Zwischen Tourneen mit seiner Band BeigeGT und ausgelassenen DJ-Schlachten im Zeichen von Minimal-Techno kann man sich schnell mal aufreiben. Andi Teichmann hat den Burn Out als Katalysator genutzt, sich in seinem Zimmer eingeschlossen und ein sehr persönliches Solo-Album aufgenommen.
Text: Sandra Sydow aus De:Bug 97

Der Künstler privat

Andi Teichmanns Promotext zu seinem neuen und zugleich ersten Solo-Album “Fades” ist selbst geschrieben. Das passt wunderbar und ist zitierfähig, denn die Platte ist so gut wie handgemacht. Auf dem Label der Gebrüder Teichmann erschienen und mit Liebe zum Detail und Unschliff produziert, ist es eine persönliche Sache für Andi selbst.
Andi ist ein Teil des DJ-Teams Gebrüder Teichmann, Produzent bei seinem Label Festplatten und Schlagzeuger der Band BeigeGT. Wen wundert es da, das “Fades” auch weder einseitig noch klassisch einordnerbar gelungen ist. Und obwohl der ersten Solo-Veröffentlichung immer ein klein wenig klischiert die viel besprochene Selbstverwirklichung anhängt, ist es in diesem Fall einfach nur der Wunsch nach Alleingang à la Gitarre, Computer und ich. Zwischen Skizze und Popsong soll es sein, zwischen Berliner Metropolen-High-Life und dolce vita in der Regensburger Provinz.
“Ich werde 30 und war deprimiert.” Andi Teichmann lacht und man muss mitlachen, denn so sollte es nicht sein, und ganz so war es demnach auch nicht. Es wurde mit BeigeGT getourt, denn die zweite Platte war produziert, es gab viel Arbeit, viel Stress, am Wochenende auflegen zusammen mit seinem Bruder – irgendwann ist man ausgebrannt. Berlin im Winter tut da sein Übriges. “Fades” hat Andi in seinem Zimmer aufgenommen. Erst mal nur für sich. Die Leere ausfüllen und wieder ein bisschen zu sich selbst finden war ein Grund, die Schaffenspause kreativ zu nutzen sicherlich ein anderer. Die Produktion war wichtig, war irgendwie auch ein Gesundstoßen und Sinn suchen und finden – Beschäftigungstherapie nennt man das bösartig.
Kurz vor dem 30. Geburtstag lässt man Revue passieren. Somit ein wenig bitter, ein wenig nostalgisch, aber grundlegend positiv und mit einer Ruhe, die man sich erarbeiten muss durch verschiedene Erfahrungsbackgrounds. Die Erfahrung ist da und man hört sie heraus auf “Fades”. Die Brücke schlagen zwischen melancholischen Gitarrensounds und untermalenden Elektrobeats, ohne dass es abgleitet in Kitsch und Tränendrüse, das war kein Ziel, ist aber ein Ergebnis geworden. Die wenigen Vocals, der wenige Text, der vorkommt, wurde von Hans Forsters von den Seaside Stars und Mira van de Witt von Monster Bronsons eingesungen.

Nicht für die Öffentlichkeit

“Diese Platte zu machen bedeutete nicht von Anfang an, sie auch einer breiten Öffentlichkeit zugängig zu machen. Ich habe mich ein wenig geziert am Anfang, überhaupt jemanden da reinhören zu lassen.“ Doch der klassische Fall Marke Tagebuch ist nicht Andis Weg gewesen. Da “Fades” letzten Endes ein stimmiges, funktionierendes Ganzes geworden ist, gehört ein professionelles Distanzieren dazu und die Veröffentlichung war eine logische Folge und gleichzeitig ein Abschließen damit. Vom Regen in die Traufe könnte man meinen, denn ein Stolpern von einer Stressphase in die nächst andere liegt nahe, die Verantwortung des Produzenten und Künstlers und somit Doppelbelastung. “Es war eine vollkommen neue Erfahrung, den ganzen Prozess vom Entstehen und gleichzeitigem Produzieren und Promoten selbst zu erleben und zu managen. Mitentscheiden zu müssen, nicht nur zu können, und dem Ganzen dann auch noch den Rahmen zu geben, der dieser sehr privaten Angelegenheit gerecht wird, ist hart und stressig und gibt einem gleichzeitig wieder diesen Moment der Ruhe und des Stolzes, wenn alles fertig vor einem liegt.” In nur wenigen Monaten entstanden die zehn Songs der Platte und Andi Teichmann wollte es wieder ein wenig spontaner, einfach laufen lassen und beobachten, was herauskommen könnte.
“Ich merkte schnell, dass ich alles nur einmal, zweimal einspielen, nichts abschleifen, Fehler nicht kaschieren, sondern bewusst belassen wollte. Etwas, an dem man arbeitet und dem man es anhört. Einfach nur aufnehmen und nicht überproduzieren.“ Ungefiltert und echt also, ohne mit Koketterie ankommen zu wollen. Das macht Sinn bei jemandem, der noch weiß, wie es war, als es keine Handys gab und bevor das Internet überhaupt Thema war und der noch Demotapes von Bands kennt. “Fades” soll die Lücke schließen zwischen fade in und fade out für die Tanzfläche und dem “dahinfaden” von Momenten und Menschen und macht gleichzeitig Platz für die Distanz, die man braucht, um ein wenig klarer auf alles dazwischen blicken zu können. Gefallen wird diese Platte jedem, der gerne zwischen den Stühlen sitzt, Schwäche und Stärke als Miteinander kennt und der eine gute Verbindung zwischen ungeschönten Indiegitarren und glasklarem Elektro zu schätzen weiß.

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Elektronische Lebensaspekte.