DIY-Pop von Grimes
Text: Michael Döringer aus De:Bug 161


Foto: Tommy Chase Lucas

Das neue Album der 23-jährigen DIY-Popperin Grimes aus Montreal ist erwartungsgemäß eingeschlagen wie eine Bombe. Leider wird die Rezeption ihres tollen, eigenwilligen Stil-Potpourris auf “Visions” durch halbseidene Kontexttheorie getrübt. Ein bisschen Entmystifizierung muss sein, deswegen haben wir uns ganz unspektakulär und gewöhnlich mit Claire Boucher unterhalten. Der Hauntology-Hype hat genau hier ein Ende.

Entwarnung an die Popkritik: Claire Boucher ist kein Gespenst, sondern eine junge Frau aus Fleisch und Blut. Sie kann reden und antworten, wer hätte das gedacht? Zwar lieben alle ihr neues Album “Visions”, doch scheinen die meisten enorm schief gewickelt zu sein. Man hätte doch mal nachfragen können, was es mit diesen Begriffen, die statt dessen überall affirmativ hingeschrieben werden, eigentlich auf sich hat. Stichwort Post-Internet: So hat Boucher angeblich stolz ihre Musik beschrieben. In Wahrheit ist das großer Blödsinn, für dessen treudoofe Übernahme wohl die Spezialwissensinstanz Pitchfork verantwortlich ist. Wer nach einem langen Jahr Retromania-Debatte Grimes’ WWW-gestützten, kombinationsfreudigen Rückgriff auf die Musikgeschichte als ganz neue Strategie schluckt und dafür ein auch noch semantisch irreführendes Konstrukt wie Post-Internet (it’s not over yet!) als zutreffend empfindet, der ist etwas zu sensationsgierig. Auch Grimes als Künstlerin hat ihr angestammtes Plätzchen in den Blogs trotz der neuen Liaison mit dem realen Musikgeschäft noch lange nicht verlassen, der große Erfolg verbrüdert sie eher noch enger mit ihrer Netzcommunity.

Nächstes Unding: Grimes wird händeklatschend in der Sparte Geistermusik (sic!) abgeheftet. Merke: Ein bisschen verhallte Romantik macht noch lange keine Hauntology. Das ist das Übel der Halbversteher, die Grimes und ihre Mitstreiter (ja wer denn eigentlich?!) auch noch eiskalt als “Hypnagogen” bezeichenen. Denn es ist ausschließlich absurd, so undifferenziert Hauntology und Hypnagogic Pop zusammenzuwerfen, beides synonym zu verwenden und die minimalen ästhetischen Bezüge, die Grimes zu diesen Konzeptsounds hat, als absolut zu werten. “Visions” schöpft nicht aus einer unheimlichen Vergangenheit, sondern aus Bouchers Musikbegeisterung und der Gefühlswelt einer talentierten Künstlerin. Hier spukt es nicht, sondern es menschelt, im besten Sinne. Ich sitze also neben der jungen Claire Boucher, wie viele vor und nach mir an diesem Tag. Ihre sonst expressive Haarpracht trägt sie heute in unauffälligem Braun und ihre Stimmung baumelt zwischen Eingeschüchtertheit und aufgedrehter Redseligkeit, immer hypernervös. Ich werde alles glauben, was sie sagt, das befiehlt mir ihr aufrichtiges, breites Grinsen.

Debug: Bist du aufgeregt?

Boucher: Ja! Ich werde bestimmt richtig dumme Sachen sagen, das passiert mir immer.

Debug: Magst du denn diese neue Aufmerksamkeit?

Boucher: Es ist ein bisschen beängstigend. Viele hören immer nur die extremsten Dinge, die man sagt, und das kommt dann immer wieder auf mich zurück. Es ist ein gefährliches Spiel, und es führt meistens zu öffentlicher Demütigung (lacht). 

Debug: Du und 4AD – perfekt, oder?

Boucher: Ich liebe das Label und war immer schon ein riesiger Fan. Als ich 14 oder 15 war, hörte ich zum ersten mal die Cocteau Twins. Das hat mein Leben verändert!

Debug: Den Schritt aus dem Underground zu einer großen Plattenfirma bereust du also nicht?

Boucher: Auf keinen Fall. 4AD geben mir auch den größtmöglichen kreativen Spielraum. Andere Labels, die mit mir arbeiten wollten, hatten verrückte Wünsche. Viele verlangten, dass ich einfach nur singe und einen Produzenten habe. Niemals! 

Debug: Bald kommt deine große Welttour. Spielst du eigentlich gerne live?

Boucher: Mittlerweile schon, aber bis vor kurzem war es noch echt schwer für mich, das emotional zu ertragen. Ich bin ziemlich schüchtern und introvertiert, und das hier ist eigentlich der schlimmste Job, den ich mir aussuchen konnte, haha. Aber: Es ist gut, Dinge zu tun, bei denen man sich unwohl fühlt und ängstlich ist. Weil man seine eigenen Grenzen immer weiter verschiebt. Ich bin psychisch viel robuster geworden dadurch, ich musste ein Selbstbewusstsein ausprägen. Hätte ich das nicht, würde ich daran zugrunde gehen.

Debug: Darüber bist du hinweg?

Boucher: Ich weine zumindest nicht mehr nach einem miesen Auftritt.

Debug: Man liest, du hast dich komplett weggesperrt während der Aufnahmen zum Album.

Boucher: Ich hielt das für die richtige Methode. Viele meiner Lieblingskünstler haben auch so gearbeitet.

Debug: Wer?

Boucher: Kafka! (lacht) Das klingt jetzt total prätentiös, ich weiß. Und ich habe meine Abschlussarbeit über Hildegard von Bingen geschrieben, die ein großes Vorbild für mich ist. Sie hat fast ihre gesamte Jugend in einem Kloster gelebt, und großartige Musik geschaffen.

Debug: Hast du auch im Kloster aufgenommen?

Boucher: Ich war natürlich nicht in einem dunklen Verlies angekettet! Ich habe nur meine Fenster komplett verdunkelt, mich in mein Zimmer gesperrt und es so gut wie nie verlassen. Und viel zu viel Amphetamine genommen, war fast ständig wach und bin halb verrückt geworden. Aber es hat Spaß gemacht, das war das beste, was ich jemals gemacht habe!

Debug: Klingt ziemlich bedrückend. Deine Platte macht aber eher glücklich.

Boucher: Das ist das Lustige daran: Musik ist meine Art, mit vielen scheußlichen Dingen klarzukommen. Es das einzige, was ich machen kann, damit es mir besser geht. Es ist wie ein Sicherheitsmechanismus. Und auf diese seltsame Weise wirkt meine Musik dann wohl tröstend, das tut sie ja auch für mich. Etwas zu erschaffen, ist das Großartigste, das ein Mensch machen kann, besonders etwas wie Kunst, die ja so unglaublich zwecklos ist. Ihr einziger Zweck ist, etwas Schönes zu kreieren. Mein Leben dreht sich gerade nur darum, die Welt schön zu machen, und das fühlt sich gut an.

Debug: Was sind deine konkreten Einflüsse? Ich höre auf Visions den düsteren Synthpop der 80er, aber auch viel schrille, groovige Popmusik aus den letzten 20 Jahren.

Boucher: Ich sauge definitiv viel in mich auf. Wenn ich Songs mache, habe ich zwar keine bestimmten Vorbilder im Kopf. Aber wenn ein Song fertig ist, dann höre ich fast immer andere Musik darin. Ich kann also ganz ehrlich sagen, dass ich den Einfluss von Outkast, Mariah Carey oder Enya auf meinem Album höre.

Debug: Enya?

Boucher: (haut auf den Tisch) Ihre Stimmtechniken, Mann! Es war eine Erleuchtung, als ich rausgefunden habe, wie sie das macht. Und ich wollte es genau so machen, weil es einen so Timbre-reichen Sound kreiert, so viele Stimmen gleichzeitig.

Debug: Fühlst du dich mit anderen Musikern von heute verbunden?

Boucher: Ich glaube, ich stehe in einem Dialog, bin in einer Art Szene. Ich rede viel mit anderen, und fast alles, was ich weiß, haben mir befreundete Musiker beigebracht. Wir haben die selben Geräte und Instrumente, und sie haben mir auch beigebracht, sie zu benutzen. 

Debug: Was sagst du dazu, dass dich viele als Teil einer Bewegung sehen, die vergangenheitsbezogene Konzeptmusik macht?

Boucher: Es gibt tatsächlich viel nostalgische Musik. Das, was ich und viele meiner Freunde machen, Doldrums oder How To Dress Well, empfinde ich wirklich als etwas Anderes und Neues. Wir versuchen, total unterschiedliche Dinge, die so oft als geschmacklos gelten, zusammenzubringen. Es ist so eine Sache mit dem Geschmack. Drum and Bass etwa hat einen miesen Ruf mittlerweile, aber eigentlich ist es doch richtig tolle Musik. Genau wie Enya oder Mariah Carey. Ich bewundere sie beide, obwohl sie allgemein als furchtbar gelten – Enya macht beschissene Hausfrauen-Musik, die Leute zum Dinner hören, und Mariah ist die alte Schlampe hinter den großen Möpsen. Tatsächlich haben aber beide unglaublich innovative Musik gemacht, die einfach ein verzerrtes Image hat. 

Debug: Es ist nicht ungewöhnlich, solches Material in einen neuen Kontext zu setzen, alle haben sich auf die Herrschaft von Retromania und Internet-Archiv geeinigt. Deshalb finde ich den Begriff “Post-Internet” absolut überflüssig.

Boucher: Ich wünschte, ich hätte das niemals gesagt. Das ist mir mal rausgerutscht und wurde aufgebauscht. Ich bin weder derart anmaßend, noch will ich für so einen unsinnigen Begriff verantwortlich sein. Er impliziert ja auch, dass es mit dem Internet vorbei sei. Wie auch immer – es interessiert mich, Dinge neu zu bearbeiten, die nie gewürdigt oder als “low brow” abgestempelt wurden. Etwas, das als purer Sex vermarktet wurde, auf sein Potential zu untersuchen, und zu erkennen, dass es Kunst ist! Mariah Carey ist Kunst, sie ist die beste Sängerin der Welt! Oder doch Enya?

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One Response

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