Manchester macht für diesen Herbst alles klar. Aus allen Ecken knallt "Merciless", ein Album, das Detroit im Dubstep ankommen lässt und dem Klavier ordentlich Federung verschafft. Für Andy Stott ist das nur logisch.
Text: Adam Park aus De:Bug 105

Techno

Keine Spur vom Autolackierer
Andy Stott

Damals in den guten alten Tagen, in einer Zeit, als man seine Musiksammlung noch nicht an Hand der File-Endungen katalogisierte, musste das Artwork einer Platte dafür herhalten, die Psyche des jeweiligen Künstlers genauestens zu ergründen. Als man Musik noch ausschließlich auf Vinyl kaufte, da war das so. Und selbst in Zeiten der blitzenden CD konnte man noch reichlich Zeit damit verbringen, die Dankes-Listen zu durchforsten oder die Songtitel mit den Vorstellungen über den Künstler abzugleichen … man hatte halt Augenschmerzen hinterher. Andy Stott aus Manchester ist der Mann, der uns die erschütternde Wahrheit auftischt und jahrzehntelange Mysterien einfach wegwischt. Sein Motto: keine Spuren hinterlassen. “Ich hasse es, Titel für meine Tracks zu erfinden. Ich mache das also immer ganz am Schluss. Wenn ich meinem Label ‘Modern Love’ dann die Titel durchsage, fallen die in der Regel vom Stuhl vor Lachen”, erzählt der Autolackierer aus Manchester.

Andy Stotts Allergien gegen Wortfindungen haben keinerlei Einfluss auf seine Musik; seine dicke Brühe aus geschmeidigem Dubsteb, solipsistischem Klavier und zwielichtigem Techno provoziert geradezu eine Reaktion, die weit entfernt von etwaigem Zusammenzucken liegt. Die meisten Musiker sind dazu gezwungen, sich genau auf den Moment festzulegen, der sie zu einem Leben, dass sie der Musik widmen, geführt hat, und die meisten tendieren dann dazu, sich mit feuchten Pupillen an den Kauf von “Never Mind The Bollocks” zu erinnern oder an den Moment, als sie Bowie in einem kurzweiligen Augenblick bei Top of the Pops erhaschen konnten. Nicht so Andy Stott. Anstatt eine fantasiereiche Geschichte zu ersinnen, ist Andy Stott erfrischend leichtblütig in seiner Enthüllung und präsentiert eine Seite seines Charakters, die sowohl charmant herzlich als auch wunderbar aufrichtig ist. “Alles hat damit angefangen, dass mir ein Freund einen Second-Hand-PC mit halbwegs ordentlicher Musiksoftware drauf verkauft hat“, erklärt er. “Das bedeutete, dass ich Sachen machen konnte, die ich mir am nächsten Tag gleich anhören konnte. Davor musste ich mich selbst immer auf Mini-Disc aufnehmen und dabei oft feststellen, dass das meiste echt schrecklich war – aber sogar damals merkte ich schon, dass die Ideen da waren, nur die richtigen Sounds fehlten.“

In einen Pool aus Musik
“Seit dem Alter von neun Jahren habe ich mich an Musik probiert.“ Ein großer Teil von Stotts musikalischer Erziehung hat er dem leitenden Einfluss seines Labelmates und guten Freundes Claro Intelecto (aka Mark Stewart) zu verdanken. “Mark und ich sind gute Freunde“, erläutert Stott, “und als ich ungefähr 15 Jahre alt war, hat er mir so viel Musik gezeigt, die unglaublich inspirierend für mich war. Autechre, Aphex Twin, Depeche Mode, Kraftwerk, Harold Budd, Brian Eno, Drexciya. Da war noch viel mehr und ohne ihn hätte ich das wahrscheinlich verpasst.“ War das also die Musik, die du bei den Aufnahmen zu “Merciless“ gehört hast? “Eigentlich nein; als das Album so langsam zusammenkam, war ich mehr von Leuten wie Basic Channel, Skream, Isolee, Female, Sleeparchive und Lawrence inspiriert.“ Der spezifischen Qualität der daraus resultierenden Platte nach zu urteilen, ist es also nur eine Frage der Zeit, wann Andy Stott selbst als Einfluss in den Pressetexten von Newcomern genannt wird.

Obwohl Stott erst seit ein bisschen mehr als zwei Jahren richtig Musik produziert, wäre die Breite und der Umfang, der auf “Merciless” zu hören ist, schlicht verwirrend, wäre da nicht das starke erzählerische und zusammenhängende Band, welches sich durch die LP zieht. Feinsäuberlich zusammengetragen aus über hundert autonomen Musikstücken, profitiert das Album von seinem Festhalten am Vinyl-Dogma – mit erfrischend leichten 40 Minuten und dem Durchstechen gegen die aufgeblähte Über-Hingabe, die von so vielen, die sich am Fuße des Hügels, der sich Leftfield nennt, befinden, stark präsentiert wird. Adrett flitzt das Album durch Styles und Genres. Stott kann den Zuhörer ohne Probleme mit dem Käsereiber-Funken von “Choke” einen gezielten Schlag in die Brust versetzen, bevor er mit einem in Klavier und Streichern gerenderten Cover von Claro Intelectos “Peace of Mind” einen versöhnlichen Kuss auf die Wange anbietet. “Ich glaube, ein Grund, warum meine Musik von so vielen Leuten gehört wird, liegt an meiner Fähigkeit, verschiedenste musikalische Styles zu produzieren, dabei aber immer noch meine eigene Weise hereinzubringen. Ob düsterer Dubstep oder pumpender Acid, es gibt immer dieses Element, wo ich sagen kann: Das bin ich.“ Und es ist wahr: Stotts Fingerabdrücke sind überall auf dem Album verteilt – sie manifestieren sich als pulsierende Vorliebe, die selbstsicher versteht, wann die beste Zeit ist, um sich zu entfernen. Was bleibt, ist eine Patte, die äußerlich minimal, jedoch innerlich sehr reich ist.

Gnadenlos gut
Stott listet das Zusammenkommen aus Klavier und gebleichtem Beat des Titeltracks “Merciless” als besonderen Liebling (“Es ist einer der deepsten Cuts …“), aber hebt auch das am Zeitgeist kratzende Brummen von “Blocked“ als Highlight hervor. Der Track ist ein aus den weiten Massen der Londoner Dupstep Heads emporragendes Diktat über die polemische Kraft dieses jungen Genres – Stott zeigt sich hierbei als der nordische Durchstarter. “Als ich Skream und Loefah live gesehen habe, war es das erste Mal, dass ich Dubstep so richtig wahrgenommen habe“, zeigt er auf. “Das nächste Mal, als ich dann einen Track geschrieben habe, kam ‘Blocked’ dabei heraus und ich war sehr zufrieden. Das war mein erster Versuch mit Dubstep!“ Kein Stottern also auf dem Debütalbum. Stott hat eine LP geschaffen, die perfekt zwischen düsterem Dubstep und schönen Melodien von zerbrechlichen Pianos passt, ohne sich gezwungen anzuhören.

Was kommt dann jetzt für Stott, nachdem er seine erste Platte glücklich zu Bett gebracht hat? “Also, ich habe gerade angefangen live zu spielen and sehe meine Musik jetzt mehr und mehr unter diesem Aspekt. Es ist einfach echt fantastisch, etwas direkt in einer Atmosphäre zu spielen und ein Feeling dafür zu kriegen, was funktioniert und was nicht. Deshalb tendiere ich jetzt dazu, das Live-Element im Kopf zu behalten, während ich Musik schreibe.“ Seine erste Live-Show hat er zusammen mit Claro Intelecto in Manchester gespielt und Stott deutet lachend auf eine gewisse geschwisterliche Rivalität in der Modern-Love-Familie hin. “Es ist großartig, auf einem Label mit Pendle Coven, Bitstream und Mariel Ito zu sein. Besonders wenn ich Claros Sachen höre, bin ich immer sehr aufmerksam gegenüber seinen neuen Ideen, die er ausprobiert. Ohne Zweifel ist da ein wenig Konkurrenz zwischen uns, aber auf die freundlichste Art und Weise, die man sich vorstellen kann.“

Seit Mary Anne Hobbs, die Wildstyle-Auflegerin bei BBC Radio One, Interesse daran bekundet hat, Stott ihre Zunge in den Hals zu stecken, zirkulieren die wildesten Gerüchte im Untergrund. Ist da mehr als Liebe für die Musik? “Sie hat mich mit fast allem, was ich released habe, unterstützt – ein richtig guter Job – aber ich habe sie noch nie getroffen.” Und er fügt lächelnd hinzu: “Sobald Zungen im Hals vorkommen, sage ich euch Bescheid.”
Zurück in die Realität. Nachdem wir Stotts musikalische Geschichte aufgearbeitet und “Merciless” als zukünftigen Untergrund-Klassiker eingestuft haben, schien es nur fair, Stott auch auf seine andere Arbeit anzusprechen und nach Rat zu fragen. Auf die Frage nach Tipps dafür, welches Auto uns durch einen eiskalten Winter bringen wird, denkt Stott kurz nach und antwortet dann mit automobiler Weisheit: “Es ist ganz einfach – kauft immer ein deutsches oder ein japanisches Auto.” Verkauft!

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Elektronische Lebensaspekte.