Text: paul paulun aus De:Bug 07

Andy Hart von Paul Paulun traveler@de-bug.de Berlin im Spätherbst. Die halbe Stadt hustet und auch der Autor dieser Zeilen, wie sein Gegenüber Andy Hart bilden da keine Ausnahme. Wie er dazu kommt, im Rahmen der Clear-Labeltour aufzulegen, ist mir ein wenig schleierhaft, da er dort noch nicht veröffentlichte. Hart wischt diese Bedenken jedoch lässig vom Tisch und begründet es damit, daß er Hal und Claire eben freundschaftlich verbunden sei und sie ihn gefragt hatten, ob er nicht Lust hätte aufzulegen. Demnächst sollen dort sowieso Tracks von ihm erscheinen. Schließlich kann es ja nicht verkehrt sein, auf möglichst vielen Labeln in Erscheinung zu treten, auch wenn er selber nicht so genau sagen kann, was der Unterschied zwischen seinen beiden Labeln ist. Deepart sei eher für die deepen, melodischen und leicht darken Sachen gedacht, wohin gegen Myoclone offen für alles mögliche sein soll. Und irgendwie ist es auch egal, daß sein erster Release auf Myoclone ebenfalls der Definition entspricht, die er Deepart zuschreibt. Andy Hart kümmert sich einfach nicht um solche Kleinigkeiten, ihm geht es in erster Linie darum voranzukommen, keine Wiederholungen zuzulassen und zu zeigen, was in der Musik alles möglich ist, also keine auf Schubladen eingeschworene Klientel zu bedienen, sondern so divers wie möglich zu bleiben, die Sachen zu machen, von denen er meint, sie gerade jetzt machen zu müssen. Man muß einfach aus dem Kreis ausbrechen, schließlich gibt es so viele mögliche Wege, die sich verfolgen lassen, daß es einfach langweilig wäre, das zu tun, was andere auch tun. Demzufolge kann es ihn natürlich auch nicht weiter stören, an diesem Abend über zwei Stunden einen leeren Dancefloor mit seiner dem, sagen wir mal ‘Listening-Dunstkreis’ entstammenden, weitreichenden Musikauswahl beschallt zu haben. Nicht, daß eine Meute von Ravern darauf gewartet hätte, die Fäuste zu schwingen, alles war eher low, aber einen etwas befremdlichen Eindruck macht so eine Situation schon, zumindest auf mich. Andy Hart war jedoch ganz zufrieden mit dem Abend und dem Ort, er konnte dort seine Musik spielen und letztlich zählt nur das. Eine etwas merkwürdige Art von Genügsamkeit, aber naja. Wichtiger sind ihm Freiräume, so wie sie der Metalheadz-Abend im Blue Note bietet oder die Abende im Global Café in Soho, einem Internetcafé, wo Hart ab und an auflegt. Dort könne man sogar so weit gehen und 15 Minuten Stille spielen, wenn einem gerade danach ist, egal wie ratlos die User am RealPlayer zuhause auch sein mögen, sofern sie überhaupt Zugang erhalten haben, denn der Server ist oft überlastet. Über den Global Channel mit der schicken URL http://www.pirate-radio.co.uk senden so ziemlich alle DJs, die auch für De:Bug interessant sind und noch einige mehr. Ed Rush, Trace, Optical, Akim von Irdial, Claire und DJ Vadim waren schon da und alle genießen es, zuhause Platten rauszukramen, die sie sonst nicht so ohne weiteres spielen können, wie z.B. HipHop. In erster Linie geht es dabei um Spaß, denn Geld bekommt keiner dafür. Andy Hart selbst lebt jedoch im Offline-Ghetto. Noch. Zwar hat er mittlerweile einen Computer, aber immer noch kein Modem, obwohl das eine Anschaffung ist, die für ihn unmittelbar bevorsteht und sobald sie getätigt wird, soll die Welt um eine Homepage reicher sein, auf der er sein Label auch im Netz promoten möchte. Vielleicht bringt das Netz mit all seinen Mailinglisten über Sachen, die einen interessieren könnten, den Möglichkeiten Tracks zu hören bis hin zum Erwerb von Musik vom Musiker selbst (in welcher Form auch immer) ja die endgültige Erlösung von einem Alptraum, der ihn aufgrund seiner Erlebnisse mit Vertrieben in England seit Jahren verfolgt. Auf das Thema ‘Vertrieb’ angesprochen, entrutscht ihm nach einer kurzen Pause dann auch erst einmal ein entrücktes ‘Fuck… ‘. Obwohl er mit Public Propaganda für seine Label endlich einen Vertrieb gefunden hat, mit dem er wirklich glücklich ist, weil sie ihn und seine Musik zu verstehen scheinen und seine Platten nun weltweit (sogar in England) erhältlich sind, waren die Erfahrungen mit englischen Vertrieben für Andy Hart einfach zu niederziehend. Kaum einer von ihnen ist daran interessiert, was jetzt gerade los ist in der Musik, die meisten denken ans Geld, pfuschen an den Tracks herum und werden wohl erst in einem Jahr verstehen, was gerade ‘state of the art’ ist. Das alles sei ziemlich schlecht für die Musik, so wie auch das ganze Remix-Business, bei dem es ausschließlich um große Namen geht. Diese kranke Welt macht ihn natürlich ärgerlich und damit einher geht die Angst vor dem Hype Speed Garage, der sich momentan so ausbreitet wie Techno und Drum’n’Bass zuvor, ohne allerdings deren Radikalität zu besitzen. Wäre in den Jahren zuvor mehr passiert, stünde man jetzt nicht vor einer solchen Leere. Gedankengänge, die man, auf den Listening-Bereich bezogen, locker mit Verweisen auf deutsche, österreichische oder französische Produktionen entkräften könnte, aber in erster Linie hat Andy Hart Angst vor dem Verschwinden des (mit radikaler Musik beschallten) wirklichen Dancefloors und dem, was auf einem solchen alles mit den Leuten passieren kann, sowohl untereinander als auch durch die Musik. Schwere Zeiten, die ihn traurig stimmen, schließlich ist der Dancefloor nicht nur ihm sehr wichtig und es kann ja auch nicht angehen, daß alle nur noch zuhause Musik hören. Interessante Überlegungen für jemanden, der noch nicht einmal in dem Bereich produziert. Spannend bleibt, wie sich die neuen Wege gestalten, die so dringend gebraucht werden, vielleicht reichen ja sogar wie im HipHop 90 bpm, wenn die Arrangements und Sounds gut genug sind.

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Elektronische Lebensaspekte.