Die unterkühlte Discomaschine Antonelli Electr. hat eine geheime Zweitprofession. Sie legt Fisch-Mosaike. Das Jesus-Symbol an der Badezimmerwand, ein Flaschenpostherz in der Hand und ein schüchternes E-Piano auf Band wandelt Antonelli Electr. auf seinem neuen Album den Pfad verletzlicher Liebespoesie im Minmalmantel. What a solution.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 66

Draußen an der Wand des Clubs ist ein riesengroßes großartiges Mosaik. “Es ist schade, dass kaum einer mehr Mosaike macht”, jammer ich Antonelli vor. Sagt er: “Ich mache Mosaike.” “Nicht wirklich?” Antonelli, keiner dieser kölschen Zimmermänner, sondern ein Düsseldorfer Mosaikfachmann, der geheimen Berufe der Technostars geheimster Teil? “Doch, in meinem Bad über der Badewanne habe ich eins gemacht, einen großen Fisch, und in unserem anderen Bad auch eins. Jörg Burger möchte auch eins. Eine Freundin von mir, Künstlerin, hat neulich auch eins für eine Ausstellung gelegt. Einen ganzen Boden, einen Teppich. Leider nicht permanent. Der wurde am Ende weggefegt.” Trist. Wir sind betroffen. So ist das mit der Kunst der Mosaike.

Fortgeschrittenenkurs Hobbypsychologie

Sie kommt, geht, wie mit dem Wasser, das in einem Badewannenmosaik schon gegangen ist (ist ja nur noch ein Symbol), aber auch immer wieder mal kommt (ist ja schließlich eine Badewanne drunter). Oder auf dem Cover seines neuen Albums “Love and other solutions”. Dort ist ein Herz (“Kitschig, aber nicht zu kitschig, das Cover, oder?”, “Ja, erst war es rot, das war zuviel.”), mit stilisiertem wellenförmigem Sinuswasser gefüllt, und so einen Stopfen wie eine Flaschenpost im gendergebendeten Feldflaschenformat hat es auch noch. Die Marine ruft. Wir reden also über die Liebe. Oder drumherum. “Ich bin ja eher auf der Seite der Liebe”, sagt Antonelli, oder habe ich das irgendwie missverstanden? Denn, klar kann man einen Albumtitel nicht erklären, aber man kann immer darüber reden, was er alles hätte sein können und nicht sein sollte. “Ich wollte also nichts entgegenstellen, so wie in Liebe und …” Das, was noch ist, sollte kein Gegensatz sein. Also wird Liebe eine Lösung, solution, etwas Flüssiges, das nicht wirklich einen Zustand haben muss, wenn es sich auf sein Anderes bezieht. Jan würde mich jetzt vermutlich wieder Hobbypsychologe schimpfen.

Es ist eine sehr zarte Platte. Eine Art Luftschloss. Auf der Rückseite des Covers entweicht die Luft aus dem kleinen Feldflaschenherzen. Technohelden machen Platten für die Liebe, ein verkitschter Haufen. “Ich glaube, es ist irgendwie die Zeit für solche Schallplatten”, schlage ich vor. “Ja, irgendwie glaube ich das auch.” “März wäre ein Beispiel, nicht nur weil ihre Platte ‘Love Streams’ heißt …” Aber März ist ja auch Folk, und Antonelli hat zwar ein E-Piano, auf dem er seine Melodien testet, aber ansonsten sind seine Sets nach wie vor straight und durch die kleinen Kästen bedingt, die Sounds klar und ohne Abweichen von der einmal gesetzten Linie eines anderen Minimalismus. Anders als der, für den Köln steht, ein eher harmonisch sequenzielles, glitzerndes, schwer zu fassendes Ding, dem meist nur Jörg Burger sehr nahe kommt, weshalb sie auch gerne zusammen Musik machen. Für “Love and other solutions” hatte Antonelli so etwas wie einen Plan. Der Masterplan schlechthin. “Ich wollte mich überraschen.” Und das von jemandem, der seine Tracks wirklich gut plant, wo alles sitzt, der fast schon darüber schmunzelt, wenn man ihn akkurat nennt, und der Recht hat, wenn man herausfindet, dass es eigentlich immer noch Antonelli ist, sehr klar und schwer zu verwechseln, den man auf “Love and other solutions” hört. Es ist kein Genre, was Antonelli macht, “man hat nicht den Rückhalt, den ich mir schön vorstelle, wie z.B. die Kölner”, aber man hat einen Stil, für den man selber allein verantwortlich ist und mit dem man brechen kann, ohne ihn loswerden zu können. Und wie dieser Bruch, den man nicht los wird, weil er sich selber sofort wieder kittet und zu einem neuen Mosaik zusammenfügt, ist “Love and other solutions”.

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Elektronische Lebensaspekte.