf die Zeit zurückblicken, in der Drum and Bass alles war, vor allem offen. Vielleicht auch das ein Grund, warum er versucht, so wenig Drum and Bass wie möglich zu hören, denn Peer Pressure gilt da immer noch – auch wenn die letzten Jahre einen wirklich vom Gegenteil hätten überzeugen können – als Mittel vorwärts zu kommen.

Sein Album “Never Ending” besteht aus einem konstanten Flow von Tracks, einige davon kennt man von früheren EPs, der sich immer weiter in diesen rasanten, zurückhaltenden, sehr kinohaften Sound hineinsteigern, der zu Hause gehört wirken könnte, als wäre es ein pures Listeningalbum, aber im Club auf eine unerwartete Weise einen massiven Druck entfaltet. Genauso funktionieren auch seine Livesets. Man muss sich auf etwas einlassen, sich lösen von allem Drumherum, das man oft mit Drum and Bass verwechselt, und dann hört man wie eben zu den besten Zeiten von Metalheadz in Amits Sound die Zukunft. Aber eben nicht die eine, die für alle gilt, sondern seine Zukunft. Drum and Bass als Handschrift, als Signatur, das haben wir alle viel zu lange vermisst.

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Elektronische Lebensaspekte.