Text: Riley Reinhold aus De:Bug 17

Stay Down With The Underground Andrew Weatherall, Swordsman und Minimal Techno Chameleon Riley Reinhold rrr@de-bug.de Hätte man mich vor zwei Jahren gefragt, ob ich ein Interview mit Andrew Weatherall machen möchte, ich hätte dankend abgelehnt. Weatherall schien für eine Elite von englischen Top DJs zu stehen, die nichts besseres zu tun hatten, als weltweit in Clubs mit mittelmäßiger Housemusik abzukassieren. Zumindest die englische Presse ließ diesen Eindruck aufkommen. Weatherall war Anfang der 90er der Darling der britischen Musikgazetten, der Melody Maker und der NME wagten über ihn den Crossover zur elektronischen Musik. Seine Remixe für Indierock Bands wie Happy Mondays, James, Primal Scream waren die beste Voraussetzung. Wer war dieser Mann überhaupt? Für was stand er? Woher kam er? Hierzulande wußte das kaum einer. Erst in letzter Zeit hörte man von eigenwilligen Sets und guten Clubabenden von Seiten Weatheralls. Ich sprach mit Andy Weatherall anläßlich seines Two Lone Swordsmen-Albums “Stay Down”. ”Ich war im Grunde genommen nur ein Musikfan mit einer guten Plattensammlung. So fing alles an. Also haben mich Leute irgendwann gefragt, ob ich auf deren Party auflegen möchte. Um 1988, als Acid House in England anfing, begann ich dann in Clubs aufzulegen. Eine Menge Bands kamen zu den Abenden, wie z.B. Primal Scream und My Bloody Valentine, die mich ansprachen, Remixe zu machen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich gar keine Ahnung von Studioarbeit, obwohl ich eigentlich schon ganz genau wußte, was ich wollte. Ich kam also immer am Wochenende nach London, weil ich damals noch in Windsor wohnte, 20 Meilen von London entfernt, um dort Klamotten zu kaufen. Ich habe dafür mein ganzes Geld gespart. Später bin ich dann ganz nach London gezogen, obwohl mir die räumliche Distanz gut getan hatte. Viele Leute, die ihre Zeit ausschließlich in Clubs verbringen, sind sehr hohl.” Dennoch wurde Weatherall in diesen Tagen zum Gläubigen. “Als Acid anfing, habe ich mich dabei ertappt, wie mich die Bewegung völlig absorbierte. Ich verlor die Distanz, auch durch die Drogen, die ich nahm. Wenn ich auf die Zeit zurückblicke, ist es mir ein wenig peinlich.” Dennoch ist diese Zeit ein Teil im Leben des Andy Weatherall. Genauso wie er auch den Medienrummel um sich zu Beginn mochte, bis er ’95 merkte, daß damit Schluß sein mußte. Fortan gab er keine Interviews mehr für bekannte englische Musikzeitschriften. Der Ballast mußte zur Seite geschafft werden. “Die Zeitungen, die beschuldigt wurden, Tanzmusik zu ignorieren, benutzten mich, um sagen zu können, daß sie Tanzmusik eigentlich doch mochten. Dafür wollte ich aber gar nicht stehen!” Mit dem Bandprojekt Sabres Of Paradise wurde er ’93 noch einmal bekannt, doch merkte keiner, daß die Stücke tatsächlich mehrere Jahre alt, nicht auf der Höhe der Zeit waren. “Es hat mich genervt, das Stücke rauskamen, die mehrere Jahre alt waren, und es zeichnete sich ab, daß die Arbeit mit Sabres Of Paradise zu einem wirklichen Job werden würde, mit Verträgen und all dem was dazugehört. Ich bin aber kein Mensch mit einer solch dicken Haut, die man dafür braucht. Für mich war die Musik immer das, was mich am Leben gehalten hat, wenn ich mal wieder einen schlechten Job hatte. Für mich war die Musik also ein Zufluchtsort . Aber wenn die Musik dein Job wird, wohin flüchtest du dann?”. Weatherall zog sich zurück, ließ sich einen Bart wachsen und gründete Emissions, sein eigenes Label, auf dem er und seine Freunde ungezwungen ihre Stücke veröffentlichen konnten. Auf diesen Platten merkte man zum ersten mal einen Bezug zum experimentierfreudigen Techno und House. Seine Musik näherte sich seinen DJ Sets an, die häufig genug völlig konträr zu der Musik waren, die er produzierte. “Über die Jahre habe ich mich immer mehr von dem Rock Image befreit. Schon 1990 habe ich damit innerlich nichts mehr zu tun gehabt. Emissions war eine sehr persönliche Sache für mich. Irgendwann wurde es für mich zu kostspielig. Ich verlor eine Menge Geld und fühlte mich meinen Freunden gegnüber schuldig, weil ich sie nicht entsprechend bezahlen konnte und auch zu wenig Zeit hatte, mich ihnen und dem Label zu widmen. Ich legte meist Donnerstag, Freitag, Samstag auf, manchmal auch schon Mittwoch. Du weißt, was das heißt. Ich habe das Label dann gestoppt. Die Künstler mußten mehr als 1000 Platten verkaufen, um davon leben zu können. Ich habe ihnen dann geraten, sich ein anderes Label zu suchen, weil ich ihrer Karriere nicht im Weg stehen wollte. Die Konkurrenz ist jetzt sehr groß, und ich habe mich entschlossen, zukünftig weniger rauszubringen, mir mehr Zeit zu nehmen. Ich bin aus London 200 Meilen in Richtung Norden nach Yorkshire in eine kleine Stadt gezogen. Das Überangebot in London hat für mich dazu gebracht, daß ich Dinge als selbstverständlich ansah und weniger Anstrengungen unternahm, um etwas Besonderes zu machen, weil es am nächsten Tag wieder etwas gab. Hier gibt es nicht so viele Möglichkeiten, und man unternimmt wieder mehr. ” Aus dem Studio vor die Kamera Weatherall bezeichnet sich selbst als klassischen “underarchiever”, ein Mensch, der lieber mit Freunden rumhängt, raucht und viel fernsieht. Dabei gefällt ihm die surreale Kraft des Fernsehens, wie er sagt. Vielleicht hat er deshalb das Angebot, in einem englischen Gangsterfilm mitzuspielen, angenommen, der vor kurzem im Kino lief, schnell aber auf Video gezogen in die Videotheken kam. “Ich habe den Film selber gar nicht gesehen, nur die schlechten Kritiken gelesen. Ich ahnte schon bei den Dreharbeiten, daß das nichts werden würde. Ich hatte eh nur eine kleine Rolle. Ich spielte den Eigentümer eines Clubs, der überfallen wird. Die Gangster verlangen Geld von mir und schlagen mir mit der Waffe auf den Kopf, bis mir Blut über das Gesicht läuft. Den Großteil der Szene verbringe ich auf den Knien vor den Gangstern und ich glaube, viele Leute, die mich nicht mögen, haben sich alleine deshalb das Video ausgeliehen. Die Vorstellung, der Tom Waits der House-Szene zu sein, gefällt mir, aber nach diesem schlechten Film wird mir wohl keiner ein Angebot machen.” Seine Unabhängigkeit bewahrt er sich durch viele DJ Gigs, wobei er nicht unter 3 Stunden auflegt. Sets bis zu 6 Stunden sind keine Seltenheit. “Für mich ist ein Set von 1 1/2 Stunden zu kurz. Was kannst du in dieser Zeit erreichen, speziell wenn du minimale, deepe Musik spielst? Du braucht mindestens drei Stunden. Du braucht alleine eine Stunde, um einen Groove aufzubauen. Um seine Sets zusätzlich interessant zu gestalten, sampelte er für sein DJ Set auf dem Tribal Gathering seine Lieblingsstücke von Studio 1 und Concept, unterlegte sie mit Piano Chords und spielte nichts anderes als diese Dubplates. “Ich habe einfach versucht, etwas anderes zu machen, als wieder nur Platten zu spielen. Ich mache das ab und zu, aber es geht dann immer um besondere Anläße, meistens habe ich nur leider keine Zeit dafür. Ab und an denke ich daran, mir eine Schneidemachine zu kaufen. Es ist schlimm, wenn die Leute, die diese Machinen beherrschen, in Rente gehen und es niemanden gibt, der sie propper bedienen kann. Ich mag den Vorgang des Schneidens, bin immer dabei. Bis heute wird Andrew Weatherall in Sachen Techno so gut wie nie von “Kollegen” wie Luke Slater oder Dave Clark erwähnt, außerhalb der englischen Insel bekommt er kaum Bookings. Weatherall scheint ein Chameleon zu sein, von dem die englische Presse einmal sagte, er erfinde sich öfter neu als David Bowie. “Das Problem ist, daß ich so viele unterschiedliche Musiken mag. Ich spiele Deep House, harten Techno und auch Dub-Reggae. Weil ich in England nur noch äußerst selten Interviews gebe, machen sich die Journalisten ihr eigenes Bild von dem sie annehmen, was ich mag oder nicht. Von den meisten englischen Schreibern halte ich eh nicht viel. In einer perversen Art und Weise empfinde ich dabei Spaß, daß die Leute ein falsches Bild von mir haben. Wenn ich bisher erst einmal in Deutschland als DJ war, dann deswegen, weil ich mich nicht mehr über Booking Agenturen booken lassen, sondern nur durch Leute, die einmal an einem Abend bei mir mir auf einer Party waren und die wissen, was ich mache. Roman und Jörn von Acid Jesus kamen ein paar mal in meinen Club und haben mich dann nach Frankfurt eingeladen. Die große Herausforderung sehe ich für mich hier in England, in Clubs Leuten Musik vorzuspielen, mit der sie bislang noch nicht oder kaum in Berührung gekommen sind..Manchmal funktioniert das, machmal werde ich ausgepfiffen. Ich will nicht sagen, daß ich Leute erziehen will. Das wäre großkotzig, ich habe ja auch nichts gegen Handtaschen-House, so lange die Leute dabei Spaß haben und mich nicht kritisieren.” Das beste Mittel, um unabhängig zu sein, ist seinen eigenen Club zu haben, und so hat Weatherall über die Jahre hinweg immer wieder neue Abende aufgebaut, um sie am Höhepunkt wieder aufzugeben. “Was wir normalerweise machen, ist, daß wir einen Club ein Jahr lang gemacht haben. Immer, wenn die Presse davon Wind bekam und ich versuchte zu verhindern, daß es eine Mode wurde, in den Club zu gehen, schloß ich ihn. Das war bei ‘Sabresonic’ so, bei ‘Bloodsugar’ und ‘Circulation’, den ich zusammen mit James Ruskin von Blueprint machte, genauso. Für mich war das die Möglichkeit, all meine Lieblingsplatten zu spielen, die man normalerweise selten in Clubs hört. Inzwischen mache ich pro Jahr noch zwei Parties. Gerade gestern habe ich vor 50 Leuten in dem Club meiner Freundin in Leeds gespielt ” Andrew Weatherall hat mit seiner neuen E.P. “A Bag Of Blue Sparks”, auf der er Deep House-Feeling mit Electro und Dub verbindet, und dem Album “Stay Down” , unter dem Projektnahmen “Two Lone Swordsmen” das vielleicht Beste abgeliefert, was er je veröffentlicht hat. Für die Zukunft hat er mehrere anonyme Projekte in Planung, von denen er sagt, sie gestatten ihm eine gewisse Autonomie. Die nächste Platte von ihm wird auf Herberts Antiphone Label erscheinen. Andrew Weatherall sagt von sich, daß seine Produzenten-Karriere erst jetzt wirklich angefangen hat. ”Two Lone Swordsmen, “Stay Down”, ist bei Warp / RoughTrade erschienen. Viele Leute, die ihre Zeit ausschließlich in Clubs verbringen, sind sehr hohl.” Für mich war die Musik immer das, was mich am Leben gehalten hat, wenn ich mal wieder einen schlechten Job hatte. Für mich war die Musik also ein Zufluchtsort . ”Für mich ist ein Set von 1 1/2 Stunden zu kurz. Was kannst du in dieser Zeit erreichen, speziell wenn du minimale, deepe Musik spielst?

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Elektronische Lebensaspekte.