Die ästhetisch geschlossene Welt der Animes bricht auf: 3D-Hintergründe treffen auf 2D-Charaktere, reale Schauspieler werden digitalisiert, animierte Figuren kriegen Plastiktütengesichter. Nur die Stories bleiben alt ...
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 90

Ergraute Cyberpunks in 3D
Japan-Animes

Bevor wir alle in den neuen “Pokemon“-Streifen mit echten Schauspielern gehen müssen, tut sich einiges. Vor der klassisch gezeichneten Japananimation hat auch die Game-Ästhetik nicht halt gemacht. Während sich aktuell “Ghost In The Shell 2: Innocence“ teils am alten Manga-Aussehen festkrallt, funktioniert das Anime “Appleseed“ rundum oberflächenpoliert in Softimage. Der nächste Schritt kommt beim verfilmten Comic “Casshern“: Nach dem Trend, Games auf die Leinwand zu bringen, müssen jetzt richtige Schauspieler den Figuren aus den Animes in Live Action und 3D-Zwittern nachhampeln. Bei aller Technikliebe ist aber zu bedenken, dass hier immer noch höchst ergraute Cyberpunk-Geschichten von noch älteren Meistern aufgewärmt werden. Wie damals geht es immer noch um Menschmaschinen und Maschinenmenschen in unterschiedlichen Abstufungen, die durch den Stadtmoloch, den Sprawl nach William Gibson, wandern. Nur jetzt in “3D Live Anime“ oder in Live Action.

Ghost In The Shell 2: Innocence:
“Your body symbolizes what we are trying to protect“
Fast zehn Jahre haben wir darauf warten müssen. Vielleicht zu lange, deshalb werden sich nicht mehr alle auf die besondere Bedächtigkeit einlassen, die sich durch die ins Endlose dehnenden 99 Minuten des zweiten Teils von “Ghost In The Shell“ zieht. Der erste übte sich in effektvoller wie effektiver Zurückhaltung und setzte visuell traumhaft eine Geschichte um, die die Themen Menschmaschine, Cyborgs und KIs dezent erklärend anschnitt. “Innocence“ muss selbstredend noch eins drauflegen. Optisch sicher wieder unglaublich und mehr als üppig, erschlägt das Anime einen mit seinen Details. Natürlich glänzen auch die Klarheit der Bilder, das nachdenkliche Verweilen bei den Kamerafahrten und, als Unterschied zum ersten Teil, der Retro-Futurismus im Stil der 20er. “Innocence“ macht einen Rückschritt in die romantische Gothik-Ecke, die Anime-Serien wie “Vampire Hunter D“ bis weit über die blütenweißen Spitzenrüschen ihrer Ärmelkrägen ausreizen. Kein Wunder, schließlich ist es das typisch japanische Zusammenleben von Tradition und Technikfetisch, bei dem keins das andere ausschließt. Inhaltlich gibt “Innocence“ wieder Hausaufgaben auf und trumpft, wenn man Geduld hat, mit wunderschön gebauten Szenarien und Kampfaction auf. Bis dahin philosophieren Polizist Batou und Partner über Gott und die Welt und darüber, wie der Geist in die Maschine oder in die Sex-Puppe kommt. Zitiert werden die Gebrüder Grimm, Bibel, Konfuzius, japanischen Dichter, John Miltons Epos “Paradise Lost“ und andere, wenn man sie denn erkennt.
Bei der Machart endlich verschließt sich auch “Innocence“ dem 3D nicht völlig, kontert aber mit einem soliden Rest an Verweigerungshaltung: Die 3D-Hintergründe präsentieren stolz einen Fotorealismus in Bestform. Nur komisch, wenn eine Türglocke und die Holzmaserung des Rahmens mehr als echt sind und davor seltsam blass die Figuren sich ihrer gezeichneten Zweidimensionalität hingeben. Sämtliche Charaktere bleiben flach. Der Schatten ist dagegen wieder auf dem Hintergrund plastisch. Ihre Schemenhaftigkeit ist vielleicht nicht nur ein Verweis auf ihre Manga-Herkunft und Zugeständnis an die speziellen Betrachtungsgewohnheiten. Vielleicht könnte man das als das letzte Aufbäumen gegen die Übernahme der Game-Ästhetik anerkennen. Einer Ästhetik, der sich der Anime “Appleseed“ voll und ganz angenommen hat.

Appleseed

Mit dem Manga-typischen Stupsnäschen voraus in den “3D Live Anime“ – auch die Geschichte von “Appleseed“, dem Abenteuer in Softimage nach der Manga-Vorlage von Shirow Masamune (“Ghost In The Shell“), ist schon zwanzig Jahre alt. Im Longplayer zur TV-Serie gibt es keine inhaltliche Weiterentwicklung zum Thema Cyborgs, allein die Genmanipulation kommt hinzu: Kämpferin Deunan schmeißt sich mit Cyborg Briareos zwischen politischen Fronten, die Menschen und ihre emotional gedämpften Klone, die “Bioriods“. Das Cyberpunk-Anime ist das erste, das sich die Technik des “3D Live Anime“ auf die Fahnen schreibt. Komplett in 3D gebaut bewegen sich gerenderte Figuren dank motion capture und facial capture realistischer, sehen aber im Gesicht trotzdem aus wie Plastiktüten. Will man diese Verschmelzung zum Game? Einen ähnlichen Weg, aber behutsamer von der anderen Seite geht da das Schwertkampf-Game “Onimusha 3“, das in seinem 3D-Einstiegsfilm und im Spiel die Schauspieler Jean Reno und Takeshi Kaneshiro (“2046“) digitalisiert. Um die Zuschauerschaft nicht ganz zu verschrecken, baut “Appleseed“ zusätzlich auf das cel-shading, auch toon-shading genannt: 3D-Computergrafik lässt beim Rendern einfach ein paar Farb-Attribute weg und soll umgerechnet an die traditionell platten 2D-Bilder eines Mangas anmuten. Für das Retro-Gefühl versteht sich, und gern in Games wie “The Legend of Zelda“ benutzt.
Ein Problem bleibt aber: Traditionelle Japan-Animation kümmert sich nicht um Lippensynchronisation, erklärte CGI-Direktor Yasuhiro Otsuka im Softimage-Forum. Da musste die Technik des realistischen motion capturing Platz machen für die herkömmliche Art, hinterher erst die Dialoge über die Münder zu sprechen. Deshalb wirken die Figuren nah beim Rennen und Kämpfen, aber die Köpfe mit ihren Riesenaugen und dreidimensional schimmernden Pupillen haben immer noch tumbe Puppengesichter.

Casshern

Auch den Samurai-Science Fiction “Casshern“ gab es schon mal. Denn nach dem Manga kam die Anime-Version, und zwar immerhin schon 1973. Neu ist der Stoff um den Kampf zwischen dem erweiterten Cyborg-Helden Casshern und den “Neoriden“, eine genetisch manipulierte Rasse, so gar nicht. Egal, dafür dürfen Schauspieler die Manga-Charaktere nachstellen. Im schlimmsten Fall könnte das Ergebnis zu quietschig werden wie gerade bei “Cutie Honey“ geschehen. Da hampelt in der Verfilmung des Comics ein Mädchen ständig hysterisch herum und trägt verschieden alberne Boots. Das Überreizte und Grelle bei der Japananimation wird in Live Action zur Lächerlichkeit. Kann aber auch lustig sein. Das ist bei “Casshern“ weniger erlaubt. Klar wird nur nicht, ob es einfach zu viele Erzählstränge und Sprünge in der Zeit sind oder sich vielmehr Träume, Visionen und Erinnerungen ineinander mixen. Man sieht fast deutlich die Hochglanzseiten des Mangas durch die Bilder hindurchscheinen, so synthetisch überproduziert klotzen sie mit ihren Plastik-Knallfarben. Nichtsdestotrotz ist es ein ordentlicher SciFi, der das Fantastische mit einer ordentlichen Portion Apokalypse mischt und von Jules Verne, Star Wars und Games bis zu Sergej Eisensteins Treppensequenz alles abgrast. Maschinen haben noch was spielerisch Niedliches und sehen aus wie putzige Schrotthaufen mit Propellern und Leitern. Der klapprige Retro-Futurismus wie bei Buck Rodgers kann schon charmant sein. Statt aus Pappe werden die Hintergründe in 3D gebaut.
So viel technische Erweiterung muss natürlich nachgeahmt werden. Eine Antwort aus Hollywood ist wie immer schon parat: “Aeon Flux“ soll mit Charlize Theron diesen September starten und James Cameron arbeitet die nächsten zwei Jahre an einem Live Action und 3D-Live-Anime-Gemisch von “Battle Angel Alita“. Die Hauptdarstellerin ist aus CG gemacht, die Restcrew besteht aus Schauspielern. Die nächste Runde ist da.

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Elektronische Lebensaspekte.