10 Jahre De:Bug: 10 elementare Bücher
Text: Jan Joswig aus De:Bug 115


Andrew Holleran
Tänzer der Nacht
Bruno Gmünder Verlag 1997

Ein bisschen reingeschummelt in diese Liste … geschrieben hat Holleran “Tänzer der Nacht“ bereits 1978, aber die deutsche Taschenbuchausgabe erschien erst 1997. Und ich werde kein Buch aus der letzten Dekade empfehlen, das man nach 200 Seiten wegen spinnert scheinwichtigem Abdriften ins Surreale weglegt – auch wenn es ziemlich einzigartig dastehende erste 200 Seiten sind. Dann würde ich nämlich Bret Easton Ellis “Glamorama“ von 1998 wählen. Die beste Amphetamin-Story nach Pitigrillis “Kokain“ und der Hasen-Episode aus “Alice im Wunderland“. Ständig locken Sirenen, die aussehen wie Grace Jones mit siebenschwänziger Peitsche, und alles ist bodenlos außer Atem. Aber, wie gesagt, nach 200 Seiten verliert es sich im eigenen Irrgarten.

Bei “Tänzer der Nacht“ ist auch alles bodenlos außer Atem, aber viel nostalgisch überglänzter, wehmütiger. Das Buch spürt dem letzten schwulen Sommer vor der Aids-Katastrophe nach. Dem letzen Sommer, in dem es noch nichts Wichtigeres gab, als tanzen zu lernen – durch die Clubs, die Saunen, die Long-Island-Sommerhäuser, die Betten der gestählten Stricher und der fetten Geldsäcke. Das ist natürlich kitschig, dabei aber so vollgestopft mit spezifischen Details und Verweisen auf reale Orte, dass man es für einen Schlüsselroman halten könnte, so klarsichtig wie aufrichtig. Mir wurde vorletztes Jahr mal zugeflüstert, es gäbe eine neu bearbeitete Version von “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, basierend auf der Schocker-Meldung, der letzte Band wäre von Prousts Bruder vollendet worden.

Ich habe nie einen Bruch bemerkt. Zumindest keinen, der nicht absichtsvoll erschien. Im letzten Band ist ja eh alles versunkene Welt, verfallene Größe, verblasste Götter, Erschöpfung und Vergessen (wie die 20 Schlussminuten bei “Der Leopard“ von Visconti). Der fette Geldsack Monsieur Charlus streift durch die Pariser Saunen und Stricherbetten. Ich bin dieser Zuflüsterung nie nachgegangen. Sonst hätte ich jetzt gewusst, ob nach 1997 eine wichtige Neuedition von Proust aufgelegt wurde. Die hätte ich auch rauspicken mögen. Dekadenz bedeutet, dass Glamour melancholisch wird. Glamour ohne Melancholie hingegen ist vulgär. Diese drei Bücher spielen es unterschiedlich durch.

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Elektronische Lebensaspekte.