Knapp 4 Milliarden Mobilfunkanschlüsse soll es weltweit geben. Fragt sich nur, wer da am anderen Ende der Leitung steckt?
Text: Anton Waldt aus De:Bug 125


Pi mal Daumen
2006 verkündete die Mobilfunklobby “GSM Association”, dass 80 Prozent der Menschheit im Einzugsgebiet der Handy-Netze wohnen, aber bislang nur 40 Prozent mobil telefonieren. Aber schon Anfang April diesen Jahres begrüßte die GSM Association den dreimilliardsten GSM-Nutzer und rein rechnerisch gibt es längst für jeden zweiten Menschen einen Mobilfunkanschluss. Denn der europäische Standard GSM ist zwar unangefochten der meistgenutzte, aber alleine CDMA, der zweite globale Netzstandard, kommt noch einmal auf 534 Millionen Anschlüsse. Zusammen zählen die Platzhirsche inzwischen mehr als 3,7 Milliarden aktive Telefonnummern und damit ist die Handy-Rechnung noch nicht vorbei.

Denn neben GSM und CDMA finden noch weitere Funkstandards massenhaft Anwender, vor allem in Asien. Neben Auslaufmodellen und Obskuritäten sind darunter auch besonders fortschrittliche, zum Beispiel der japanische 3G-Standard FOMA (Freedom of Mobile Multimedia Access), der Ende 2007 von mehr als 40 Millionen Kunden genutzt wurde. Und allein die exotisch anmutende Funktechnik namens “Personal Handy-phone System” (PHS) findet in China, Japan, Taiwan und Thailand noch einmal 90 Millionen weitere Anwender. Dahinter verbergen sich Schnurlostelefone mit Festnetznummern, deren Aktionsradius auf ganze Städte erweitert werden kann. Und hinter weiteren Kürzeln wie PDC (Personal Digital Cellular) dürfte sich noch die eine oder andere Million weiterer Nutzer verbergen. Derzeit kommen die verschiedenen Mobilfunkstandards locker auf 3,9 Milliarden Anschlüsse. Die Zahl der Nutzer ist dabei schwer zu bestimmen.

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Unter der Lupe
Einerseits haben viele Menschen in den Industrieländern mehrere Handys in Verwendung. Aber in den armen Ländern ist es genau umgekehrt, hier teilen sich oft viele Menschen ein Telefon, beispielsweise in Familien, was ja auch hierzulande noch vor 20 Jahren, in der finsteren Festnetzära, durchaus üblich war. Oft werden sich aber auch zwei, drei Bauern ein Handy teilen, zudem ist der Handy-Verleih ein anerkanntes und gängiges Geschäft. Der Telefonbesitzer händigt als Dorftelefonzelle das Gerät persönlich aus und rechnet nach dem Gespräch oder dem Verschicken von SMS in Mikrobeträgen ab, die auch eine Nano-Gewinnspanne enthalten, die sich bei gutem Betrieb zu einem Durchschnittsverdienst läppern können. Der durchschnittliche Umsatz pro Kunde liegt in Schwellenländern wie den Philippinen bei zehn Dollar.

In Indien gibt es dank Preisen knapp über einem Cent pro Telefonminute aber auch schon Dutzende Millionen Handy-Nutzer, die nur noch knapp über zwei Dollar im Monat für Telefongebühren ausgeben. Bei zwei Stunden Netto-Gesprächszeit, die sich im Zweifelsfall noch viele Menschen teilen müssen, werden wohl nur wirklich wichtige Angelegenheiten kommuniziert und das möglichst effizient.
Daher schreiben besonders arme Nutzer auch besonders viele SMS, wodurch 2007 nicht weniger als zwei Billionen Textnachrichten verschickt wurden, also 2.000.000.000.000 oder eine Zwei mit zwölf Nullen. Macht pro Tag und Nutzer rund 1,5 Kurznachrichten. Der Versand einer SMS kostet beispielsweise in Kenia knapp vier Euro-Cent, für viele Nutzer keine Summe, die sie leichtfertig ausgeben können.

Beeping, Flashing, Bipage
Vor allem wenn es noch billiger, nämlich umsonst geht: einmaliges Klingeln als Aufforderung zum Rückruf ist in ganz Afrika gebräuchlich, in Ruanda “Beeping” oder “Flashing” genannt, sagt man im Sudan “Missed Call”, in Äthiopien “Miskin” und in frankophonen Ländern “Bipage”. Ebenfalls weit verbreitet ist die Morsetaktik, Verwandte, Paare oder Geschäftspartner vereinbaren Codes und können Standardnachrichten wie “Hol mich ab” für beide Teilnehmer kostenlos austauschen. Die Mobilfunker haben auf die Praxis bereits mit Beeping-Tarifen reagiert, die als höfliche Form der Schnorrertaktik vermarktet werden. Bei Vodafone-Kongo heißt der entsprechende Service “Rappelez-moi SVP” (“Ruf mich bitte an”) und kostet nur 0,75 Euro-Cent.

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Elektronische Lebensaspekte.