Kinderpornographie als Bedrohung aus dem Netz, das begleitet die Technologie Internet seit ihren ersten Schritten. Doch gerade weil Pädophilie so glasklar zu verurteilen ist, wähnen sich die Aktionen gegen Kinderpornographie mitunter zu sehr auf der sicheren Seite. Das Aufheben der Anonymität vermeintlicher Pädophiler kann deshalb in die Hose gehen. Die Initatoren um die Website PervertedJustice.com etwa machen es sich zur Aufgabe, Pädophile zu entlarven - und schlagen dabei deutlich über die Strenge.
Text: Mario Sixtus aus De:Bug 82

Anonymität im Netz

Spielverderber oder Kriminellenfänger? / Perverted-justice.com

“Im Internet weiß niemand, dass Du ein Hund bist”, lautet ein geflügeltes Wort. Auf Chaträume gemünzt, würde das Wort noch ein paar Flügel mehr benötigen. Etwa: “In Chats weiß jeder Hund, dass niemand ein Hund ist, der sich als ein Hund ausgibt.” Oder: “Wenn Du sagst, Du bist ein Hund, bist Du alles, nur kein Hund.” Denn wie schon Doc Searls und David Weinberger in ihrem Essay “World of Ends” so simpel wie einleuchtend feststellten: “Das Netz ist keine Sache, sondern eine Übereinkunft.” Genau. Eine Vereinbarung, ein Arrangement, ein Agreement, eine Konvention und manchmal auch ein Kompromiss (Thesaurus off). Chaträume sind Camouflagetempel. Dicke, alte Männer mit Mundgeruch und schwäbischem Akzent posieren als “bikini_babs” und mancher realen Babs mit Bikinifigur bereitet es wiederum Freude, als “partyhengst_gut_bestueckt” aufzutreten. Das ist allseits bekannt und akzeptiert und ein Teil der ungeschriebenen Abmachung.
Die Initiatoren von “perverted-justice.com” (PJ) halten allerdings nicht viel von dieser Regel und noch weniger halten sie vom Prinzip der Anonymität. Die Keule, mit der diese Gesetze zermanscht werden sollen, hat dann auch eine hehre Aufschrift: “Kampf gegen Pädophilie” steht darauf. Und das ist eine erprobte Massenvernichtungswaffe, die sich schon in ganz anderen Situationen bewährt hat. Die selbsternannte Bürgerwehr gegen Kinderschänder geht stets nach dem gleichen Muster vor: In Chaträumen trollen sie unter Pseudonymen herum, welche eindeutig Minderjährigkeit implizieren (“jenny_13”) und lauern den potenziellen Päderasten auf. Findet sich ein erwachsener Gesprächspartner, der einem Flirt nicht abgeneigt scheint, driften die Dialoge schnell ins Eindeutige ab und erreichen flugs St.-Pauli-Nachrichten-Niveau. Unter einem Vorwand wird dem vermeintlichen Perversling noch die Email-Adresse und die Handynummer abgeschwatzt, vielleicht noch um ein Foto gebeten und bevor Der-mit-dem-Kind-schwatzt weiß, wie ihm geschieht, findet er all seine persönlichen Daten nebst Chat-Protokoll auf dem Online-Pranger von Perverted Justice wieder. So seit 2002 bereits über 600 Mal geschehen.

Pech oder Wahrheit
“Ich hätte nie gedacht, dass das wirklich ein Kind ist, mit dem ich da rede”, sagt Rodriguez*, einer der angeprangerten, gegenüber Debug. “Und schließlich hatte ich ja sogar recht”, fügt er mit entwaffnender Logik hinzu. Tagelang klingelte sein Handy als die Nummer auf der Selbstjustiz-Website erschien. “Ich hatte Angst um mein Leben. Die Anrufer bedrohten und beschimpften mich.” Schließlich kündigte ihm sein Vermieter sogar das Zimmer. Noch mehr Pech hatte Bill*. Der dreifache Familienvater, der sich nach eigenen Angaben nur “auf ein Rollenspiel” einlassen wollte, verlor seinen Job als Lehrer und musste in einer anderen Stadt noch einmal ganz von vorne beginnen.
Keine Angst vor solcherlei Kollateralschäden? Das wollten wir vom Initiator selbst wissen. “Ich habe vor einer Menge von Dingen Angst”, sagt der Mann, der sich “Xavier von Erck” nennt und der Perverted Justice ins Leben rief. “Unter anderem natürlich auch, unschuldige Personen anzuprangern.” Daher würden seine Leute sich prinzipiell nicht in Chaträumen “für Erwachsene” oder in solchen mit Rollenspiel-Charakter herumtreiben: “Wir betreten nur regionale Räume. Das heißt, die Person, mit der Du chattest, könnte sich direkt in Deiner Nachbarschaft aufhalten. Gerade hier sind Minderjährige gefährdet, weil sie zu einem Treffen verleitet werden können.” Und was ist mit den Personen, die behaupten, sie wären der festen Überzeugung gewesen, dass es eh’ keine Kinder sind, mit denen sie sich gerade unterhalten? “Die Leute sagen nicht immer die Wahrheit”, erhalten wir als Antwort. Nun, das ist natürlich die Wahrheit, aber dummerweise, wie so häufig, nicht die ganze.

Das Schrotschuß-Prinzip
Gerne verweist von Erck auf die Erfolge der Gruppe. Beispielsweise auf einen Fall aus Michigan, bei dem die Aktivitäten von Perverted Justice zur Verurteilung eines Mannes geführt hätten. Macht man sich die Mühe, sich durch die zahlreichen, veröffentlichten Chatprotokolle zu wühlen, beschleicht einen allerdings ab und an der Verdacht, die Köder würden vielleicht all zu deutlich ausgelegt. “Die Leute von Perverted Justice wollen den schnellen Erfolg”, sagt Julie Posey, Kinderschutz-Aktivistin und Betreiberin der Website Podowatch. “Sie haben keine anderen Ziele, als jemanden zu erniedrigen, um die Aufmerksamkeit der Medien zu erlangen”, fällt sie ein eindeutiges Urteil.
Aktivitäten wie Perverted Justice funktionieren nach dem Schrotschuss-Prinzip. Sicherlich treffen sie sehr oft die Richtigen, aber der Streuwinkel ist derart groß, dass links und rechts auch immer wieder harmlose Zeitgenossen angeschossen werden. Die selbst ernannten Kinderschützer nehmen das in Kauf. Wissen sie doch stets einen großen Teil der Bevölkerung hinter sich. Geht es um Sex mit Kindern, sind die Beißreflexe vieler Mitbürger größer, als ihr gesunder Menschenverstand. Die allzu zielgerichteten Verhöre vermeintlich missbrauchter Minderjähriger haben auch hierzulande schon Karrieren zerstört. Rechtsgerichtete “Kameradschaften” knüpfen durch Unterschriftensammlungen gegen Kinderpornos Kontakte mit potenziellen neuen Mitgliedern und selbst der Kanzler ließ sich, angestachelt durch die Bild-Zeitung, mit seinem “Wegsperren. Und zwar für immer” auf Bierzeltniveau hinab. Auch der Düsseldorfer Regierungspräsident Büssow, der das Internet am liebsten in ein Disneyland verwandeln würde, holt immer wieder die Moralkeule mit der eindeutigen Aufschrift hervor, wenn er für Zensur und Sperrungen des Netzes wirbt.
Von Erck ist jedenfalls von der Richtigkeit seines Vorgehens überzeugt: “Es ist ein großartiges System”, schwärmt er. Heiligenscheine blenden bisweilen auch ihre Träger. Wer sich demnächst in Chats rumtreibt, sollte sich freilich dreimal überlegen, ob er sich mit jedem Hund unterhält.

* alle Namen geändert

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Elektronische Lebensaspekte.