Auf Anders Ilars Festplatte hat sich tief der Geist seiner schwedischen Heimatregion Dalarna eingebrannt. Jetzt erscheint gleich ein ganzer Schwung an Platten voll mit seiner romantischen Naturliebelei mit Science-Fiction-Anschluss.
Text: Mats Almegård aus De:Bug 106


Techno

Im tiefsten Walde der Elektronik
Anders Ilar

Es hätte eigentlich nicht so werden sollen: drei Alben, fünf Maxis und etliche Remixes und Tracks auf verschiedenen Compilations. Und das alles innerhalb von ein paar Monaten. Anders Ilar scheint produktiver denn je, und dabei bewahrt er die tiefe melancholische Schönheit in seiner Musik.

Was kann man eigentlich gegen Verspätungen machen? Nicht viel, sie tauchen ständig auf und nur darauf kann man sich verlassen. Es gilt locker zu bleiben und alles ganz ruhig zu nehmen. Damit hat Anders Ilar gar kein Problem. ”Ich wollte schon viel releasen in diesem Jahr, dass aber alles innerhalb von ein paar Wochen kommen sollte, ist natürlich so nicht gewollt. Nun ist es aber so gekommen, und das ist mir auch recht. Meine einzige Hoffnung ist, dass die beiden kommenden Alben nicht in derselben Woche erscheinen, aber ich würde mich nicht allzu sehr wundern, wenn es so sein wird.” Anders Ilar spricht leise und denkt viel nach. Er sitzt im Wald, nicht weit weg von der Region Dalarna, wo er aufgewachsen ist, und gibt das Klischeebild des naturliebenden Schweden ab. Jetzt wohnt er zwar in der zweitgrößten Stadt Schwedens, Göteborg, aber die Wurzeln bleiben: ”Ich denke, man versteht meine Musik besser, wenn man Dalarna kennt. Als ich letztes Jahr zu meinen Eltern fuhr, saß ich im Bus, hörte meine eigenen Lieder an und dachte einfach: Aha, diese Landschaft ist also der Grund dafür, dass die Musik, die ich auf meiner Festplatte mache, am Ende so klingt, wie sie klingt.” Damit ließe sich also vielleicht die Vermischung von Verträumtheit, kühler Unnahbarkeit und der magischen Wärme erklären, die immer wichtige Teile von Ilars Releases sind. Die dubbigen, minimalen Tracks erinnern ständig an eine Landschaft, in der wenige Menschen wohnen und es deshalb gerade so schön ist: mit Nadelbäumen, Bergen und Nebel.

Anders Ilar: Dalarna bedeutet viel. Das hat aber nicht nur mit einer Naturliebelei im klassischen romantischen Sinne zu tun. Ich finde auch, dass den stillgelegten Zechen so was wie ein Science-Fiction-Gefühl innewohnt, das eigentlich wenig mit Natur zu tun hat. Schlichtweg Dunkelheit und Kälte, die sehr schön ist. Meine Musik wird sehr von diesen Stimmungen getragen, obwohl ich eigentlich beim Musikmachen mehr über Orte nachdenke als über Gefühle.

Debug: Und deshalb hast du das neueste Album “Ludwijka” genannt?

Ilar: Ja, aber auch, weil das mein persönlichstes Album ist, das ich je gemacht habe. Darin steckt viel von dem, was ich mir als Teenager in Ludvika angehört habe: viel EBM und Goth, aber gemischt mit dem, was ich heute mag, eben Dub und Minimal Techno. Ich habe auch viele Tonaufnahmen aus meiner Kindheit verwendet. Kassetten, auf denen ich als fünfjähriges Kind Weihnachtslieder zusammen mit meiner Schwester singe. Und das Trompetenspiel von meinem Vater, der früher Jazz gespielt hat. Aus diesen Gründen habe ich auch die alte Schreibweise der Stadt verwendet: Ludwijka statt des heutigen Ludvika, weil ich zeigen wollte, dass dieses Album auch die Vergangenheit, meine Geschichte eben, spiegelt. Das war mir irgendwie wichtig und das unterscheidet auch dieses Album von den beiden kommenden.

Debug: Wie wird man dann als Hörer spüren, dass Nightwidth (auf Narita) und The Cold In Between (auf Plong!) sich von Ludwijka unterscheiden?

Ilar: Nun ja, Ludwijka ist ziemlich dunkel, aber nicht erschreckend und gothisch, sondern eher gemütlich, wie ein Wald. Nightwidth ist mehr “straight techno” und wohl auch sehr Dub-angehaucht. Das Plong!-Album ist eine Mischung von allem Möglichen, was ich so mag: Elektronika für den Kopfhörer, Technotracks für die Tanzfläche und ein paar Sachen, die nach Autechre anno 1996 riechen. Meine minimalste Acid-Seite werde ich auf der “ABC”-Maxi auf Audio.nl ausleben. Ziemlich bunt alles!

Debug: Viele Künstler würden bei so einer Reihe von Platten unterschiedliche Pseudonyme verwenden, aber du nicht?

Ilar: Marco Haas hat mir einmal davon abgeraten. Bei meinem ersten Release auf Shitkatapult (”Replik”). Er meinte, für mich wäre es besser, unter eigenem Namen zu releasen. Ich finde im Nachhinein, dass er recht hatte. Ich finde es gut, alles als Anders Ilar zu releasen. Meine Zuhörer werden sich wohl auch damit abfinden können. Denn so unterschiedlich die Sachen auch sein mögen, es haftet immer ein gewisses ”Ilargefühl” an den Tracks. Hoffe ich jedenfalls.

Bei all den Releases liegt es jedoch auf der Hand, dass man ein bisschen skeptisch wird. Haben wir es hier mit einem Strom von Tracks zu tun, die mal eben mit links aus dem Ärmel geschüttelt sind? Nein, eher ist es so, dass die Verspätungen dazu geführt haben, dass wir lange auf das nächste Ilaralbum haben warten müssen. Und jetzt bekommen wir mehrere auf einmal. Die Tracks sind auch nicht in den letzten Monaten entstanden, einige sind sogar mehr als vier Jahre alt. Wie passt das zum Image der elektronischen Musik, die ständig in die Zukunft blickt? Es hätte sich alt anhören können, tut es aber nicht. Anders Ilar muss halt vor vier Jahren bereits vor seiner Zeit gewesen sein. ”Ach was, nein, ich finde immer, dass meine Tracks sehr altmodisch klingen. Ich bin von den Neunzigern sehr geprägt und habe eigentlich keinen Überblick über die letzten Maxis, die gerade erschienen sind. Ich mache mein Ding.”
Und das ist natürlich gut so. Wir sehen uns im elektronischen Ilar-Wald.

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Elektronische Lebensaspekte.

Der normaleuropäische Schwede Anders Ilar behält von seiner Terasse den distanzierten Überblick, um Ambient von Höhensonne unterscheiden zu können. Ambient war viel zu lange Kuschelersatz für Singlehaushalte. Jetzt ist es wieder Kühlaggregat für SciFi-Gemeinschaften.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 69

Eiskalt visuelles Blubbern
Anders Ilar

Nein, Schweden ist gar nicht so weit weg. Und so kalt, wie alle sagen, auch nicht. Und man isst keine Elche zum Frühstück. Und nicht alle Schweden wandern nach Berlin aus. Anders Ilar, der in Göteborg auf seiner Terrasse unter der “Infraheat”-Höhensonne sitzt, ist ein ganz normaler Europäer, vielleicht einer, der das Treiben eher im Überblick sieht, was auf Terrassen generell durchaus verständlich ist. Und wie alle Europäer in seinem dezenten Post-Teenageralter (29) ist er mit elektronischer Musik groß geworden. Wir würden gerne verschweigen, dass es Electronic Body Music war, aber erstens hat Anders uns versprochen, von seinen seit seinem 14ten Lebensjahr gesammelten Frühwerken höchstens Sounds zu samplen, und zweitens sprechen Bilder Bände. Elektronische Physiognomik aber, egal was einem Hotte erzählen will, ist nicht, und Programme sehen einen ja auch morgens nicht an und sagen: Hey, rasieren wäre keine schlechte Idee.

Anders Ilar, der früh zum Fan des Kölschen Klüngels wurde (Mike Ink, Walker usw., was er immer noch auf seinem regelmäßigen Gang zum Plattenladen aufmerksam verfolgt) begrub irgendwann sein analoges Equipment und wandte sich (bis dato releaselos) vom Produzieren ab. In diese Zeit dürften wohl auch die wüsten Gerüchte über ihn als schwedischen Pornoseitenchef, wahlweise auch Sexdoktor (ihr kennt das, Schweden, ein altes deutsches Trauma) fallen. Erst über einen Freund und seinen Computer und den Computer als Freund zum Webseitenbauen begann er wieder, sich für Musik und Sounds zu interessieren, denn vor allem interessiert ihn, wie man auf seinen Releases als Rend auf Plong Records und Anders Ilar auf Shitkatapult unschwer hören kann, die Genauigkeit von Sounds, die Perfektion, das Futuristische, das nicht unbedingt etwas sein muss, das elektronische Musik neu erfindet, sondern etwas, das Klarheit schafft, auch für sich selber. Eiskalt ist das Wort, was den meisten bei seinen Tracks einfällt. Aber es ist nicht dieses ”Eiskalt”, das man elektronischer Musik generell als Kälte vorgeworfen hat, seit man wusste, dass dieses Blubbern gar nicht wirklich von der Psyche spricht, sondern eine visuelle Kälte ist, etwas, das Klang so präsent macht, dass man gar nicht glauben will, dass er einfach so durch den Raum schwebt, ohne einen Ort zu hinterlassen. Die Ungewissheit dieses Ortes ist eine Kälte, in die man hineinkriechen möchte, weil dort alles klar und neu ist.

Anders arbeitet in einem Krankenhaus. Er liebt seinen grünen Kittel. Er liebt die langen leeren Flure (wir vermuten mal, dass er meist Nachtschicht arbeitet), weil sie ihn an ein Raumschiff erinnern. Weil ihn Raumschiffe an Musik erinnern, weil die Kälte rings um die Raumschiffe auch die Kälte seiner Musik ist. Diese Blase von Vision, die auf dem neuen Ambientalbum “Everdom” auf Shitkatapult einen davor schützt, im ambienten Vakuum zu zerplatzen. Er teilt seine Tracks sorgsam auf in minimale und ambiente. Die einen kicken, die anderen clicken. Und hinter allem steht diese gelassene Distanz eines schwedischen Sounds, dessen Größe vor allem darin besteht, losgelöst zu sein und trotzdem mittendrin zu funktionieren.

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