So sehr unsere Gesellschaft auch auf den Säulen des gedruckten Buches fußen mag, und egal wie sehr der digitale Wandel alle Medien ergriffen hat, Bücher und Zeitungen hatten sich lange fast magisch gegen ihre Digitalisierung gesperrt. Während der Print-Betrieb sich in den ersten beiden digitalen Jahrzehnte quasi im Dornröschenschlaf befand und hinter haptischen Gewohnheiten und kulturellen Traditionen verschanzte, findet Lesen heute größtenteils am Bildschirm statt. Sascha Kösch erklärt warum Print kurios ist: Eine digitale Antithese in jeder Hinsicht. Und wie die Zukunft aussehen könnte.
Text: Sascha aus De:Bug 140

Wenn man über die Zukunft des gedruckten Wortes nachdenkt, ist ein kurzer Blick zurück hilfreich. Bücher, Zeitungen und anderes Druckwerk sind eng mit unserer Gesellschaft verwoben, bis tief in ihre religiösen Fundamente, aber auch mit Gesetzgebung, Kultur, Wissenschaft und Politik. Angesichts von Begriffen wie “vierte Gewalt” oder das “Buch Gottes” scheint das gedruckte Wort selbst Gesetz zu sein. Kein Wunder, dass die Vehemenz des digitalen Wandels an Print langsamer knabbert als an allen anderen Medien, obwohl es in der Logik von Bits und Bytes längst vorgesehen ist. Schon in der Ära der Einwahlmodems wäre Filesharing von Büchern allein von den Datenmengen her logisch gewesen. Direkte Bestseller-Leaks aus Verlagen, wenn es sein muss Crowdsourcing fürs Eintippen, OCR und Scene-Releases. Aber all das ist so gut wie nicht passiert. Auch wenn nicht wenige Bücher in digitaler Form in den Piratennetzen herumschwirren – an die x Gigabyte eines neuen Kinofilms vor dem Kino-Start heranzukommen, ist im Allgemeinen leichter als die 100 Kilobyte Text eines neuen Buches im Netz zu finden.

So sehr unsere Gesellschaft auch auf den Säulen des gedruckten Buches fußen mag, und egal wie sehr der digitale Wandel alle Medien ergriffen hat, Bücher und Zeitungen scheinen sich fast magisch gegen ihre Digitalisierung zu sperren. Auch wenn der eBook-Markt kontinuierlich wächst, ist er noch Jahre davon entfernt auch nur halb so viel über die digitale Ladentheke zu schieben wie der AppStore für das iPhone. Man mag sich fragen, ob das auf allen Seiten Ehrfurcht vor dem gedruckten Wort ist, eine tief sitzende Angst, diesen Boden unserer Kultur zu verlassen, ein über Jahrhunderte gewachsenes Phänomen aus Verstrickungen der politischen Klasse mit dem Journalismus, inkompatible Zielgruppen, oder einfach nur Gewohnheit. Gewohnheit des Lesens, der Macht. Print jedenfalls – so sehr es auch zur Zeit unter Zugzwang zu stehen scheint – hat sich tapfer und nahezu erfolgreich gegen die Digitalisierung gewehrt.

Null-Strategie
Print ist kurios. Eine digitale Antithese in jeder Hinsicht. Während in Musik- und Film-Kreisen mittlerweile selbst bis in die oberen Branchenetagen offen darüber gesprochen wird, dass Piraterie kaum zu bändigen und was veröffentlicht ist, auch kopiert wird, sowieso alles umsonst zu haben ist, und man irgendwie nichts dagegen machen kann, dass sogar DRM aufgegeben wurde, galt die Sorge der Buchhändler (man vergleiche die Menge der Buchhandlungen mit der der Plattenläden) lange Zeit eher Amazons Mailorder-Geschäft mit dem gedruckten Wort und nicht den eBooks. Und Zeitungen leisteten sich teure Webseiten, ohne dabei zu wissen, wie man die refinanzieren könnte, von kostenpflichtigen Abonnements für digitale Inhalte ganz zu schweigen.

Die große Sorge des Print-Betriebs, der sich die ersten beiden digitalen Jahrzehnte quasi im Dornröschenschlaf befand, galt nicht etwa dem drohenden digitalen Tsunami einer Wandlung von Print ins kommende digitale Medium, sondern eher der Verteidigung ihrer Inhalte in der digitalen Sphäre. Viel wurde um Ehre und Qualität des Journalismus lamentiert (böse Blogger), wobei die eigenen Arbeitsgrundlagen nicht selten so verklärt wurden, dass sie mit der Realität nichts mehr zu tun haben.

Eine Zeitung war bestenfalls als PDF zu kaufen. Statisch wie sein Vorbild, aber höchst unpraktisch zu lesen, denn Computer haben Bildschirme im Querformat. Strategisch-finanziell hat Print in den letzten Jahren vor allem obskure Blüten getrieben, und wenn sich ein Medienmogul wie Rupert Murdoch zum Thema äußerte, war der Lacher fast garantiert: Querfinanzierung durch Suchmaschinen, sich Google verschließen, dafür aber von Microsoft bezahlen lassen. Google News dabei als Bösewicht ausgemacht zu haben, war in ungefähr so, als würde man von Kiosken verlangen, dass sie Zeitungen selbsttätig in undurchsichtige Plastikfolien verpacken, damit auch ja niemand über die Schlagzeilen blättert.

Irrational
In der Musik- und Filmindustrie hat man – wenn auch spät – wenigstens noch versucht, einen Fuß in die neuen Distributionswege zu bekommen, eigene Download-Portale zu etablieren, oder die neuen Geschäftsfelder mit bombensicheren 360-Grad-Knebelverträgen abzusichern. Print scheint seine materiellen Grundlagen in der tief verwurzelten Geistigkeit irgendwie zu verkennen. In Zukunft könnte eine Zeitung als so etwas wie ein monofunktionales Abspielgerät mit gebündeltem Inhalt gelten. Aber selbst zwölf Jahre nach dem ersten eBook-Reader ist der erste “Publisher” der ein eigenes Gerät rausbringt, Barnes & Noble, immer noch eher Buchhändler.

Es mag auch auf der Usability-Seite viele offensichtliche Gründe geben, warum Print seinen Weg ins Digitale noch nicht gefunden hat. Haptik und Lesbarkeit sind die beliebtesten. Aber eben auch die mystische Vorliebe für das analoge Papier, auch wenn nahezu der komplette Entstehungsprozess von Print-Produkten mittlerweile digital ist. Von der Recherche, über die Schreibarbeit, das Layout bis hin zu den Druckrobotern. Die allseits gepflegte Vorstellung, dass man auf Bildschirmen nicht lesen kann, wird selbst von denen noch standfest wiederholt, die ihre Tage lesend und schreibend an Displays verbringen.

Schlechte Haptik unterstellen selbst die, die bei einem eBook-Reader als allererstes bemängeln, dass er keinen Touchscreen hat, und in der U-Bahn lieber das iPhone zücken, statt ihre Nachbarn mit einem rauschenden Papierfächer zu nerven. Durchsuchbarkeit von Inhalten, Verfügbarkeit und Menge von Inhalten pro Gewicht, Haltbarkeit und viele Grundlagen digitaler Medien, die man auf anderen Feldern nicht mehr missen möchte, stoßen bei den Verfechtern von Druckwerken gegen das digitale Zeug meist auf taube Ohren. Ein Feind muss abgewehrt werden, Irrationalität das erprobte, probate Mittel.

Kindle & iPad
Ausgerechnet zwei Geräte haben diese sturen Vorstellungen in den letzten Jahren aufgebrochen. Beide nicht unbedingt wegen dem, was sie wirklich können, sondern der Macht dahinter. Zuerst der Kindle. Ungefähr zu der Zeit, als Amazon endlich den klassischen, physischen Buchladen mit seinem Onlinestore überrundet hatte (Ende 2007) kam der Kindle. Der größte Buchverkäufer verkauft jetzt eBooks im eigenen Netz. Das musste etwas bedeuten. Doch während die Telcos dem iPhone weltweit ihre eigenen Margen opferten, fand sich außerhalb der USA nicht einer, der das Whispernet in seine Frequenzarme nehmen wollte, noch heute ruft ein Kindle bei jeder Suche, jedem Einkauf im amerikanischen AT&T-Netzwerk an.

Aber Roaming ist wohl kaum die Zukunft. So viel auch von der Zukunft des Buches im Digitalen geredet wurde, irgendwie schien das Schwarz-Weiß der wirklich gut lesbaren E-Ink wenig verlockend. Die Übergänge von einer Seite zur nächsten ließen sich dem digital auf Geschwindigkeit getrimmten Auge einfach nicht als coole Transitions verkaufen, sondern wirkten wie jede Langsamkeit eher wie ein unerwarteter Schritt in die Vergangenheit. Und die Tastatur, vor allem aber der fehlende Touchscreen, wie ein Relikt. Die Message “Lesen ist altmodisch” war bis in die tiefsten Innereien der Bedienung, des GUI, der Hardware eingeschrieben. Dabei wollten wir alle die Zukunft lesen.

Das zweite Gerät, das iPad, hat schon vor Erscheinen für den Apple-üblichen Realitätsverzerrungswahn gesorgt. Die Hoffnung: Jetzt übernimmt Apple die Zukunft des Print. Im Alleingang, wenn es sein muss. Die Revolution des iPhone wird wiederholt. Die Realität: Das iPhone wurde wiederholt. In größer. Mit weniger Funktionalität (keine Kamera). Die geistige Grätsche, mit der die Enttäuschung über das geschlossene System, das jetzt Revolution sein soll, im Nachhinein von den Spöttern bedacht wurde, ist beachtenswert.

Ein neues Medium ist geschaffen. Der Computer wird verabschiedet, der Konsument bekommt seinen Pseudorechner. Sein Medium für alles. Die Schrift Gottes hat 25 Zentimeter Leuchtfarbenmultitouch. Etwas ergonomischer als die Steintafeln der 10 Gebote. Aber ebenso drängend. Den digitalen Bilderrahmen hätte auch niemand ihren sensationellen Aufstieg vorhergesagt. Eine Ähnlichkeit der beiden Konzepte lässt sich aber auch nicht verschweigen. Doch die erwartete Revolution, das “Werft das gedruckte Wort in den Mülleimer, hier kommt die neue Schrift” will sich auch hier nicht so recht einstellen.

Undeep Reading
Da wir mit Sicherheit alle mehr als zwei Drittel unserer Wachzeit mit Bildschirmen verbringen, ist die Entkoppelung des Bildschirms vom Schreibtisch nur logisch. Die Laptop-Revolution hat nicht ohne Grund dafür gesorgt, dass in den Betten nicht mehr Kinder im Weg liegen, sondern Rechner. Und das Makel des saftlosen Zweitrechners ist längst vergessen. Fehlendes Multitasking hat auch das iPhone nicht daran gehindert, zum Paradigma der mobilen Welt, vor allem aber zum Quell unerschöpflichen Reichtums zu werden. Diese Lücke, den bildschirmlosen Alltag, wird das iPad füllen.

Halb Küchenrechner, halb transportabler Fernseher, halb mobiles Internet, halb Daddelstation, halb eBook-Reader. Die Liste könnte weitergehen. Das iPad erfüllt so viele Hälften, dass es sicher seinen Platz finden wird. Der Wert ist aber auch sein Makel. So wie iPhones zu einer neuen Subsparte der Kriminalität geführt haben, wird sich das iPad wohl zuerst nur in “sicheren” Umgebungen – ICE, Flugzeug, bestimmte Cafés – in die Öffentlichkeit trauen. Die großen Lesezentren, U-Bahn, etc. bleiben vorerst den beliebten monofunktionalen Abspielgeräten aus Baumresten vorbehalten, die sich jetzt über eine integrierte Zusatzversicherung freuen können. Ihre monetäre Irrelevanz. Aber der Druck auf die Wandlung von Print zum Digitalen sollte nicht unterschätzt werden. Zumindest die digitalen Buchpreise steigen.

Während der iBookstore Amazon eigentlich wenig entgegenzusetzen hat außer bunten Illustrationen, besseren Transitions und beide die Qualität des “deep Readings”, des ununterbrochenen Lesens, das so essentiell für Bücher ist, auf unterschiedliche Weise erfüllen (kein Multitasking, bzw. eh keine anderen Funktionen), bietet das iPad aber vor allem Zeitungen einen neuen Weg. Die stürzten sich zuletzt ja schon auf Apps und können in Zukunft ihre Inhalte breitformatiger wirklich als Zeitungsersatz verkaufen. Während es Apple halbwegs egal sein kann, dürfen sich Verlage nun allerdings damit herumschlagen, wie sie sich und den Lesern logisch ihre eigene Konkurrenz von der Zeitung auf Papier und der in der App verkaufen. Beides ist letztendlich nicht mehr als eine Webseite. Doch während die Verleger an genau dieser Frage die nächsten Jahre weiter knabbern dürften, stehen längst die nächsten Revolutionen vor der Tür.

Alles nur Vorspiel
Die Entwicklung der Screens macht nicht Halt beim starren Format. Flexible Bildschirme befeuern nicht mehr als Traum, sondern als Prototypen die Phantasie. Die ersten Bildschirme tauchten schon letztes Jahr als Anzeige in Magazinen wie Entertainment Weekly auf, um die Grenze zwischen Druck und Screen noch mehr zu verwirren. Die Batterie der Zukunft (1 Gramm schwer, weniger als 1 Millimeter dick) ist selbst druckbar und steht beim Fraunhofer Institut für die weitere Elektronisierung des Drucks bereit. Print-On-Demand liefert schon jetzt auf persönliche Vorlieben zugeschnittene Tageszeitungen. Die Möglichkeiten von RFID in Zeitungen sind noch nicht einmal ansatzweise durchgespielt, und Augmented Reality könnte nicht wenige Fragen möglicher Querfinanzierungen von Print und Online lösen.

Die Zukunft des Print ist längst nicht entschieden, aber die Aufweichung der Differenzen zwischen Druck und Netz geht zumindest jetzt schon in eine überfällige neue Runde. Und wenn das iPad nur das Bewusstsein dafür in den Chefetagen der Medienkonzerne geschärft hat, wäre das schon die eigentliche Revolution. Print und Netz ist kein Gegensatz sondern ein Spiel, das auf den Ebenen der Usability, der Finanzen, der geschichtlichen Tragweite und nicht zuletzt aus ihrer gegenseitigen Verstrickung heraus verstanden werden muss. Und erst wenn sich dieses Verständnis langsam am Horizont zeigt, wird klar werden, dass die jetzigen Kämpfe eher ein Randschauplatz waren.

Aus dem Special in De:Bug 140: PRINT: UNTER DRUCK

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Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses

  1. Johannes

    Das es immernoch schwer ist, Bücher Zeitungen etc. im Netz zu klauen ist doch für die Verlage super. Es ist halt immernoch ein ziemlicher Act so ein Buch zu digitalisieren im Vergleich zu Musik oder Film. Bevor man dazu übergeht alle Veröffentlichungen in digitaler Form bereit zu stellen ist es vielleicht eine gute Idee sich um eine angenehme Platform für den Verkauf zu bemühen. Amazon ist da sicher schon hinterher.

    Gerade für Zeitschriften fänd ich es super praktisch eine gemeinsame Anlaufstelle für alle Veröffentlichungen zu haben. Ich möchte ein paar Themen von bestimmten Veröffentlichungen abonieren, die mir dann schön zusammengepackt zum herunterladen angeboten werden. Die Bezahlung kann dann z.B. anteilig nach Artikelumfang erfolgen, das wäre toll.

    Keine Lust hab ich auf 10 Abos auf unterschiedlichen Seiten wo ich dann jeweils 3-4 Artikel lese und wo ich zehn mal den gleichen Verwaltungsaufwand habe. Da müssten sich die Leute mal zusammenraufen und ein Verkäufer wie Amazon wären sicher bereit so eine Platform zu entwickeln und zu betreiben.