Das größte europäische Branchentreffen der Dancemusik findet mittlerweile in Amsterdam statt. Stetig wächst seit sechs Jahren der Kommunikationsort für Labels, Producer, Booker und Promoter. Es war live und wir waren dabei.
Text: Mike Riemel aus De:Bug 55

1.200 Dance Checker around the Gracht
Amsterdam Dance Event

Neben Sonar, Popkomm, MIDEM und der Miami Winter Conference ist der Amsterdam Dance Event das zentrale Musik-Businessereignis dieses Geschäftsjahres gewesen. “Musik und Maschine” setzte in Berlin auf Qualität, Exklusivität, illustre Gäste und die Magnetwirkung der Loveparade. Musikmessen sind und waren dagegen ein schwieriges Thema, wie die im zweiten Anlauf fehlgeschlagenen EuroPopDays (95-96 in Freiburg), die London Music Week und dieses Jahr die Summer Music Conference (supposed to be Ibiza) zeigen. Schnell ist man unter der kritischen Masse. Und die Popkomm ist erstmals um fast 20% geschrumpft. Minus Wachstum / Rezession / Marktbereinigung / Bubble Burst waren die Metawords des Jahres. Jetzt Amsterdam: Tom Silverman (Tommy Boy), Daniel Miller (Mute Records), John Acquaviva (Plus 8), Ronald Molendijk (Soulvation) und Jeff Mills (Axis Records) sprechen über die Chancen und Prognosen im neuen Markt. Die Suche nach dem neuen Ding. Von HipHop über Elektro zu Techno and back again. Das am stärksten wachsende Marktsegment im Musikbereich sucht nach Überlebensmöglichkeiten, nach neuen Produkten, ‘the next big Thing’ und nach ‘the Future of Electronic Dance Music’ à la “Darf‘s vielleicht noch ein bisschen mehr Vocal Distortion sein?” Keiner spricht vom 11.9.

Die Panel
Jeff Mills moderiert – droht als Moderator – weil zu freundlich – wieder untergebuttert zu werden, steht auf, tritt vors Podium und hält den Gästen aka Fachbesuchern das Mic unter die Nase. Er reißt die Kluft zwischen Wise Ass und Dumb User auf und erhält 42 Super-Sympathie Punkte. Die Session mit Kodwo Eshun verfolgen wenige – zu intelligent vielleicht? zu viel Holodeck? – in jedem Fall aber ein Highlight in punkto Schulung zu Historie und Status Quo moderner Elektronika. Herbert, Matmos und Björk werden häufig referiert. Irgendwie alles sehr diszipliniert auf der Kommandobrücke.
Beim Demopanel wird analysiert und zerrissen. Die Tracks laufen eine Minute und dann muss alles klar sein. Nile Rogers (Chic) geht offensichtlich recht impulsiv an die Sache ran. Die Kommunikationshilfsmittel sind vielfältig. Die Veranstalter stellen eine Mailbox für jeden Registrierten, es können auf einigen Dutzend Tischen Demos auf kleinen Anlagen gehört werden und diese kursieren in Special limited ADE Editions, ‘unfinished Products’ ‘lastminute Tracks’ ohne Ende zwischen den vollbepackten Besuchern. Es wird gesignt, lizensiert und remixt auf Orgatoplevel. Neue Labels versuchen alten ihre Tracks zu lizensieren – das Sampler Geschäft, Rettung des ökonomischen Überlebens während der letzten drei Jahre, ist aber zusehends durch die Verfügbarkeiten des Internet bedroht. Neue Technologie wie Final Scratch Pro (siehe De:bug August 2001) werden präsentiert. Stanton hat sich dem Vertrieb angenommen im Versuch, Technics mit einem neuen Standard zu konfrontieren. Digital DJing. Leider fehlt der Traktor noch. Demnächst im neuen Interface Pinball (der Williams Traktor!). Wo ist das USB WahWah Pedal bitte?
Das Panel “Internet und Radio” mit dem Direktor des Radio Hollands, dem Geschäftsführer von Vitaminic Holland und dem Autor sowie einem kongenialen irischen Moderator ist dominiert von Horrorszenarien, ironischen Anekdoten, hyperkritischen ‘Business Modell’-Fragen und schweigenden EBU Repräsentanten, die geheimnisvoll ihr schwarzes Büchlein vollschreiben. DSL, Satelliten und Mobil Aps werden kommen. Das Pay-Kabel-TV im Hotel zeigt, wie on-demand abgerechnet wird – mit der Fernbedienung und der Kreditkarte. Live und umsonst die Abstimmung, dass Deutschland am Krieg teilnimmt.
Also was tun? 500 Gulden für eine Tasche, einen Komplettpass, die Unterlagen und dann hinfahren, mitmengen, checken und sehen, was geht? Auf jeden Fall ein Trip, der sich lohnen kann!

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Elektronische Lebensaspekte.