Stockholms Sympatikus Andreas Tilliander verpackt sein 4-Takt-Buchstaben- Faible in Schleifen, um per gegenseitiger Ausweitung von Ähnlichkeiten Veränderung via Gleichem zu loopen. Auf Mille Plateaux, Raster-Noton und schwedischen Labels von morgen.
Text: sascha kösch | bleed@de-bug.de aus De:Bug 50

BORN CLIPPY
Andreas Tilliander

Rote Karte
Es bringt eigentlich gar nichts, wissen zu wollen, wer Andreas Tilliander eigentlich ist. Ein sympathischer Stockholmer mit Skateskimütze im Frühling und langen fasrigen Haaren, einem Nebenjob für Geld als A&R bei einem schwedischen Onlinelabel für Popmusik, der trotz Entlassungen noch nicht weggekürzt wurde. Ein PC Mensch unter Appleclickstern. Das sagt alles gar nichts über seine beiden Alben auf Raster Noton und Mille Plateaux. Auch nicht über die anderen Platten, die er für hier unbekanntere schwedische Label produziert und für die man wieder einen anderen Artikel bräuchte. Auch dass er wichtige Kabel für seine Liveauftritte lieber zu hause lässt, weil seine Freundin noch ein paar Aufnahmen machen wollte. Er ist nicht mal, wie man denken könnte, wegen seines Mokira Albums “Cliphop” auf Raster Noton dafür verantwortlich, dass man jetzt, sei es bei Blip-Hop oder Mille Plateaux, nach den neuen Differenzen einer noch nicht realisierten Zwischenwelt von Clicks & Cuts und Hip Hop sucht, dem neuen Gral, salopp gesagt, dem Timbaland-Oval. HipHop spielte weder auf Cliphop noch auf “Ljud” eine Rolle, zwei Platten, die man nicht nur wegen ihres sehr ähnlichen Rot-Tons als Teile einer Idee, einer Verwirklichung sehen könnte oder als gegenseitige Extension.

Do The Redo
Andreas Tilliander ist ein Loop Mensch. Jemand, der in Musik hinein will, weniger als Wohnung, vielmehr als gegensätzlich gleichzeitiger Prozess der Auflösung, die Diffusion und Lösung ist für ein Problem, das man woanders schwer stellen kann. Loop, Mantra, Ritournell, das kann man nennen, wie man mag. Am liebsten mit wenigen Buchstaben. 4 Letter Abstractionism. Reduktion, Repetition, Relation, “Redo”. Auf Cliphop hört man das deutlich. Die Tracks haben alle Namen mit vier Buchstaben, zwischen Computer (Redo/Palm/Byte/List), Alltag (Palm/From/Same/Full/List), Musik (Byte/Hiss) und Körper (Palm/Hiss/Slut), und natürlich gehen alle Grooves mit vier Takten. Vier ist dabei weniger eine Magie, etwas das man alchemistisch oder verschwörungstheorethisch in Anschlag bringen würde, sondern eine Technik, die möglichst viele Öffnungen bietet. Schließlich geht es darum, die Öffnungen des Digitalen zu suchen, und sei es nur, um einen Wirbel zu erzeugen, in dem all das wieder und wieder zusammenläuft, als Redo das beschreibt, was kopieren heißt, was Wiederholung ist, was aus einer abstrakten Oberfläche und Technik eine Struktur erzeugt, die das, was sie angeblich ist, Medium, Musik, usw. gleichzeitig auch beschreibt, ausformuliert, bearbeitet und verändert. Auf Cliphop zerbrechen die Sounds in ihren Konstellationen manchmal. Sie springen scheinbar aus jeder nachvollziehbaren Logik, um selbst die der Zeit in Scheiben zu schneiden, und um von Sample zu Sample eine Veränderung nur feststellen zu können, weil so vieles gleich bleibt.

Redo The Redo
Einfach auf Grund des Materials (Cliphop knisternd und spröder, angerissener, Ljud weicher, konzentrisch, gedehnter, gleichzeitig aber in dem, was man Clicks nennen könnte, noch kürzer, knapper, strikter und clippender) löst sich die andere Seite dieser beiden Platten, aus dieser konzentriert strukturellen Sicht der Brüche hin zu etwas, das keine Namen braucht, weil es verschmilzt, verpackt, den ganzen Prozess noch einmal in eine einerseits definierbarere Soundästhetik packt, mit mehr Samples, mehr Herkünften, mehr Zusammenkünften in den Sounds, andererseits weniger Kollisionen, Ausbrüchen, ohne dabei vor der eigenen Komplexität wegrennen zu wollen, und vielleicht dann wieder undefinierbarer, weil es bis hin zu den Klängen geht, die sich in den Ohren auflösen, weil die Auflösung nicht mehr reicht. Kurz: Klingt wie Japan. Weil es aber auch so charmant in diesem Zwischenraum des Hörbaren eben darüber hinwegtäuscht, mit einer Oberfläche, die immer angenehm, unscheinbar, einfach wirkt, so als hätte diese Musik überhaupt keine Oberfläche, an der man Vorlieben, Interessen oder irgendetwas aus dem alltäglichen psychischen Durcheinander festhaken könnte. Womit man immer wieder überraschend glücklich ist.

Do Do Do Do Do
Man kann die beiden Alben von Andreas Tilliander hören wie eine Art Genealogie von Clicks und damit auch wie ein Vorschlag einer Richtungsbestimmung für digitale Musik oder was aus Musik werden wird, wenn man es nicht mehr Musik nennen muss, weil es mit der mediatisierten, technisierten Umwelt eh längst verschmolzen ist zu etwas, dass dann andere Formen des Umgangs mit Akustik fordert.

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Elektronische Lebensaspekte.