HipHop in der Rückführung auf sich selbst. Nur ein halbes Jahr nach ihrem hervorragenden letzten Album halten Ammoncontact nun mit "New Birth" inne und erzählen eine hybride Geschichte.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 94

Ammoncontact // New Birth – Wo der Groove versteckt ist …

Das neue Album von Ammoncontact lässt sich scheinbar übergangslos in den fast verklungenen Hype von independent HipHop-Produktionen einfügen, bei denen es darum geht, Grenzen zu erweitern oder völlig aufzuheben, indem man elektronische Produktionsmethoden heranzieht. Auf der anderen Seite ist dieses kleine Album aber ganz verschieden von solchen Herangehensweisen.
Ammoncontact kommen aus L.A. Das hat großen Einfluss auf ihren Sound. Diese Stadt ist schon seit eh und je ein Brennpunkt für wegweisende Produktionen. Nobody, Daedelus, Busdriver, das ganze Plug Research Umfeld, Prefuse 73 ist irgendwie auch wieder da. Und alle sind sie Freunde, wie Carlos Nino, Chef-Ammoncontacter, erklärt. Um einen genauen Einblick in die L.A. Abstract-HipHop-Szene zu bekommen, genügt erst mal ein flüchtiger Blick auf die obligatorische Dankesliste im Booklet.
Auf “New Birth” wird in neun Liedern eine Geschichte erzählt. Sie beginnt völlig unprätentiös, man fühlt sich erinnert an die Zeit Anfang der 90er, als Krush oder Vadim einen ganz bestimmten Sound prägten, der düster, gleichzeitig aber vital und urban war. Irgendwie langweilig, denkt man, aber irgendwas ist da mehr. Die Geschichte entwickelt sich dann über Funk-Referenzen und einmal darf kurz ein Rapper was erklären. Die Erzählung endet schließlich in fast reinem Jazz, gespielt von Build an Ark, einem anderen Projekt des Workaholics Carlos Nino.

Man muss weg von Definitionen, um dieses Album zu verstehen, eigentlich muss man weg von HipHop, um denselben wieder zu verstehen, und wenn Carlos hier lesen würde, dass ich seine Stücke verstehen will, fände er das gar nicht gut. Es geht ihm nämlich immer um den Vibe. Er wird ganz esoterisch beim HipHop-Erklären: Feeling, Funky, Freunde. Aber gerade die ersten Stücke sind doch minimalistisch, geradezu puristisch, oder nicht? “Minimalismus ist ein Wort, das oft in Verbindung mit unserer Musik gebracht wird, ich denke nicht, dass sie minimal ist, viele unserer Lieder grooven einfach, die Songs haben eben keine sehr komplexe Struktur. Es passiert aber eine Menge, du kannst den Groove durch die einfachen Strukturen hindurch fühlen. Durch den zurückhaltenden Aufbau wird eine Absenz entwickelt, die man vielleicht mit minimal übersetzen könnte, und in dieser Leerstelle entwickelt sich dann der Groove.” Er kommt also aus dem Nichtvorhandensein von hörbaren Vorgaben, und mit jedem Lied wird diese Bewegung im Kopf auch wieder in die Strukturen übertragen. Mehr Instrumentierung, mehr Dichte; die Elemente, die letztlich ja zu HipHop geführt haben, also Funk und Jazz, werden mit jedem Lied zurückgeholt, bis diese Öffnung HipHop als Genre praktisch ganz verschluckt hat und die vielen Musiker einfach nur noch spielen.
Es ist sicher nicht ultimativ originär, was auf dieser Platte passiert, aber gerade, dass es das nicht ist, macht sie eigentlich aus. Ammoncontact haben so ein unaufdringliches und in sich spannendes Album produziert. Bezeichnenderweise besteht Carlos ganz tüchtig darauf, die Musik von Anticon nicht zu kennen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.