Gilt der Prophet nichts im eigenen Lande, verlässt er eben das Land. Detroits Fachmann für geshaketen Techno, Anthony Shake Shakir, empfiehlt sich seinen Landsleuten deshalb als Berliner (auf Zeit). Die prototypische Karriere eines Detroiter Kultproduzenten.
Text: sascha kösch aus De:Bug 44

techno

Pseudo Soul Music
Anthony Shake Shakir

Gott spricht zu uns. Durch Shake. Durch Amerika. Durch eine Ökonomie, die einen immer wieder zur Verzweiflung bringt, weil sie einfach so eintönig und langweilig ist. Verkaufen, verkaufen, verkaufen. Egal was, egal wie, Hauptsache man kennt es schon. Je billiger das Produkt, desto größer die Utopie drumherum. Das Image. Und er sagt, du sollst dir kein Bild machen. Oh Gott. Schweres Los.
Detroit Techno hat es immer schon schwer gehabt in Amerika, und nicht wenige sind daran zurecht verzweifelt, einige sind abgehaun, andere sind noch konzentrierter in den Underground gegangen, um ihre Zeit abzuwarten, die wenigsten jedoch haben, falls sie keine DJs sind, wirklich das erreicht, was man ihnen wünschen würde. Abgesehen mal von dem Kultstatus, etwas, dass man in Europa vielleicht als kulturelles Kapital handeln würde, in Amerika aber nach wie vor eher ein Achselzucken hervorruft.
Um so besser. So kann man ständig neue alte Helden ausgraben, die immer noch da sind, beständig einen Sound produzieren, der unberechenbar und unbeugbar bleibt, sich gegen jede Art von Vermarktungsstrategie sträubt, die sich nicht in das Kinderspiel der eigenen Strategien einordnen will. Shake ist so jemand. Man kann ihn immer wieder ausgraben, und immer wieder ist er neu. Von Beginn an Teil der ersten, zweiten und dritten Welle Detroiter Artists, hat er auf den meisten der legendären Label Platten gemacht, steht vermutlich in jedem gutsortieren Technoplattenschrank ein paar mal, pflegt beste Beziehungen zu den diversesten Labeln, die auch heute noch die Szene bestimmen. Aber wer kennt Shake, wenn er nicht ein Kultobjekt für ihn ist? Sollen sie doch alle auswandern, die Helden. Vorzugsweise nach Deutschland. Platz wäre noch. Und programmieren kann er auch.

Shake: Vielleicht mache ich ja Frictional nächstes Jahr von Berlin aus. Amerika will unsere Musik nicht. Amerika mag das nicht. Ich bin zu müde, um zu kämpfen. Wenn es nicht Madonna ist, dann geht’s auch nicht. Und die will ja grade weiß werden. So eine Anglophile mit gefaktem Akzent. Hat genug von den Faggots und den Schwarzen. Hurrah. Bleib wo du bist, Madonna.

DeBug: Fang doch lieber vorne an.

Shake: Ich habe mein ganzes Leben aufgelegt. Elektro und Funk, R’n’B in der Highschool. Aber kein Punkrock. Wenn es eins gibt, das wir hassen, ist es Rock and Roll. Das, was alle gespielt haben. Das letzte Parliament Album damals, Trombipulation, das ich überhaupt nicht mochte, hat mich dazu gebracht, New Wave zu hören. Englischen Kram. Die Chicago Houseszene ging damals ab. Detroit kam auch. Ich war in Kalamazoo zusammen mit Jay Denham. Eric Sims kannte Derrick und Juan und stellte uns vor, das war so 87. Und sie arbeiteten an dieser Detroit Techno Compilation, die auf 10/Transmat rauskam. Also gab ich ihnen Sequence 10. Das ist echt schlimm. Muss man mal zugeben. Aber brachte mich nach Detroit. Nach 4 1/2 Jahren hatte ich von der Schule die Nase voll und zog endlich dahin. Dort kam ich mit Juan zusammen, weil ich doch Transmat Artist werden sollte. Hatte aber kein Equipment. Dafür er. Also habe ich Produzent gespielt und ihm das Weed am laufen gehalten. Und Engineer. Aber das war nichts, ein paar HipHop Sachen, Chicagosound usw. sind so entstanden, aber wenig Wichtiges. Die erste 12″ von mir als Shake war schon 90 fertig, kam aber erst zwei Jahre später auf Metroplex. Ich musste mir einen Job besorgen, in einer Klebstoff-Fabrik, wo ich mir dann immer so Sachen anhören durfte wie: Shake, hast du wirklich ein Pferd töten müssen? Nunja. Ich konnte meine Studentenschulden bezahlen. Es kamen ein paar 12″es auf KMS usw. Dann aber traf ich Claude Young, dessen Vater ich schon im Radio gehört habe, als ich klein war, und er wurde mein Freund zu dieser Zeit, was mir, als er nach UK ging, dort ganz gute Kontake brachte. Was ich gut fand, weil meine Musik für Amerika ja nichts ist. Hat nichts mit dem Leben zu tun, wie sie es definieren. Pussy und Money. Ich habe auch nach wie vor keine Lust, einen Streit abzuziehn, damit sich jemand für mich interessiert. Musik ist mir immer noch am wichtigsten. Nenn mich naiv. Dreams die hard.

DeBug: Was für ein Equipment hast du? Deine letzten Tracks, wie zum Beispiel die für Daniel Bell, klingen sehr digital.

Shake: Als Surgeon in Detroit war, hat er mich gefragt: Darf ich mal dein Studio sehen? Und ich nahm ihn mit, und dann stand er da und fragte mich: das ist alles? Ja. Ein K2000. Das reicht. Ich habe nicht mal einen Computer. Meine Attitude ist: wenn ich auf eine Dose hauen muss, um einen Track zu machen, dann hau ich eben auf eine Dose. Alles kann ein Instrument sein. Ich bin ein Soundhack. Jede Platte, die jemals releast wurde, ist mein Drumkit.

DeBug: Es klingt halt sehr transparent, sehr klar.

Shake: Ich war früher für das Gegenteil bekannt. Sehr noisy. Ich hatte einen SB 12. Nichts weiter damals. Kevin und Juan waren erst immer ganz pikiert, wie rotzig das klingt. Bis es in war, dann meinten sie immer, hey, Shake, wenn du ins Studio kommst, hättest du nicht Lust, deinen SB 12 mitzubringen? Bei Metroplex gab es zwar genug Equipment, aber das war meins. Ich bin eigentlich kein “weniger ist mehr” Mensch. Mir fehlen aber eher die Musiker als das Equipment. Techno ist für mich Kollaboration. Das fehlt mir heutzutage ein wenig. Ich versuche auch jeden davon zu überzeugen, aber das geht wohl nicht.

DeBug: Weshalb du dann auch auf so sehr verschiedenen Labels wie Cliché, Mo Wax, Gigolo und Klang releast?

Shake: Nein, nein, nein. Nicht ganz. Wie es war. Es gab so einen Punkt, an dem ich gesagt habe: Detroit, Detroit, Detroit. Das muss einfach so sein. Aber das überlasse ich jetzt lieber Mike Banks. Und es ist großartig, wie er die Sony Geschichte dazu benutzt hat, mehr Platten zu verkaufen. Das war cool. Ich bin es aber einfach satt zu verhungern und Leute zu sehen, wie sie sich an einem Tisch sattessen, den ich mit gebaut habe. Gigolo war cool, aber als Label ist es mir zu Revisionist. Steckengeblieben in den 80ern. Ich war da schon mal, ist also für mich weniger interessant. Man kann allerdings selbst mit Retro gute Sachen machen. Als ich die Señor Coconut z.B. gehört habe, da dachte ich mir oh Gott, Kraftwerk, ich kann das nicht mehr (speziell in Detroit kann einem das ja passieren, dass man Leuten begegnet, die nur über Kraftwerk reden wollen), aber dann habe ich sie mir gestern gekauft. Über Sachen, die einen beeinflussen, schweigt man sich wohl lieber aus, sonst machen hinterher alle das gleiche. Und es kopieren nun wirklich schon viel zu viele Leute. Copycats. Ich habe gestern mit einem Journalisten aus England geredet, der dann meinte: Aber ihr habt doch auch Kraftwerk kopiert. Aber so war es natürlich nicht. Wir haben Kraftwerk für einen Weltmarkt legitimiert. Wenn wir nicht gewesen wären, dann würde die Welt heute immer noch auf den Geist von Sid Vicious warten, der ihnen Punk Rock Heaven zurückbringt. Wir kennen die Originals und die Copycats. Die Originals können ein wenig Egoman werden. Aber egal. Wir wissen alle warum.

DeBug: Warum gibt es jetzt erst ein Album?

Shake: Ich habe einfach nicht an Alben gedacht. Man musste das damals auch nicht. Mittlerweile hat man mir gesagt, dass mein Sound vielleicht sogar besser auf Alben passt. Es gibt zwar Leute, die mir sagen, dass sie sie spielen, aber gehört hab ich das noch nicht. Nicht wahr, aber nur weil ich Claude einmal drum gebeten habe….

DeBug: Sie sind rhythmisch schon mal etwas hart.

Shake: Aber ein guter DJ müsste das doch hinbekommen. Die meisten DJs heutzutage brauchen ja immer noch diesen Bums, damit sie wissen, wo sie anfangen können. Ich will ja jetzt nicht damit kommen, dass ich dieses Afrika Ding mache, aber schwarz bin ich ja schon. Für mich jedenfalls ist das nicht hart.

DeBug: Geht ja auch weniger ums mixen.

Shake: Ich habe das aber schon gehört. Da ich ja schon weiß, dass 12″es DJ freundlich sein sollten, versuch ich das hin und wieder, aber das scheint auch nicht zu funktionieren. Ich versuche doch nur, meine Miete zu bezahlen, der Familie hier und da zu helfen und der Welt ein gutes Beispiel zu sein ;). Ich habe ja mal versucht, ein Album bei Warp unterzubringen, aber denen war mein Sound zu danceorientiert. Vielleicht weil sie Leute aus Detroit prinzipiell als Technoproducer einordnen. Mit Gigolo würde ich gerne ein Da Sampla Album rausbringen.

DeBug: Was ist mit all den Labeln, die ständig Detroit Artist Alben rausbringen.

Shake: Ich dachte, das wär langsam vorbei? Kommen nicht alle jetzt hierher? Aber wir leben noch. Wenn man mich fragen würde, was in Detroit los ist, würde ich aber immer noch sagen nichts. Wenn ein Kid ein Video sieht, dann ist da kein Typ hinter einem Rechner, der Musik macht, sondern ein Typ mit ein paar Bitches und Goldkettchen, der tut, als wäre er ein Gott. Hip Hop verkauft einfach eine teurere Utopie. Mit uns muss man seinen Kopf auf etwas einstellen. Hip Hop sagt dir, was du denken musst. “Wir zahlen, fickt diese Hoes.”

DeBug: Neulich gab es in einer Detroiter Tageszeitung einen Artikel über Rolando. Sie waren glücklich, dass es mal jemand in Europa geschafft hat, den sie gar nicht wahrgenommen hatten.

Shake: Es hat eine Weile gedauert, bis ich rausgefunden habe, was da los ist. Ich glaube an Gott. Und ich glaube, das Jesus für uns gestorben ist. Aber. Das kann man nicht jedem auf die Nase binden. Nunja. Irgendwo steht: “Even in is own home town, a prophet is without honour.” Und das war Jesus, der das sagte. Also, wenn es ihm passiert, warum nicht auch mir?

DeBug: Warum denn?

Shake: Es läuft einfach so. Ich wollte mal an was anderes glauben. Ich kann es so länger für mich behalten. Detroit ist Amerika. Die sehen mich an und denken, ach, du benutzt diese kleinen Boxen zum Musik machen, aber sieh mal, Eminem, der hat Stress mit seiner Frau. Wenn ich hier bin, dann auch, um Platten in Amerika zu verkaufen. Wenn sie Techno hier suchen, dann bin ich halt jetzt Europäer.

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Elektronische Lebensaspekte.